Kino

Roland Emmerich: „Ich habe Angst vor einem neuen Krieg“

Regisseur Roland Emmerich (63) bei einem „Midway“-Pressetermin in Stockholm.

Regisseur Roland Emmerich (63) bei einem „Midway“-Pressetermin in Stockholm.

Foto: picture alliance

Der Regisseur spricht über seinen Kriegsfilm „Midway“, über Amerika unter Trump und die Folgen des Klimawandels.

Hamburg. Roland Emmerich lässt es wieder krachen. Diesmal aber hat der deutsche Erfolgsregisseur („Independence Day“) in Hollywood keinen Katastrophenreißer gedreht, sondern einen Kriegsfilm um die Schlacht von Midway, die die Wende im Pazifikkrieg brachte. „Midway“ (Kinostart: 7. November) wollte der gebürtige Schwabe schon seit 20 Jahren machen. Nun war die Zeit endlich reif.

Hamburger Abendblatt: Herr Emmerich, Sie haben gerade den Tribute Award in Zürich erhalten. Zuvor gab es schon den Carl-Laemmle-Preis und den Ehrenpreis beim Bayerischen Filmpreis. Sind Sie in dem Alter, in dem man fürs Lebenswerk ausgezeichnet wird?

Roland Emmerich: Ja, da fragt man sich irgendwann: Muss ich jetzt in Rente gehen? Aber ich möchte schon noch ein paar Filme drehen. Ich mach so lange weiter, bis ich nicht mehr darf.

Die Schlacht um Midway ist schon mehrfach verfilmt worden, auch von Hollywood mit Charlton Heston. Wieso jetzt noch ein Film?

Emmerich: Zum einen: Der Charlton-Heston-Film ist kein guter. Zum anderen war mir ganz wichtig zu zeigen: Die Amerikaner waren auf diesen Krieg nicht vorbereitet. Sie waren schlecht ausgebildet, auch ihre Ausstattung war bei Weitem nicht so gut wie die der Japaner.

Sie zeigen nicht nur die Schlacht von Midway, Sie erzählen den ganzen Pazifikkrieg bis dahin.

Emmerich: Midway gilt als die entscheidende Wende im Pazifikkrieg. Ich sehe es aber eher so: Pearl Harbor war der entscheidende Angriff, der den Zweiten Weltkrieg entschieden hat. Der Angriff der Japaner war ein so entsetzlicher Schock, dass es keine Frage mehr war, ob die Amerikaner in den Krieg treten sollen. Ohne Pearl Harbor sähe unsere Welt anders aus.

Sie zeigen auch Pearl Harbor. Haben Sie damit auch Jerry Bruckheimers „Pearl Harbor“-Film von 2001 eins auswischen wollen?

Emmerich: Der Film hat mich wirklich geärgert. Ich wollte „Midway“ schon vor 20 Jahren machen. Das ging nicht, weil ich gerade einen Vertrag mit Sony unterzeichnet hatte. Die wollten nicht, dass gleich mein erster Film bei ihnen vom Untergang Japans handelte. Ich habe dann erst mal „The Patriot“ gedreht. Als dann „Pearl Harbor“ startete, war mir klar, ich muss wieder fünf bis zehn Jahre warten.

Ist es in Zeiten von Trump auch Balsam, mal wieder eine Geschichte zu erzählen, auf die die US-Amerikaner stolz sein können?

Emmerich: Es ist eher so, dass man sie manchmal ein bisschen anstoßen muss, damit sie sich erinnern, wo eigentlich ihre wirklichen Ideale liegen. Die Amerikaner kämpften im Zweiten Weltkrieg schon auch dafür, ihr Land zu verteidigen. Aber sie haben vor allem die Freiheit verteidigt. Amerika stand mal für Freiheit, Demokratie, Frieden. Und für Moral. Das ist lange vorbei. Was da gerade vorgeht, ist völlig unmoralisch. Aber das ist nicht nur Trump. Es wird hier seit 20, 30 Jahren immer schlimmer. Es gab mal einen Lichtblick mit Obama, aber nur für eine kurze Zeit. Deshalb wurde meine Filmidee eigentlich immer aktueller. Ich hoffe, Amerika ist jetzt aufgewacht. Ich hoffe auf bessere Zeiten.

Und sollten keine bessere Zeiten kommen, denken Sie je darüber nach, aus den USA wieder fortzuziehen, nach Deutschland zurückzukehren?

Emmerich: Vielleicht nicht nach Deutschland. Ich würde mir eher etwas im Süden Europas suchen, wo es wärmer ist. Ich habe ein Boot in Griechenland – vielleicht gehe ich ja auf mein Boot? Aber Spaß beiseite: Es ist wichtig, in den USA zu bleiben. Ich habe jetzt einen Pass, ich kann mitwählen. Ich bin auch politisch tätig. Man darf das Land nicht Trump überlassen.

Ist das seltsam, wenn ausgerechnet ein deutscher Filmregisseur einen solchen Hollywoodfilm über dieses Amerika dreht?

Emmerich: Das werde ich eigentlich schon seit 30 Jahren gefragt. Es ist aber so: Ich durfte gleich zweimal, als 13- und als 14-Jähriger, für drei Monate im Sommer in die USA. Da kam ich schon als kleiner Amerikaner zurück. Ich habe mich damals auch in den Film verliebt. Diese beiden Lieben haben sich irgendwie vermengt.

Es könnten jetzt ein paar Leute auf die Idee kommen, „Midway“ sei so was wie ein historisches „Independence Day“. Mit Japanern statt Aliens.

Emmerich: Wobei ich die Japaner aber nicht als Bösewichte dargestellt habe. Das war mir sehr wichtig: zu zeigen, dass hier zwei Kulturen aufeinanderprallen.

Nervt es Sie eigentlich, dass Sie heute immer noch „Master of Desaster“ genannt werden?

Emmerich: Und wie! Das Schlimme ist, das hat sich ein Freund von mir, Jo Müller, ausgedacht. Ich habe ihm damals schon gesagt: „Ist dir klar, dass ich mir das jetzt in jedem zweiten Interview anhören muss?“ Ich habe doch auch viele andere Filme gemacht. Aber das ist die Schublade, in die ich immer wieder gesteckt werde. Auch in Amerika.

Nun, in Ihrem nächsten Film, „Moonfall“, soll sogar der Mond auf die Erde prallen ...

Emmerich: Ja, da gibt es so ein Szenario. Aber das geht diesmal mehr in eine philosophische Richtung. So wie ich auch mit „The Day After Tomorrow“ nicht nur einen Katastrophenfilm gedreht, sondern den Klimawandel thematisiert habe.

Frustriert es nicht, dass der Film trotzdem als Popcornkino abgetan wurde?

Emmerich: Wir haben damals nicht nur die klassische PR-Tour gemacht. Wir haben auch Klimaforscher mit ins Boot geholt. Das war nicht nur Werbung, das war wirklich der Grund, warum ich den Film gemacht habe.

Der Film ist schon 15 Jahre alt. Und noch immer gibt es Menschen, darunter ein US-Präsident, die den Klimawandel leugnen.

Emmerich: Aber dafür hat die kleine Greta Thunberg mit 15 Jahren einen Schulstreik begonnen, der die ganze Welt aufgerüttelt hat. Ich finde es wirklich beschämend, dass Kinder Erwachsenen sagen müssen: Stoppt das, das ist euer Job, sonst haben wir keine Welt mehr.

Kann man beim Klimawandel noch auf die große Wende hoffen? Oder ist diese Schlacht schon verloren?

Emmerich: Das ist leider wirklich die Frage. Ich bin kein Experte. Mich treibt nur eine große Angst. Man sieht ja jetzt schon, wie wegen drei, vier Millionen Flüchtlingen aus Syrien und Teilen von Afrika in ganz Europa der Nationalismus und die Rechten wieder auferstehen. Was passiert erst, wenn ganze Landstriche unbewohnbar werden? Ich habe wirklich Angst, dass der Klimawandel zu einem neuen Krieg führen könnte.

„Midway“ läuft ab 7.11. im Cinemaxx Dammtor, sowie in den UCI-Kinowelten Mundsburg und Othmarschen Park. Eine Filmkritik lesen Sie am Donnerstag in der Live-Beilage.