Engelsaal

Alles, was man an Berlin mag – in Hamburg auf der Bühne

Nach dem Tod von Karl-Heinz Wellerdiek ist die Operette „Frau Luna“ die erste große Eigenproduktion im Engelsaal.

Hamburg.  Fritz Steppke hat alles, was man an Berlin mag. Der Mechaniker sagt frei heraus, was er denkt. Er ist ironisch. Begeisterungsfähig. Und er kann Dinge absolut nicht korrekt einschätzen. „Wenn wa eens können in Balin, dann is det Orjanisieren!“, sagt er im Brustton der Überzeugung, und wer einmal am Alexanderplatz auf die S-Bahn gewartet hat, der weiß, dass in Berlin vieles funktioniert, die Organisation aber nicht. Aber Steppke glaubt, was er sagt, und weil er dabei so reizend lächelt, glauben wir es ihm auch. Ganz kurz.

Philip Lüsebrink spielt diesen Fritz Steppke in Paul Linckes 1899 uraufgeführter Operette „Frau Luna“ im Hamburger Engelsaal mit jungenhaftem, proletarischem Charme: ein Traumtänzer, der vor allem deswegen zum Mond reist, um mal was anderes zu sehen als nur die Molle in der Eckkneipe und sein Mariechen. Und der, kaum auf dem Mond angekommen, schon wieder Sehnsucht hat nach Molle und Mariechen. Unstet. Aber süß. Und gesungen von einem tonsicheren Tenor, der den Schmelz dieser Stimmlage immer mal wieder ironisch bricht. Alles, was man an Berlin mag.

Erste große Eigenproduktion von Lüsebrink

Nach dem frühen Tod von Engelsaal-Intendant Karl-Heinz Wellerdiek Anfang des Jahres ist „Frau Luna“ die erste große Eigenproduktion unter der Leitung von Lüsebrink. Und der schließt nahtlos an das Erfolgsrezept des Hauses an: Musiktheater als fröhliches Volkstheater. Dass das Konzept funktioniert, zeigte sich schon bei der öffentlichen Generalprobe: Begeistert ging das Publikum mit, spendete Szenenapplaus, klatschte im Rhythmus, sang gar bei „O Theophil, du warst mein alles auf der Welt!“ aus voller Kehle mit. Was natürlich kein bis ins letzte sensibel ausgedeutetes Kunsterlebnis bedeutet, sondern vor allem: einen großen Spaß.

Viel mehr als das will die von Komponist Lincke begründete „Berliner Operette“ ja auch nicht sein: Spaß, derb, gewitzt, mit Proletariern als Helden im Gegensatz zum höfischen Ambiente der Wiener Operette (das an einer Stelle hübsch parodiert wird). Im Engelsaal von Herbert Kauschka minimalistisch für ein Trio aus Klavier, Kontrabass und Violine arrangiert und von fünf Sängern in Doppelrollen auf die Bühne gewuchtet, neben Lüsebrink Viktoria Car als Mariechen mit lustigen Kieksern im So­pran, Karin Westfal mit Berliner Derbheit, dem erzkomödiantischen Bariton Stefan Linker sowie Allzweckwaffe Sven Dahlem. Lustig. Hintergründig. Reizend.

Nach knapp zwei Stunden sind die Mondfahrer des Erdtrabantens müde, das Heimweh ruft an die Spree. Eine letzte Nummer: „Das ist die Berliner Luft“, der große Hit Linckes, dann ist der Spaß zu Ende. Und die S-Bahn kommt, wie schön. Nichts gegen Berliner Luft, aber Hamburg hat auch was für sich.

„Frau Luna“ wieder am 17. 11. + 31. 12., 15 Uhr, Hamburger Engelsaal, Valentinskamp 40–42, Karten unter 319 74 76 99, www.engelsaal.de