Kritik

Kampnagel: Antje Pfundtner tanzt ihre Trilogie zu Ende

Choreografin Antje Pfundtner tanzt eine beeindruckende Trilogie auf Kampnagel.

Choreografin Antje Pfundtner tanzt eine beeindruckende Trilogie auf Kampnagel.

Foto: Roland Magunia / HA

Hamburgs herausragende Choreografin begeistert an ihrem Solo-Abend – auch als längst alle den Saal verlassen haben.

Hamburg. Es ist vollbracht. Hamburgs herausragende Choreografin Antje Pfundtner hat ihre über drei Jahre angelegte Trilogie zu Zeit und Vergänglichkeit abgeschlossen. „Sitzen ist eine gute Idee“, ihr Solo-Tanzabend auf Kampnagel, ist nach „Ende“ und „Alles auf Anfang“ ihre wohl bislang radikalste Arbeit.

Im Bruchteil von Sekunden wechselt sie dort zwischen mutig, tieftraurig, albern, schräg – und manchmal ist sie auch all das zugleich. Die Zuschauer folgen dem Geschehen auf Klappstühlen, wo sie sich zunächst mit fremden Nachbarn über das „Haltung zeigen“ austauschen.

Doppelbödige Texte, die um Melancholie kreisen

Das ist aber nur ein Aspekt des Abends. Antje Pfundtner selbst bewegt sich, rot-schwarz kostümiert, durch die Reihen, mal eckige Bewegungen vollführend, dann vom Boden aus in den Stand kommend, doppelbödige Texte rezitierend. Die kreisen um Melancholie und die Frage, ist es mit der eigentlich vorbei, wenn man sich aus der gekrümmten Position der berühmten Dürer-Figur bewegt?

Pfundtner führt Zustände des Seins vor. Sie kündigt kollektives Weinen an, um dann auf einen leeren Stuhl einzuhämmern und die Namen Verstorbener anzurufen. Sie spricht, eine Klaviermelodie wiederholend, über den bittersüßen Duft der Schwermut, um ihn wenig später flächendeckend zu versprühen.

Ein Tanzabend der Volten und Verrücktheiten

Stets folgt auf eine Ankündigung das Unerwartete. Es ist ein Tanzabend der Volten und Verrücktheiten. Die Performerin Pfundtner grimassiert und gurgelt, trägt Riesenperücke und auch mal ein durchnässtes Trikot. Ohne jede Schonung nimmt ihr Publikum allezeit gefangen – mit grazilen Bewegungen aber auch mit klugen Worten. „Ich stehe auf Stille, Rot, meine Kinder, auf zwei Beinen, für Euch“, heißt es an einer Stelle.

Letztlich sind es philosophische Fragen, die der Abend aufwirft, über Zeit und Vergänglichkeit. Mit heiligem Ernst bricht Pfundtner jede Sentimentalität. Der Witz, er muss nicht immer zwanghaft originell sein, etwa bei einer „Reise nach Jerusalem“. Und wenn Pfundtner am Ende als Stehaufmännchen weitermacht, bis der letzte Gast den Saal verlassen hat, dann ist es das furiose Finale eines stimmigen Abends. (asti)

Antje Pfundtner in Gesellschaft: „Sitzen ist eine gute Idee“ bis Sa 26.10., jew. 19.00, Kampnagel, Jarrestraße 20-24, Karten unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de