Auf die Ohren

Hamburg klingt verdammt gut in diesen Tagen

Betörende, kluge Popsongs von Onejiru und die Musikerin Ilgen-Nur entführt uns in bittersüße Melancholie.

Hamburg. Soul, Pop, Rock, Punk – Hamburg klingt verdammt gut in diesem Spätsommer 2019.

Da ist zum Beispiel Onejiru. In Nairobi geboren, in Wanne-Eickel aufgewachsen und nun zu Hause in Hamburg, wo sie gemeinsam mit Matthias Arfmann betörende wie kluge Popsongs produziert. Ihre stilistische Bandbreite schulte die Sängerin beim Musizieren mit Helge Schneider, Jan Delay und der Sam Ragga Band. Auf ihrem Album „Higher Than High“ klingt ihre kenianische Heimat in raffinierter Rhythmik durch (Z-Muzic).

Und obwohl ihre Songs gerne groovend und leicht auf die Tanzfläche ziehen, transportiert ihr kraftvoller Gesang keineswegs nur eitel Sonnenschein. Onejiru ist Diplomgeografin, Aktivistin für Frauenrechte, sozial engagiert – und sie hat einiges zu sagen über die Themen, die die Welt bewegen.

In bittersüße Melancholie entführt uns die Musikerin Ilgen-Nur. die es einst vom Schwarzwald nach Hamburg zog, um In­spiration und Weggefährten zu finden. Zu rau schwelgenden und absolut einnehmenden Gitarrenmelodien erzählt sie Geschichten vom Rückzug ins Somnambule. „Power Nap“ lautet der Titel ihres Debütalbums, das wie eine soft rockende Revolte wirkt gegen ein hoch optimiertes Dasein (Power Nap Records).

In „TV“ besingt sie das phlegmatische Absinken vor dem Bildschirm, während sie sich zugleich andere Identitäten erträumt – eine aufregend klingende Tristesse. Ilgen-Nurs dunkler wie getragener Gesang eröffnet Räume, in denen Traurigkeit und Liebe ohne Hektik verweilen dürfen. Womöglich machen sie dort auch ein Nickerchen. Um dann beherzt hinauszustürzen ins Leben.

Ein weiteres starkes Debüt kommt von der Hamburger Punkrock-Band Keele. Fünf Freunde, die auf dem Album „Kalte Wände“ nicht davor zurückschrecken, die Negativspiralen der Gesellschaft zu erkunden (Rookie Records). Ob sie nun in „Panem“ den Hass besingen, den Menschen dieser Tage vom Sofa aus übers Internet verbreiten. Oder ob sie in „Nullpunkt“ das Dilemma zwischen hehren Ansprüchen und träger Realität verhandeln.

Der Sound von Keele ist intensiv treibend und nervös akzentuiert. Beheimatet ist die Band bei der 1996 in Freiburg gegründeten Plattenfirma Rookie Records, die seit 2015 von Hamburg aus agiert und von Love A über Pascow bis zu den Spermbirds ein spannendes Punk-Portfolio vertritt.

Auf dem Ur-Hamburger Label Tapete Records wiederum haben die erfahrenen Soul-Haudegen von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen ihr nunmehr fünftes Album veröffentlicht. Mit Fabio Papais – neu an der Gitarre – hat sich die Gruppe einer leichten Verjüngungskur unterzogen. Ansonsten ist die Liga jedoch ihrem ex­trem tanzbaren Garagen-Sound treu geblieben. Stil und Sozialkritik, Humor und Utopie fließen ein in schmissige Songs wie „Der letzte große Bohemien“, „Ein Leben in Rot mit purpurnen Blitzen“ und „Der kleine Ma­tratzenmarkt“.

Sehr hübsch auch die 80er-Jahre-Selbstbeschreibung von Sänger Carsten Friedrichs: „Hässlich und faul, Musik und der HSV“. Eine gewisse Faulheit lässt sich auch bei der Titelfindung zur neuen Liga-Platte unterstellen: „Fuck Dance, Let’s Art!“ Was die Hamburger Band Fuck Art, Let’s Dance! zu dieser Wahl sagt, ist nicht überliefert.