Literatur

Salman Rushdie: „Mein Charakter ist absurd gut gelaunt“

Salman Rushdie las im Altonaer Theater und stieg dafür im Vier Jahreszeiten ab.

Salman Rushdie las im Altonaer Theater und stieg dafür im Vier Jahreszeiten ab.

Foto: Andreas Laible

Autor brachte neuen Roman „Quichotte“ nach Hamburg. Dessen Optimismus sei eine Übertreibung seiner eigenen Zuversicht.

Hamburg.  Salman Rushdie gehört zweifellos zu den wichtigsten englischsprachigen Autoren der Gegenwart. Der 1947 in Mumbai Geborene wuchs in Großbritannien auf und begann in den 1970er-Jahren erste Bücher zu veröffentlichen. Sein erster großer Erfolg war 1981 „Mitternachtskinder“. Acht Jahre später veröffentlichte er „Die satanischen Verse“ und wurde im Jahr darauf von Ayatollah Chomeini mit einer „Fatwa“ belegt, einer Todesdrohung, weil er darin angeblich den Islam beleidigt hatte.

Gut zehn Jahre lang musste er mit strengen Sicherheitsmaßnahmen leben, an ständig wechselnden Wohnorten, unter falschem Namen. Rushdie wurde in der Folgezeit mehrfach mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Sein aktueller Roman „Quichotte“ war ebenfalls für diese britische Literaturauszeichnung nominiert. Gestern las Rushdie daraus im Altonaer Theater.

Hamburger Abendblatt: Herzlich willkommen in Hamburg, Mr. Rushdie ...

Salman Rushdie: Es ist immer gut, hier zu sein. Das letzte Mal als ich in diesem Raum im Hotel Vier Jahreszeiten war, kam eine junge sehr hübsche Frau auf mich zu und stellte sich vor. Es war Tatjana Patitz, ein Fan, wie sich herausstellte. Heute sind wir befreundet.

Ich weiß nicht, ob wir das heute überbieten können. Warum haben Sie diese kleinen Marzipan-Schwarzbrote mitgebracht?

Rushdie: Die habe ich vom Günter-Grass-Haus geschenkt bekommen, weil ich für sie gerade ein Video gedreht habe. Sie hatten dafür die kleine Olivetti-Schreibmaschine mitgebracht, auf der er die „Blechtrommel“ geschrieben hat. Ich habe mich mit ihr zusammen fotografieren lassen. Das war aufregend.

Haben Sie Grass gekannt?

Rushdie: Oh ja, ganz gut. Ich war hier, als die „Mitternachtskinder“ auf den Markt kamen. Damals lebte er noch in Wewelsfleth. Man hat mich dorthin gebracht. Er holte zur Begrüßung gleich eine Flasche Schnaps aus dem Schrank, wir tranken zusammen und wurden Freunde. Später haben wir uns dann häufiger gesehen. Ich war auch hier, als sein 70. Geburtstag im Thalia Theater gefeiert wurde. Seine Freunde in der englischsprachigen Literatur waren Nadine Gordimer, John Irving und ich. Wir waren alle zusammen bei der Feier.

Um Freundschaft geht es auch im neuen Roman „Quichotte“. Bisher nahm man an, dass Tschechow und Conrad ihre Vorbilder waren, weshalb Ihre Autobiografie ja auch „Joseph Anton“ heißt – zugleich Ihr Deckname in der Zeit der Anonymität. Warum kommen Sie uns jetzt mit Cervantes?

Rushdie: Das Buch hat seinen Titel zwar nach seinem bekanntesten Protagonisten, aber man kann in diesem Buch auch viele andere Autoren finden, wenn man will. Es ist ja ein Reiseroman, eine Liebesgeschichte, ein Familiendrama. Ich habe ein bisschen an James Joyce gedacht, der mit seinem „Ulysses“ ja auch einen Klassiker neu interpretiert hat. Er hat aus einem Meisterwerk ein neues Meisterwerk gemacht. Das war auch meine Herausforderung. Ich wollte unbedingt einen Reiseroman schreiben. Es sollte darin um Außenseiter gehen, die Charaktere sind alle Immigranten. Für mich ist Don Quichotte der klassische Außenseiter, weil er nirgendwo hingehört. Bei Cervantes ist er ein melancholischer Charakter, meiner ist fast schon absurd gut gelaunt.

Was hat so ein pikaresker Held wie Don Quichotte mit unserer Gegenwart zu tun?

Rushdie: Das ist eine Erzählform, die heute nur noch selten benutzt wird. Sie hat aber den Vorteil, dass sie sich ständig verändern kann, weil der Held unterwegs all diese unterschiedlichen Dinge erlebt. Das passt zur heutigen Welt, in der sich die Dinge so schnell und radikal verändern. Das soll mein Buch widerspiegeln. Es benutzt alle Romantechniken, um mit dieser bizarren Realität zu ringen.

Ihr Don Quichotte ist ein ehemaliger Pharma-Vertreter, der ständig Fernsehen guckt. Wie sieht es mit Ihrem Medienkonsum aus?

Rushdie: Völlig anders. Im Fernsehen sehe ich nur Nachrichten, Late-Night-Comedy, Baseball und die Serie „Law & Order: Special Victims Unit“. Ich gehöre mehr zu der Generation der Kinogänger. Für die Recherche zu diesem Buch musste ich mein Wissen über schlechtes Fernsehen dramatisch verbessern. Es war schockierend, wie schlecht vieles ist. Manchmal ist es aber auch so schlecht, dass es fast schon wieder gut ist.

Ist es ein ein autobiografisches Buch?

Rushdie: Ich würde eher sagen: ein persönliches. Für mich sind Familienwerte sehr wichtig. Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner Schwester und meinen Kindern. Ich wollte also über Liebe schreiben, aber nicht unbedingt über die romantische. Die Liebe zwischen Geschwistern oder Eltern und Kindern ist hier ein wichtiger und zentraler Punkt. Romantische Liebe gibt es zwar auch, aber sie ist absurd. Quichottes Optimismus ist eine enorme Übertreibung meiner eigenen Zuversicht, deretwegen mich Freunde gern mal auf den Arm nehmen. Ich bin von Natur aus kein Pessimist.

In Deutschland wurde gerade der 30. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert ...

Rushdie: … und ich war dabei. Ich bin mit Daniel Kehlmann befreundet, er hatte mir eine Karte für die VIP-Tribüne besorgt. Wir saßen dicht bei Steinmeier und Merkel. Also haben auch wir versucht, wichtig auszusehen. Es war sehr speziell, daran teilzunehmen.

Als hier die Mauer fiel, mussten um Sie neue Mauern errichtet werden, um Sie vor der Fatwa zu schützen. Seit wann können Sie wieder ein „normales“ Leben führen?

Rushdie: Seit etwa 20 Jahren. Ich hätte mir zwar gewünscht, all das wäre nicht passiert, aber ich habe auch viel gelernt und eine Menge interessanter Leute getroffen. Spione zum Beispiel und mächtige Politiker. Sonst hätte ich mein Buch „Shalimar, der Narr“ nie schrieben können, in dem es um einen mächtigen US-Politiker geht. Einen Spionageroman müsste ich eigentlich noch schreiben.

Am Sontag sind Sie mit dem „Welt“-Literaturpreis auszuzeichnen. Glückwunsch!

Rushdie: Danke! Es ist die erste Auszeichnung, die ich je in Deutschland bekommen habe.

Es wurde also Zeit?

Rushdie: Ja, fand ich auch.

Kurz vor Ihnen hat Peter Handke den Literatur-Nobelpreis bekommen. Auf seine merkwürdige politische Einstellung angesprochen, sagte er: Lasst mich in Ruhe! Ich komme von Shakespeare, Homer und Cervantes. Wie fanden Sie das?

Rushdie: Ach je, ich wusste, dass wir darauf kommen würden. Wenige meiner Kollegen hätten die Arroganz, so etwas zu sagen. Ich bin kein Handke-Fan und habe schon vor 20 Jahren kritisch über sein Verhältnis zu Serbien geschrieben. So sehe ich das immer noch. Die Entscheidung diskreditiert den Nobelpreis. Der muss ja noch seinen kolossalen Sexskandal verarbeiten. Da finde ich es bemerkenswert, die Auszeichnung jemand zu geben, der einen Genozid leugnet.

Sie haben in Indien und Großbritannien gelebt, wohnen nun in den USA. Wo ist oder war es am besten?

Rushdie: Ich fühle mich eher als Bewohner von Städten, nicht von Staaten. Ich habe in Bombay, London und New York gelebt. Die großen Metropolen dieser Welt haben einiges gemeinsam. Ich bin am ehesten ein Großstadtautor. In New York bin ich jetzt glücklich.

Wenn Sie die Nachrichten anschauen, denken Sie da nicht manchmal, George Orwell hatte recht, als er schrieb: Ignoranz ist Stärke?

Rushdie: Klingt heute so, oder? Orwell hatte in vielerlei Hinsicht recht. Aber in „1984“ endet er mit dem Sieg des Totalitarismus. Ich glaube, so funktioniert die Geschichte nicht. Es wird immer Widerstand geben, und Diktatoren werden immer stürzen.

Zu welcher Tageszeit können Sie am besten schreiben?

Rushdie: Ich arbeite von neun bis fünf Uhr. Frühmorgens bin ich nicht so gut. Wenn ich zum Ende komme, kann ich auch schon mal 15 oder 16 Stunden am Tag arbeiten. Das liebe ich, wenn man vom Buch regelrecht besessen ist. Dann existiert nichts anderes mehr auf der Welt. Es ist nicht einfach, damit zu leben.

John Fowles hat zum Ende seiner Karriere gesagt: Ich habe mich leer geschrieben. Können Sie sich so etwas auch vorstellen?

Rushdie: Ich hoffe nicht. Er hatte wohl recht, was ihn selbst betraf. Auch Kurt Vonnegut hat mal gesagt, er habe Angst, kein Buch mehr schreiben zu können. Immer wenn man ein Buch beendet hat, hat man auch Angst, es könnte kein nächstes mehr kommen. Ich war sehr überrascht, als Philip Roth ankündigte, er würde aufhören. Er war vorher ein echter Workaholic. Ich habe mich gefragt: Was macht er jetzt? Aber er schien danach sehr glücklich zu sein. Ich habe keine anderen Leidenschaften als das Schreiben, außer Baseball vielleicht.