"The Sound Of Ice“

Hamburger Künstlerin in Arktis und Antarktis unterwegs

Die Hamburger Künstlerin Jeannine Platz (46) in ihrem Atelier in Altona.

Die Hamburger Künstlerin Jeannine Platz (46) in ihrem Atelier in Altona.

Foto: Marcelo Hernandez

Die neuen Bilder von Jeannine Platz sind auf ihren Expeditionen entstanden. Wie die Idee für „The Sound Of Ice“ entstand.

Hamburg.  Unzählige Kunstwerke haben ihre Farbspuren auf dem Boden hinterlassen, Hunderte Kalligraphien bedecken die Wände. Auf einem Tischchen zwischen zwei Sofas steht ein schlichtes japanisches Teeservice: Jeannine Platz hat ihr Atelier in einem Altonaer Hinterhof gemütlich eingerichtet. Für ihr Projekt „The Sound of Ice“ in der Barlach Halle K hat sich die Hamburger Künstlerin auf zwei Expeditionen begeben.

Hamburger Abendblatt: Ihr neues Kunstprojekt heißt „The Sound Of Ice“ – wie klingt Eis für Sie?

Jeannine Platz: Es klirrt, es knackt, es flackert ... Es sind ganz viele Farben in den Klängen. Es ist laut in der Ferne, aber auch ganz fein und zart wie eine Triangel. Zerbrechlich und mächtig. Ich hab die Geräusche in mir abgespeichert und im Atelier wieder hervorgerufen.

Wie entstand die Idee zu dem Projekt?

Platz: Vorher war ich für mein Projekt „Suite View“ auf zweijähriger Weltreise ...

Sie haben aus Hotelsuites den Ausblick auf die Stadt gemalt.

Platz: Genau. Da war alles laut, bunt, expressiv. Nach der Ausstellung war mir klar: Jetzt möchte ich genau das Gegenteil malen. Komplett kontrastreich, so monochrom es geht. Und da hab ich automatisch an Weiß gedacht. Ich wusste: Dafür muss ich an den Nordpol fahren.

Wie liefen die Vorbereitungen?

Platz: Ich hab viel recherchiert und entdeckte das Unternehmen Poseidon Exhibitions. Ich habe den Expeditionsleiter Jan Bryde angerufen und ihm mein Projekt erklärt. Er fand die Idee sofort toll. Nach Rücksprache mit dem Konzernpräsidenten sagte er: Wir nehmen dich mit – in anderthalb Jahren geht es los. Das hätte ich nicht ausgehalten! Ich kann es überhaupt nicht ertragen zu warten. Ich habe eine Idee und möchte am liebsten sofort damit loslegen. Zur Überbrückung der Zeit haben sie mich erst einmal in die Antarktis mitgenommen

Sie waren somit erst in der Antarktis und später am Nordpol. Welche Unterschiede haben Sie auf Ihren Reisen wahrgenommen?

Platz: Die Antarktis war eigentlich nur als Vorbereitung gedacht, aber im Nachhinein merke ich, dass mich die Antarktis nachhaltiger berührt. Die Gletscher, die Berge, dieses Massive und Mächtige – das war gigantisch. Und anstatt das Weiß zu finden, nach dem ich auf der Suche war, leuchtete alles blau und türkis. Der Nordpol war viel rauer. Die Landschaft ist karg, eine richtige Eiswüste.

Sind Sie auf Ihren Reisen immer allein?

Platz: Meistens schon. In die Antarktis hat mich mein Vater begleitet. Er hat den Platz eines abgesprungenen Gastes übernommen. Er hatte diesen Traum schon lange, aber allein hätte er es nicht gemacht. Am Nordpol war ich ganz alleine.

Gab es einen besonderen Moment im Eis?

Platz: Einmal habe ich alle Gäste gebeten, für einen Moment nicht zu rascheln, zu husten oder zu sprechen, sondern eine Minute einfach zu sein. Das war der schönste Moment in der Antarktis, als man wirklich nur die Natur gehört hat. Und am Nordpol war es natürlich der Eisbär.

Sie haben einen Eisbär gesehen?

Platz: Ja! Das war wirklich ein Erlebnis, das bis heute noch nachhallt. Ich war gerade kurz schwimmen, als der Kapitän des Schiffes den Eisbären entdeckt hat. Hätte er ihn nicht gesehen, wäre das eine unschöne Begegnung geworden! Denn Eisbären jagen immer, auch wenn sie schon satt sind.

Sie malen Ihre Bilder immer mit den Händen statt mit dem Pinsel, Ihre Werke leben von Berührung. War es eine Herausforderung für Sie, im Eis zu malen und zu merken, wie durch die Kälte das Gefühl aus den Händen verschwindet?

Platz: Ja, auf jeden Fall. Ich hatte nur dünne Handschuhe unter den Latexhandschuhen an – da waren meine Hände sofort durchgefroren. Aber es war auch wichtig für das Projekt, dass ich die Kälte wirklich spüre. Teilweise habe ich auch mit dem Eis gemalt.

Sie sagen über Ihre Kunst, dass sie Menschen berühren soll. Gibt es auch gesellschaftspolitische Themen, die Sie mit Ihren Bildern transportieren möchten?

Platz: Bei den Polen hätte man natürlich auch über das Thema Klimaschutz sprechen können, aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, die Schönheit der Landschaft zu zeigen. Ich denke, für das Politische sind andere Menschen zuständig, Aktivisten oder Journalisten. Menschen, die sich mit dem Thema viel besser auskennen als ich. Ich zeige das, was noch da ist und das, was ich gesehen und gefühlt habe.

Sie haben vorhin Ihr Projekt „Suite View“ erwähnt, für das Sie – vor „Sound of Ice“ - die Ausblicke auf Weltmetropolen aus Luxussuites gemalt haben. Ein ziemlicher Kontrast. Warum haben Sie den luxuriösesten Blick auf eine Stadt gewählt?

Platz: Das war eher Zufall. Ich wollte den höchsten Blick auf eine Stadt erhaschen, den Horizont finden. Und ganz oben sind eben die besten Zimmer. Es hätte auch ein Putzraum sein können, das wäre auch okay gewesen.

Woher kommt Ihre Sehnsucht nach dem Horizont?

Platz: Ich bin ein sehr dynamischer Mensch und immer auf dem Sprung. Deshalb fühle ich mich am Hamburger Hafen auch so beheimatet. Da ist nie Stillstand, es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Aber ich trage eben auch eine Sehnsucht nach Stille in mir. Und die finde ich in der Malerei. Bei einem Blick in die Weite werde ich komplett ruhig. Dieser Kon­trast macht mich aus.

Wie geht Ihre Familie damit um, dass Sie so oft unterwegs sind?

Platz: Die kennen mich ja nur so. Mit einem Mann, der das nicht versteht, könnte ich gar nicht zusammen sein. Und wenn er ein Problem damit hätte, würde ich es trotzdem machen (lacht). Meine Kinder sind sehr selbstständig aufgewachsen. Einmal habe ich sie gefragt, ob es schlimm ist, dass ich wieder wegfahre und sie meinten: „Mama, du schaffst das schon.“

Jeannine Platz: „The Sound Of Ice“ 22.11., 11.00–18.00, 23.11., 11.00–16.00, 24.11., 11.00–18.00, Barlach Halle K, Klosterwall 13