30 Jahre nach dem Mauerfall

Zwei Künstler erinnern sich an den Tag, als die Mauer fiel

Schauspielerin Cornelia Schirmer (51), Kabarettist Johannes Kirchberg (46).

Schauspielerin Cornelia Schirmer (51), Kabarettist Johannes Kirchberg (46).

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Cornelia Schirmer und Johannes Kirchberg haben in Hamburg ihre Heimat gefunden. Auf der Bühne spielt auch ihre DDR-Vergangenheit mit.

Hamburg.  Beide sind Künstler, leben seit Jahren in Hamburg, spielen auch im (deutschsprachigen) Ausland. 1989, vor dem Mauerfall, war das für Cornelia Schirmer und Johannes Kirchberg kaum vorstellbar. Schirmer und Kirchberg kommen aus Ostdeutschland. Die Schauspielerin und Sängerin, früher Ensemblemitglied am Thalia Theater, hatte jüngst in Zürich Premiere mit „Love Linda“, einem Liederabend über die Ehefrau des Komponisten Cole Porter, und startet mit dem Schweizer Bühnen-Derwisch Delio Malär im Duo Cocodello von Hamburg aus durch.

Klavierkabarettist Kirchberg, auch Ensemblemitglied auf dem Theaterschiff, tourt oft solo, etwa mit seinem Programm „Testsieger“. In Hamburg sind sich Schirmer (Jahrgang 1968), gebürtige Thüringerin, und der Leipziger Kirchberg (Jahrgang 1973) zuvor nie begegnet. Ihre DDR-Vergangenheit haben sie indes in eigenen Programmen verarbeitet. Nur ein Anlass für ein Abendblatt-Gespräch 30 Jahre nach dem Mauerfall. Beide treten am Sonnabend – getrennt voneinander – in Hamburg auf.

Ich weiß noch, dass am Abend des 9. November 89 in den ARD-„Tagesthemen“ Moderator Hajo Friedrichs trotz seiner sachlichen Art von einem „historischen Tag“ sprach und sagte: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Welche Erinnerungen haben Sie?

Cornelia Schirmer: Ich war im Kino, in Ostberlin. Ich spielte in „Coming Out“ mit, dem ersten Film über Homosexualität in der DDR. Ich kam mit meinem Kumpel Robert Hummel, der auch mitgewirkt hat, aus dem Kino. Meine Lieblingsschauspielerin Dagmar Manzel – sie spielte die weibliche Hauptrolle – kam uns entgegen und rief: „Die Mauer ist auf! Ihr könnt rüber! Mit dem Ausweis!“ Erst waren wir bei einer Premierenfeier im Prenzlauer Berg, da waren alle traurig, und wir wussten nicht, warum. Dann sind wir beiden Jungspunde zur Bornholmer Brücke gefahren, so gegen Mitternacht, da war schon alles wieder leer. Wir sind über die Brücke gegangen, und dann sagte Robert: „Ein großer Schritt für die Menschheit, ein kleiner Schritt für mich über den Grenzstreifen.“ Und ich hab mich die ganze Zeit gewundert: Weshalb ist hier keine Musik? Wo sind die Geigen, die man immer in Hollywoodfilmen hört? Wir sind dann mit einem Taxifahrer durch ganz Berlin gefahren. Es war bunt, es hat im Westen irgendwie anders gerochen, aber es war seltsam still. Am Pariser Platz kamen wir von der anderen Seite an der Mauer an, sie war nass. Später haben wir erfahren, dass die Leute dort mit Wasserwerfern runtergeholt wurden. Dann sind wir auf die Mauer geklettert und standen da und dachten: Vor ein paar Stunden wären wir hier noch erschossen worden.

Und, Herr Kirchberg, wo waren Sie?

Johannes Kirchberg: Im Vogtland, an der Grenze zu Bayern. Ich war 16 und war zu Hause, wir haben Fernsehen geguckt. Mein Vater ist Arzt, der hatte Bereitschaftsdienst und durfte nicht aus dem Haus. Sonst wären wir zur Grenze gefahren. Wir haben es dann am 10. November gemacht, sind sieben Stunden durchs Vogtland gefahren und sind über geheime Grenzen nach Hof. Da lief zwar auch keine Musik, aber die Kirchenglocken haben geläutet (Schirmer lacht).

Frau Schirmer, nach Ihrem Wechsel 1991 ans Thalia Theater in Hamburg haben Sie Ihre DDR-Erfahrungen alsbald auf der Bühne verarbeitet. Wie kam es dazu?

Schirmer: Es war 1997, da sollte ich im Thalia eine Ossi-Frau spielen, im Stück „Sugar Dollies“. Es basierte auf einer historischen Figur, einer Frau, die unbedingt noch mal durchs Brandenburger Tor gehen wollte und von einer Polizeikette aufgehalten wurde, die da stand, als ich dort am 9. November 1989 durchging. Die Geschichte wurde im Stück aufgegriffen, meine Kolleginnen haben gesagt: „Sing doch mal ein Lied!“ Und ich fing an: „Fröhlich sein und singen ...“

Kirchberg: (stimmt mit ein) „… stolz das blaue Halstuch tragen ...“

Schirmer: „… anderen Freude bringen …“ Dann wusste ich nicht, wie es weitergeht. Ich habe mir aber gedacht, ich müsste mal einen Abend machen, um den Wessis zu erzählen, wie es im Osten so war. Dann habe ich das persönliche Päckchen aus Kindheit und Jugend geschnürt. Hab nach Songs gesucht, gestöbert und gegraben und Kinderlieder gefunden wie „Meine Mutti Abteilungsleiter“. Auch so ein Propagandalied. Dann „Die Partei hat immer recht“, ein skurriler Song. Ich singe den sehr langsam, damit sich die Leute den Text noch mal auf der Zunge zergehen lassen können.

Kirchberg: Ich wette mit dir, wenn du das im Osten spielst, singen sie mit! Das ist ja das Schlimme.

Ironie war den DDR-Bürgern fremd?

Schirmer: Eine Meinung auszuhalten war den meisten DDR-Bürgern fremd, sich wirklich miteinander auseinanderzusetzen und streiten zu können. Eine echte Streitkultur gab es nicht.

Herr Kirchberg, sehen Sie das genauso?

Kirchberg: Bei uns zu Hause wurde gestritten und diskutiert. Aber immer re­spektvoll. Nur wenn man nicht genau wusste, wer mit am Tisch saß, wurde man vorsichtig. Diese DDR-Lieder werden jetzt ja auch schon wieder von Kabarettisten aufgegriffen. Die stehen dann da, singen Lieder wie „Die Heimat hat sich schön gemacht“, und alle singen mit. Mich befremdet das. Vielleicht versucht man, sich ein Stückchen der eigenen Geschichte zurückzuholen.

Die Älteren?

Kirchberg: Was heißt ,die Älteren’? Die AfD ist in Thüringen von jungen Leuten gewählt worden. Das kommt ja irgendwoher. Da muss man sich überlegen: Haben wir die so geprägt? Liegt es an uns oder unseren Eltern? Mit meinem Vater hab ich nie über Politik geredet, weil er keine Zeit hatte.

Auch Sie haben Ihre DDR-Vergangenheit auf der Bühne verarbeitet.

Kirchberg: Ich habe einen Johannes-R.-Becher-Abend. Die Texte verfolgen mich noch aus der Schule, ich fand ihn immer als Dichter interessant, nicht als Kulturminister. Fast 30 Jahre nach der Wende habe ich ein Programm gemacht, das im Osten gefloppt ist. Die Menschen wussten noch immer nicht, wie sie Becher einordnen sollen. Beim Elbphilharmonie-Konzert war es voll, die Leute waren durch die Bank weg erstaunt und bewegt, weil sie nicht geahnt haben, was passiert. Sie kennen Becher ja nicht ...

… den Dichter der DDR-Hymne ...

Kirchberg: … das maximal weiß man über ihn. Das ist ja auch spannend: etwas über die Nationalhymne zu erzählen, über die Entstehung. Ich habe mit solchen Programmen nur Probleme, wenn es ostalgisch wird.

Schirmer: Auch ich will keine Ostalgie aufkommen lassen. Ich wollte diese Widersprüchlichkeit, diesen Zorn zum Ausdruck bringen, den ich auf das Land hatte. Wenn ich heute durch den Osten fahre, sieht es oft klasse aus, doch viele dort haben ihre Identität verloren.

Aber den meisten geht es doch heute besser, und alle sind frei?

Kirchberg: In Thüringen geht es den meisten Leuten gut. Sie leben in Freiheit und haben trotzdem das Gefühl, dass sie zu kurz gekommen sind, dass es gegen sie geht oder dass ein anderer mehr hat. Das ist unfassbar.

„Fritz der Traktorist“ Sa 9.11, 20.00, Thalia Gaußstraße, Gaußstr. 190, Karten: T. 32 81 44 44

„Testsieger“ Sa 9.11., 19.30, BGZ Neugraben JoLa, Am Johannisland 2; Karten: 14,-/12,-; Infos: www.johannes-kirchberg.de