Buchkritik

Cover-Geschichten: „Hamburg ist toll beim Rock 'n' Roll“

Das John-Lennon-Album „Rock ‘n’ Roll“ an dem Ort, an dem das Coverfoto entstand: an der Wohlwillstraße.

Das John-Lennon-Album „Rock ‘n’ Roll“ an dem Ort, an dem das Coverfoto entstand: an der Wohlwillstraße.

Foto: Bernd Jonkmanns

„Hamburg Vinyl“ von Bernd Jonkmanns und Christoph Dallach versammelt Plattencover mit Stadtmotiven und zahlreichen Anekdoten.

Hamburg. John Lennon hat es getan, Jimi Hendrix auch, und Fettes Brot natürlich sowieso: Hamburg zum Motiv für eines ihrer berühmten Plattencover gemacht. Hier geht es also um „Hamburg Vinyl“ – so auch der Titel eines neuen Bildbands von Fotograf Bernd Jonkmanns und Autor Christoph Dallach. Untertitel: „33 Hamburg-Cover und ihre Geschichte“.

Wobei als „Hamburg-Cover“ in Ausnahmefällen auch gilt, wenn das Wort „Hamburg“ lediglich groß auf der Hülle steht – so bei „Live! At The Star-Club In Hamburg, Germany; 1962“ von den Beatles und beim Clash-Livemitschnitt „Live In Hamburg“. In der Regel haben die damals meist von den Plattenfirmen beauftragten Fotografen die jeweiligen Künstler zwischen 1963 (Freddy Quinn) und 2016 (Dead Eagle Club) tatsächlich in Hamburg fotografiert. Der Reiz des Bandes besteht darin, dass Jonkmanns und Dallach zu diesen Orten gefahren sind und in „Hamburg Vinyl“ jeweils ein aktuelles Foto dem historischen Plattencover gegenüberstellen beziehungsweise das eine ins andere integrieren.

Dazu gibt es interessante Hintergrundgeschichten, die sich bisweilen über vier Seiten erstrecken, sowie den aktuellen Marktwert des Tonträgers.

Auch John Lennon ist dabei

Natürlich darf das John-Lennon-Album „Rock ‘n’ Roll“ hier nicht fehlen. Auf dem Cover: der bereits 1961 in einem Hauseingang an der Wohlwillstraße 22 fotografierte Ex-Beatle – bis heute ein überaus beliebtes Touristenmotiv. Ein weiterer Selbstgänger: Jan Delays „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“, das ein abendliches Foto von der Sternbrücke ziert.

So weit, so erwartbar, doch die eigentlich Qualität des Buches liegt in den Anekdoten. Etwa zu Sonny & Cher, die 1965 vor dem Hotel Atlantic posierten, nachdem sie für einen Geld-spielt-keine-Rolle-Einkaufsbummel durch die Stadt gezogen waren. Kurios: Cher wurde nicht in die Hotelbar gelassen, weil sie einen Hosenanzug trug – die Plattenfirma musste für seine Künstlerin einen Nebenraum im Atlantic mieten.

Und über Jimi Hendrix heißt es hier, er habe das bunte Outfit gehasst, dass ihm von seinem Management verordnet wurde und auf die Frage eines Hamburger Journalisten, was er denn mit seinem ganzen Geld anfange, seinen Manager verblüfft fragte: „Wir verdienen Geld?“

Wunderbar sind auch die Vinyl-Kuriositäten, die ins Buch gefunden haben, etwa die Single eines gewissen Lutz Börner, der 1981 sang „Hamburg ist toll beim Rock ‘n Roll“ und für das Covershooting lässig im Kunstleder-Outfit an den Landungsbrücken posierte. Schrecklich-schön natürlich auch die Maxisingle „So siegte der HSV“, mit der 1983 Meistertitel und Europapokalgewinn gefeiert wurden – ja, ist lange her …

Buch für Plattensammler

Und erinnert sich noch jemand an die Hamburger Arroganz? Das war eine Poppertruppe, die mit „Livin’ In Hamburg“ auf international machte und sich für das Cover einer Jungfernstieg/Alster-Illustration von Wolfgang Joop bediente. „Ob die Hamburg-Popper-Jubel-Texte der Hamburger Arroganz Ironie oder brutaler Ernst waren, ist schwer zu sagen“, heißt es hier. Auf jedem Fall ist der Luxusmarken-Fetischismus über die Jahrzehnte nicht abgeebbt, wie die aktuelle Begeisterung chronisch taschengeld-klammer Jugendlicher für absurd bepreiste Kenzo-Pullover oder Louis-Vuitton-Taschen zeigt.

Es gibt eine Menge zu entdecken in diesem Band, von der All-Girl-Band The Liverbirds an der Alster über das geniale Hamburger Dilletanten-Quartett Palais Schaumburg in Hagenbecks Tierpark bis hin zu hamburgensischen Platten von Tom Waits, Hannes Wader und – natürlich! – Udo Lindenberg. Die kurioseste Veröffentlichung ist allerdings einem gewissen Fridolin Ettl gewidmet: „Zum 25-jährigen Dienstjubiläum am 4. Nov. 1974“ heißt es auf dem Cover, das ein hässlich-funktionales Gebäude am Heußweg zeigt, einst Heimat der Plattenfirma Teldec. Der Geehrte selbst ist mit einem Passfoto aus der Abteilung „Zur Fahndung ausgeschrieben“ vertreten. Ein klingendes Mysterium, deren Wert sich nicht beziffern lässt: Die Platte taucht in keiner der von den Autoren durchsuchten Datenbanken auf.

„Hamburg Vinyl“ sei eine Hommage „an die glorreichen Zeiten der Schallplatte mit ihren herausragend fotografierten und gestalteten Covern“, heißt es in einem kurzen Nachwort. Ja, dies ist ein Buch für Nostalgiker und Plattensammler, aber auch für Hamburg-Verrückte – also in der Summe für (fast) alle.