Hamburg

Ausstellung: Auf den Spuren der NSU-Morde

Beate Zschäpe mit
ihren Strafverteidigern Anja Sturm
und Wolfgang Heer
am 25. März 2015,
dem 195. Verhandlungstag des NSU-Prozesses, im
Münchner Gericht.

Beate Zschäpe mit ihren Strafverteidigern Anja Sturm und Wolfgang Heer am 25. März 2015, dem 195. Verhandlungstag des NSU-Prozesses, im Münchner Gericht.

Foto: Paula Markert

Die Hamburger Fotografin Paula Markert zeigt ihre Ausstellung „Eine Reise durch Deutschland“ in der Freelens Galerie.

Hamburg.  Auf einem Foto ist Beate Zschäpe zwischen ihren Verteidigern von hinten zu sehen: Auffallend sind ihre wallenden dunklen Locken, die sie fast madonnenhaft erscheinen lassen. Die Frau, die laut psychiatrischem Gutachten von sich gern ein schillerndes Bild entwarf bei gleichzeitiger angeblicher Unwissenheit über all die schrecklichen Taten ihrer Jugendfreunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, schwieg über 400 Verhandlungstage hinweg.

Auch am 11. Juli 2018, als ihr Urteilsspruch – lebenslänglich wegen zehnfachen Mordes – gefällt wurde. Sie schwieg gegenüber den Anklägern, gegenüber der Öffentlichkeit und selbst gegenüber den Angehörigen der Opfer wie einer Mutter, die sie im Münchner Gerichtssaal nur wenige Meter von ihr entfernt anflehte: „Lassen Sie mich nachts endlich wieder schlafen!“ Schweigen.

Das ist auch der Zustand, der sich nach dem Prozess über das Land legte. Denn die lückenlose Aufklärung und die damit verbundene Aufdeckung rassistischer Strukturen hat der Prozess nicht geleistet. „Anstatt als Netzwerk wurde der NSU als isolierte Zelle dargestellt. Ein Unglück anstatt eines Symptoms gesellschaftlichen Versagens“, schreibt der schwedische Journalist Arvid Jurjaks im Vorwort des Buches „Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU“. Und weiter: „Das, was ein Trauma für ein ganzes Land sein sollte, hat sich im Schatten einer neuen politischen Rechten in ein Achselzucken verwandelt.“

Zehn grausame Morde

Paula Markert, die Herausgeberin dieses Buches, wollte das Achselzucken nicht hinnehmen. „Als der Prozess begann, fühlte ich mich persönlich betroffen. Denn als Bürgerin wie als Fotografin bin ich Teil einer Gesellschaft, in der das Unvorstellbare stattgefunden hat: dass eine neonazistische Terrorgruppe über ein Jahrzehnt mitten in Deutschland im Untergrund tätig war, für zehn grausame Morde, Raubüberfälle und Sprengstoffanschläge verantwortlich war.“

Geschockt von den Taten, aber auch von der Tatenlosigkeit der Ermittelnden, machte sich die Hamburger Fotografin daran, das dunkle Kapitel weiter zu durchdringen. „Ich wollte den Opfern, die so lange kriminalisiert worden waren, Raum geben. Den Tätern nachspüren und die Rolle von Staat und Medien beleuchten. Und auch im Hinblick auf aktuelle politische Entwicklungen in Deutschland muss man immer wieder die Frage stellen: Was ist noch rechtskonservativ, wo fängt Rassismus an?“ Von 2014 und 2018 begab sich die heute 36-Jährige auf eine Reise durch Deutschland.

Erzählweise ist zurückgenommen

Sie fuhr in die Holländische Straße nach Kassel, wo am 6. April 2006 Halit Yozgat im Internetcafé seines Vaters ermordet wurde. Sie fotografierte den einstigen Standort des Jugendzentrums „Winzerclub“ in Jena, wo sich das NSU-Trio in den 1990er-Jahren kennengelernt hatte. Sie besuchte den Campingplatz Wulfener Hals auf Fehmarn. Dort verbrachten Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos – seit 1998 polizeilich gesucht und untergetaucht – regelmäßig ihren Sommerurlaub im Wohnmobil mit Grillen und Windsurfen.

Die Erzählweise in der Fotografie von Paula Markert ist zurückgenommen. Fast aufreizend banal wirken die Schauplätze für sich. Erst durch die ergänzenden Wandtexte werden sie emotional aufgeladen und entfalten ihre Kraft. Wie Schlaglichter dringen sie ins Gedächtnis und lösen die Erinnerungen an die Mordserie der NSU aus dem Nebel.

Unheimliches Stück deutscher Geschichte

Die Ausstellung in der Freelens Galerie arbeitet sich durch den komplexen Fall und vervollständigt so das Bild von einem verworrenen und unheimlichen Stück deutscher Geschichte. Wenn etwa der Polizist Mario Melzer von seinen Erfahrungen in der thüringischen Sonderkommission Rechtsextremismus bis hin zur Versetzung spricht, nachdem er intensiv gegen Böhnhardt und Zschäpe ermittelt hatte: „Diese ganzen Ungereimtheiten, die ich auch miterleben musste, haben mich immer mehr zur Kritik bewogen an meinen Kollegen, an meiner Behörde, dem LKA, am Verfassungsschutz ...“

Die Journalistin Özlem Topcu („Die Zeit“), die den NSU-Prozess über mehrere Jahre begleitete, spricht von einem „Weltereignis“, das am Ende aber seine Schockwirkung verloren habe. „Gleichgültigkeit und Unachtsamkeit stehen oft am Anfang von geistiger Verrohung. Tragen wir unseren Teil dazu bei, dass nicht Hass und Ausgrenzung sich Bahn brechen.“

Paula Markert hat das mit ihren Fotos getan. Das Stadtmuseum München hat ihre komplette Serie gekauft. „Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU“ soll dort als dauerhafte Installation gezeigt werden.