Interview

„Deutschstunde“ verfilmt: Wir müssen die Apokalypse erzählen

Regisseur Christian Schwochow mit seiner Mutter und Drehbuchautorin Heide Schwochow bei der Premiere des Films auf dem Filmfest in Hamburg.

Regisseur Christian Schwochow mit seiner Mutter und Drehbuchautorin Heide Schwochow bei der Premiere des Films auf dem Filmfest in Hamburg.

Foto: Georg Wendt / dpa

Christian Schwochow hat das Siegfried-Lenz-Werk verfilmt, seine Mutter Heide das Drehbuch geschrieben. Eine einzigartige Kombination.

Hamburg.  Man sagt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Und warum sollte es in der Filmbranche anders sein als in anderen Berufen, in denen Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern treten? Denkt man an Mütter und Söhne, fallen einem Monica und Moritz Bleibtreu ein oder Iris Berben und ihr Sohn, der Produzent Oliver Berben. Die Zusammenarbeit zwischen Heide und Christian Schwochow ist da etwas ganz Besonderes. Die Mutter schreibt Drehbücher, der Sohn verfilmt sie. Nach ihren Angaben ist diese Kombination weltweit einzigartig. Und sie ist sehr erfolgreich. Heute kommt das Ergebnis ihrer jüngsten gemeinsamen Arbeit, die Siegfried-Lenz-VerfilmungDeutschstunde“, in die Kinos.

Literaturverfilmungen sind gar nicht so einfach. Man möchte dem Geist des Werks treu bleiben, muss sich aber auch von der Vorlage emanzipieren. Sie haben es nun schon zum vierten Mal getan.

Christian Schwochow: Die Reaktion der Autoren macht schon etwas mit einem. Ich war nicht dabei, als Uwe Tellkamp „Der Turm“ gesehen hat, aber er hat mich hinterher angerufen. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Die Witwe Ulla Lenz hat über die „Deutschstunde“ gesagt: „Siegfried hätte der Film gut gefallen.“

Verlangen Autoren überhaupt noch, dass man sich sklavisch an die Vorlage hält?

Christian Schwochow: Ist mir noch nie so gegangen. Sowohl Tellkamp als auch Julia Franck, die die Vorlage zu meinem Film „Westen“ geschrieben hat, haben beide zu mir gesagt: Mach deine eigene Geschichte daraus! Ich habe es nur einmal anders erlebt. Das war am Theater. Ich habe dort Beckett inszeniert. Seine Erben sind streng. Man darf eigentlich gar nichts ändern.

Kannten Sie den Roman vor diesem Filmprojekt?

Christian Schwochow: Ich habe ihn vor zwölf Jahren gelesen, aber nicht in der Schule, sondern aus freien Stücken. Dann habe ich auch noch die Lenz-Romane „Heimatmuseum“ und „Schweigeminute“ verschlungen. Sie haben mir alle drei sehr gut gefallen, aber „Deutschstunde“ hat mich am tiefsten beeindruckt. Es gibt viele deutsche Romane, die wortgewaltig daherkommen. Nur die Geschichte, die einen dazu bringt, die Seiten umzublättern, fehlt oft. Das ist bei diesem Roman ganz anders. Der Junge steht hier zwischen zwei Vaterfiguren, einen soll er bespitzeln. Den Wunsch, aus dieser Geschichte einen Film zu machen, hatte ich schon, als ich noch im Studium steckte, und noch keine Ahnung davon hatte, wie man so etwas macht.

Heide Schwochow: Ich kannte ihn nicht und bin noch im Nachhinein darüber verwundert. Dann hat Christian mir das Buch gegeben. Es war nicht so, dass mich gleich die Kerngeschichte interessiert hätte, sondern die Stimmung, wie Dinge verdrängt und nicht gesagt werden, ja, auch das Karge in einer wuchtigen Landschaft. Da habe ich gedacht: Norddeutsch ist doch norddeutsch. Ich bin auf Rügen aufgewachsen. Ich habe da eine Nähe gespürt, aber auch die Opulenz geliebt.

Woraus bezieht die Geschichte heute, mehr als 50 Jahre nach dem Erscheinen des Romans, noch ihre Aktualität?

Heide Schwochow: Es ist eine universelle Geschichte. Ich komme aus einem Land, der DDR, in dem früher immer alles erklärt wurde: Hier ist die Basis, da ist der Überbau. Das hat etwas mit dem Gesellschaftssystem zu tun, der Imperialismus ist das höchste Stadium des Kapitalismus und, und, und. Bei Lenz findet man das Wabernde, das Gift, das so da ist in den Familien und Figuren. Manchmal ist es gar nicht wirklich fassbar, und trotzdem kriecht es einem unter die Haut. Das fand ich sehr modern. Es ist nicht weg und auf allen Ebenen ist es irgendwie zu spüren. Ich wusste gar nicht, ob ich es „Krieg“ oder „totalitäres Regime“ nennen sollte. Es ist das Ungute, das sich in einer Gesellschaft festgesetzt hat. Lenz macht das anders als andere Autoren, ich würde sagen: psychosomatischer. Das fand ich total interessant.

Christian Schwochow: Deutschland ist sicher eines der freiesten Länder der Welt, aber diese Sehnsucht nach starken Setzungen, wie man zu leben oder zu denken hat, ist schwer auszulöschen. Wenn man wieder darüber öffentlich nachdenkt, wie man bestimmte Journalisten los wird, da wird mir himmelangst. Auch überkommene Familienbilder, die wieder eingefordert werden, finde ich gruselig.

Heide Schwochow: Es ist gruselig, aber auch interessant, wie so etwas wieder hochkochen kann, wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung weht. Jeder kann in die eigene Familie gucken und sich fragen: Was ist eigentlich nie ausgesprochen worden? Die 68er im Westen haben gefragt: Was habt ihr im Krieg gemacht? Das haben wir auch getan. Trotzdem sind die Antworten ja nicht gekommen. Und dieses Nichtsagen ist irgendwie noch da.

Könnte es sein, dass Freiheit wiederum eine Sehnsucht nach Autorität nach sich zieht?

Christian Schwochow: Das kann man so sagen. Wir leben in einer Zeit der moralischen Verrohung und drohen unsere Empathiefähigkeit zu verlieren. Es gibt eine neue menschliche Härte untereinander, aber auch gegen andere. Rassismus hat es in Deutschland immer gegeben, aber wie groß die Ablehnung gegenüber dem Islam ist, wie man nur noch von „dem Flüchtling“ spricht - das entmenschlicht doch diesen Begriff. Mein Film darf als Kommentar zu dieser Situation verstanden werden.

Sie haben im Vergleich zum Roman die Figur des Siggi ziemlich verändert.

Christian Schwochow: Er bekommt bei uns sehr viel mehr mit. Er ist verletzt und geht in den Widerstand. Die Dringlichkeit ist bei ihm jetzt eine andere. Wir leben in einer Zeit, in der Greta Thunberg vielleicht der auffälligste Mensch der Welt ist, ein wütendes und sehr kluges Mädchen, das schon sehr viel geschafft hat. Das macht mir Hoffnung, dass eine Geschichte über einen Jungen, der in den Widerstand gegen die Erwachsenen geht, jetzt ein anderes Publikum findet als vielleicht noch vor einem Jahr.

Was damals die 68er waren, ist heute die „Fridays for Future“-Bewegung?

Christian Schwochow: Zumindest ist das eine Bewegung, die mir Hoffnung macht, weil sich ein Teil der Gesellschaft wieder politisiert und sich wieder in den Weg stellt. Zuerst hat man gesagt: Nach zwei Monaten ist das vorbei, aber die Bewegung wird immer größer.

Heide Schwochow: Sowohl im Roman als auch im Film übernimmt Siggi die Last der Erinnerung. Das ist etwas ganz Großes. Vielleicht schreit er auf und geht zur RAF? Ich glaube aber eher, er wird Schriftsteller. Auf alle Fälle wehrt er sich gegen die Generation seiner Väter und Mütter.

Wie haben Sie diese starken und großen Kinobilder gefunden?

Christian Schwochow: Schon der Roman verfügt über eine besondere Bildgewalt. Er erzählt Krieg und Diktatur mit Naturmetaphern. Das war für meinen Kameramann Frank Lamm, mit dem ich alle meine Filme gedreht habe, und mich eine Herausforderung. Schon im Drehbuch haben wir versucht, noch Bilder hinzuzufügen. Wir haben überlegt: Was kann Landschaft alles erzählen? Dann findet man plötzlich Orte mit Gräben, die bei mir die Assoziation von Wunden hervorrufen. Das Wasser darin kann bei einem bestimmten Lichteinfall wie Blut wirken. Wir haben zwar die Uniform von Siggis Vater belassen, aber sonst gibt es ja kaum Kriegsbilder, wie man sie aus dieser Zeit kennt.

Haben Sie den Nationalsozialismus bewusst optisch so stark reduziert?

Christian Schwochow: Wir haben versucht, andere Assoziationsräume aufzumachen. Wir haben versucht, Krieg und Verwundung in Bilder und Töne zu übersetzen.

Heide Schwochow: Zumal die Menschen ja kaum sprechen.

Christian Schwochow: Ich habe zu meinem Kameramann gesagt: Ich glaube, wir müssen die Apokalypse erzählen, auch wenn das ein großes Wort ist. Es ist wie das Ende der Welt durch Landschaft ausgedrückt.

Sind Drehbücher eigentlich Literatur?

Heide Schwochow: Christian würde sagen nein. Ich mag es dagegen, wenn ein Drehbuch auch literarisch ist. Er sagt zu mir immer: Mach mal nicht so viel Literatur! Wichtig ist, dass man eine literarische Technik beherrschen muss: Neben den Dialogen zu beschreiben, welche Handlung vonstatten geht und da ein Gefühl mit hineinzuschreiben. Aber man muss auch aufpassen, dass man sich nicht verliert.

Christian Schwochow: Ich würde das heute gar nicht mehr mit nein beantworten. Es gibt so unterschiedliche Drehbücher. In Großbritannien fangen fast alle Drehbuchautoren mit Theaterstücken an. Und natürlich ist Shakespeare Literatur. Ich inszeniere besonders gern unliterarische Dialoge. Natürlich ist Heides Drehbuch zu „Deutschstunde“ Literatur, aber Drehbücher sind nicht abgeschlossen, sondern immer auch eine Anleitung.

Heide Schwochow: Ich habe mal einen Satz geschrieben: „Er möchte heulen, aber er heult nicht.“ Mir hat das zum Verständnis der Szene geholfen, aber Ulrich Noethen hat gefragt: „Wie soll ich das spielen?“ Bei Christian bekommen die Schauspieler deshalb am Ende auch einen Text, in dem die Regieanweisungen gestrichen wurden.

Christian Schwochow: So ist es nicht ganz, aber ich nehme die Gefühlsbeschreibungen heraus. Ich finde es falsch, wenn da steht, „er weint“ oder „er ist erschüttert“. Gute Schauspieler überlesen das ohnehin, denn das ist ja eine Bevormundung. Jeder hat doch eine andere Vorstellung von Erschütterung. Wenn die Handlungsanweisung allerdings lautet, „er erschießt sie“, bleibt die natürlich drin. Wir haben bei der Arbeit gute Partner. Aber Drehbücher werden oft nicht richtig gelesen. Oft muss man für Produzenten, Finanziers, Redakteure oder Verleiher, noch Ergänzungen in die Drehbücher schreiben. Wir nennen das „Antrags-Prosa“.

Frau Schwochow, Sie haben jetzt schon häufig mit ihrem Sohn und einmal mit Matthias Glasner zusammengearbeitet, demnächst auch noch mit dem Hamburger Regisseur Lars Jessen. Was macht den Unterschied aus?

Heide Schwochow: Die Dinge, die mit Christian selbstverständlich sind, muss man sich mit anderen erst erarbeiten, manchmal gibt es andere Auffassungen. Ich wünsche mir von anderen Regisseuren, dass ich als künstlerische Dialogpartnerin respektiert werde.

Christian Schwochow: Bei einem neuen Autor weiß man nie: Wie weit kommen wir miteinander.

Sind Sie weiterhin für „Fremdregisseure“ offen?

Heide Schwochow: Ja. Ich würde gern mal mit einer Frau arbeiten.

„Deutschstunde“ läuft ab Donnerstag im Abaton, Astor, Elbe, Holi, Koralle, Zeise. Eine Kritik lesen Sie in LIVE