Frankfurter Buchmesse

Norwegische Literaturhöhepunkte auf einen Blick

Die Romantik des Nordens? Durchaus. Aber in den Büchern der  Norweger geht es auch mal ganz unromantisch zu.

Die Romantik des Nordens? Durchaus. Aber in den Büchern der Norweger geht es auch mal ganz unromantisch zu.

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Wer sich für Bücher interessiert, kommt an der nordischen Literatur nicht vorbei. Wir stellen fünf norwegische Autoren vor.

Da war dieser Norweger, der so peinlich genau über sich und seine Malaisen schrieb. In gleich sechs dicken Büchern, die für viele Leser einen Suchtstoff darstellten. Karl Ove Knausgård ist auch dieser Tage wieder allgegenwärtig, denn Norwegen ist 2019 Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse (16.–20. Oktober). Die meisten großen Verlage haben deshalb eine Norwegerin oder einen Norweger im Programm, fünf von ihnen stellen wir auf dieser Seite vor.

Knausgård ist übrigens auch dabei: Er hat ein Buch über den Jahrhundertkünstler Edvard Munch geschrieben.

Ein Künstler schreibt über einen Künstler

Sein Opus magnum hat Karl Ove Knausgård wohl schon hinter sich. Seine sechsbändige Autobiografie, die im Original „Min Kamp“ heißt, brachte dem Norweger literarischen Ruhm weit über die Landesgrenzen hinaus. Und nun? Er hat eine Jahreszeiten-Tetralogie geschrieben, etwas über Fußball und einen Erzählungsband veröffentlicht. Kann es sein, dass er noch auf der Suche nach seinem neuen Thema ist?

Im vergangenen Jahr kuratierte Knausgård in Oslo eine Ausstellung mit den Bildern von Edvard Munch. Da lag es nahe, dem Künstler auch verbal ein wenig auf die Pelle zu rücken. Knausgård vermischt Bildanalysen mit biografischen Schnipseln seines Landsmanns, vergleicht Munchs Art zu malen mit der van Goghs und schreibt: „Munch hatte eine größere Distanz zwischen Auge und Hand zurückzulegen, seine Bilder haben selten etwas Ekstatisches, fast immer etwas Berechnendes. Ich glaube, dass er deshalb mit der Zeit so schnell malte und seine Bilder so häufig etwas Skizzenhaftes hatten, weil er versuchte, das Bild vor dem Denken zu erreichen.“ Nicht immer belegt der Autor seine bisweilen recht kühnen Vermutungen, aber sein Lieblingsbild würde ich mir auch an die Wand hängen: „Inger Munch in Schwarz“. Ein Tipp für Fans der beiden Norweger: „Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård“ wird am 12. Oktober in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf eröffnet. vob

Jon Fosse, der Nobelpreis-Kandidat

Für sein „Trilogie“ betiteltes und aus drei Erzählungen bestehendes Prosawerk erhielt er 2015 den Literaturpreis des Nordischen Rates, die wichtigste Literaturauszeichnung Nordeuropas. Das nächste Prosavorhaben des vor allem als Dramatiker bekannt gewordenen Jon Fosse ist als Heptalogie angelegt, als aus sieben Teilen bestehender Zyklus.

„Der andere Name“ umfasst die ersten beiden. Fosse wird seit einiger Zeit als Nobelpreis-Anwärter gehandelt, und mit dieser neuen Veröffentlichung lässt sich erklären, warum dies so ist – obwohl Fosses viel gespielte Dramen als sein Hauptwerk gelten dürfen. Aber die neue Prosa, die von zwei Malern, die den gleichen Namen tragen, handelt, ist so typisch für die skandinavische Literatur, dass man es sich nicht besser ausdenken könnte. Fosse ist unter den nordischen Existenzialisten einer der besten. Dunkelheit, Einsamkeit, Alkoholismus, Weltverlorenheit, die Zuflucht im Glauben, all das findet sich in „Der andere Name“, der zwei Tage im Leben des Malers Asle beschreibt. Er lebt zurückgezogen, hat nur einen Freund, aber isolierter erscheint noch sein Namensvetter, auch er Künstler: Asle 2 hängt an der Flasche und leidet schon am Säuferzittern. Asle 1 hat aufgehört mit dem Alkohol, aber sind beide am Ende nicht eine Person? In seinem typischen Stil mit vielen Wiederholungen gibt Fosse dem Text seine dunkle Melodie, der man sich als Leser im besten Fall willenlos ergibt. tha

Abtreiben oder Kind kriegen? Die Uhr tickt

Ein schweres Thema auf die leichte Schulter nehmen – geht das? Lotta Elstad versucht es zumindest. Die norwegische Autorin setzt ihrer Protagonistin Hedda gewissermaßen die Pistole auf die Brust. Nach einem One-Night-Stand ist diese ungewollt schwanger geworden und entschließt sich, „kurzen Prozess“ zu machen. Sie geht zu ihrem Frauenarzt, weil sie eine Abtreibung möchte. Der untersucht sie und erklärt ihr die „Drei-Tage-Regel“. So lange muss eine Frau nach der Beratung durch den Arzt abwarten, bevor die Abtreibung tatsächlich vorgenommen werden kann. So möchte man Kurzschlusshandlungen vermeiden. Der Stichtag gibt dem Roman den Titel: „Mittwoch also“.

Die Ich-Erzählerin Hedda, die als Journalistin arbeitet, verheimlicht ihren Zustand vor den Freunden und versucht, die anstehende Entscheidung möglichst locker zu nehmen. In Rückblicken erzählt sie, wie es zu der Situation gekommen ist: Hedda reist viel, hat wenig Geld und ist nach vielen Seiten hin offen. Und dann tickt die Uhr. Elstad, wie ihre Protagonistin Journalistin, lässt ihre Protagonistin in einem Zeitgeist-Wirbel leben, in den sie Netflix-Assoziationen, Tinder-Erfahrungen, Theater- und Musikvergleiche einbringt. Bei einem Besuch in einem Berliner Café taucht sogar Fatih Akin in der Handlung auf. Die Autorin schreibt launig, tempo- und ideenreich, verliert dabei aber zu oft das moralische Dilemma Heddas aus den Augen. vob

Mutter und Autorin gleichzeitig sein, geht das überhaupt?

Die Autorin Kjersti A. Skomsvold mag hierzulande noch ein unbeschriebenes Blatt sein, in ihrer norwegischen Heimat wird sie hoch gehandelt. Bereits ihr Erstling „Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich“ avancierte aber auch zum internationalen Erfolg. Ihr neues Buch ist ein schmales Werk mit dem langen Titel „Meine Gedanken stehen unter einem Baum und sehen in die Krone“. Der Leser folgt der namenlosen Erzählerin, die sich nach einigen Lebenswirren als zweifache Mutter wiederfindet, obwohl das lange Zeit nicht ihr Plan war. Der Clou an der Geschichte: Sie erzählt diese ihrer Tochter. Alles. Von den Zweifeln und Ängsten. Von der radikalen Erfahrung und der extremen Veränderung. Und von ihrem Versuch, mit der Existenz eines neuen Menschen in ihrem Leben weiterhin Autorin zu sein. Den ersten Tagen ohne „einen Schutzpanzer gegen die Welt“. Auch von einer Krankheit ist die Rede. Und der Liebe zu einem Glück spendenden Mann.

„Die Liebe ging schnell ... nur das Schreiben geht unglaublich langsam“ – für Sätze wie diese, so ungekünstelt, lebensklug und doch poetisch, verliebt man sich sehr schnell in dieses Buch. Skomsvold schreibt in einem gegenwärtigen Ton. Die Unsicherheit ihrer Protagonistin ist die Unsicherheit unserer Zeit, in der die Dinge kompliziert geworden sind. Mit ihr wächst die Erkenntnis: Zu dem Mut, Entscheidungen zu treffen, gibt es keine Alternative. asti

Männer sind zu bedauern, gern auch von sich selbst

Arvid Jansen, der Schmerzensmann. Schon in Per Pettersons Romanen „Im Kielwasser“ und „Ich verfluche den Fluss der Zeit“ gab der Osloer Schriftsteller ihm eine Stimme, die – was dem Autor auch in seinem neuen Roman gelingt – den Ich-Erzähler zugleich unaufhörlich berichten lässt und dennoch dessen Wortkargheit transportiert. „Männer in meiner Lage“ (wieder übersetzt von Ina Kronenberger) schildert nun den verlassenen Ehemann und Vater und erinnert in seiner Ungeschminktheit und Ausführlichkeit ziemlich schnell an Knausgård, den anderen Präzisions-Norweger.

Mit den Frauen läuft es gerade nicht so rund bei Arvid, seine Ehe ist gescheitert, die drei Töchter (besonders Vigdis, die erste, die wichtigste wohl auch) entgleiten ihm. All das reflektiert Petterson mit gründlicher Sachlichkeit, in der viel Schwermut liegt, viel Niederlage und auch viel männlicher Fatalismus. Das hat eine Poesie, die man nordisch nennen möchte, eine Kargheit und Dunkelheit, die doch rührt. Und manchmal hat es auch eine verzweifelte Komik, wenn sich Arvid, der übrigens Schriftsteller ist, an Heiligabend vor einer Bar mit einem Fremden kloppt, noch so einem, dem die Frau abhandenkommt. „Mit der Zeit vergaßen wir, warum wir uns prügelten, wie wir dort im Schnee lagen und uns abmühten, wir machten einfach weiter ...“ Männer sind zu bedauern, aber wenn sie so fein formulieren können, dann tut man es bisweilen doch ganz gern. msch