Ausstellung

Peter Rühmkorf: Der Dichter, der die Welt verändern wollte

Die Ausstellung „Laß leuchten! Peter Rühmkorf zum Neunzigsten“ im Altonaer Museum.

Die Ausstellung „Laß leuchten! Peter Rühmkorf zum Neunzigsten“ im Altonaer Museum.

Foto: Sinje Hasheider / Sinje Hasheider.jpg

„Laß leuchten“, eine umwerfende Hommage an einen der wichtigsten Literaten der Gegenwart, eröffnet in Altona.

Hamburg.  Ein nackter Fuß auf der Olympia-Schreibmaschine. Im Foto ebenso festgehalten wie die lässige Intellektuellenpose: der junge Student, der sinnierend aus dem Fenster seiner Bude blickt. Später sieht man ihn im Liegestuhl, schmökend und schmökernd seiner Arbeit nachgehend. Ein Regal beherbergt ein Plastikpäckchen mit der Aufschrift „Dichtungshanf (für alle Gewindedichtungen)“, daneben ein ganzes Glas voll Hanf und eine Flasche „Arbeitsgeist“.

Peter Rühmkorf hat sich bewusst in einen Rausch gebracht, um etwas oberhalb des Alltags zu sein“, kommentiert Susanne Fischer, eine der Kuratorinnen, trocken dieses Sammelsurium. Es ist aber nur eine Facette des bedeutenden Lyrikers und Essayisten der deutschen Nachkriegsliteratur, die im Altonaer Museum gezeigt wird.

Peter Rühmkorf war "wahnsinnig charmant und zugewandt"

Peter Rühmkorf, der am 25. Oktober seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, sei „ein wahnsinnig charmanter und zugewandter Mensch gewesen“, erzählt Fischer, die ihn kurz vor seinem Tod 2008 noch kennengelernt hat. „Dazu ein Dichter mit Haltung, der etwas verändern wollte. Das macht ihn historisch und aktuell so interessant.“ Ihm zu Ehren hat die Arno Schmidt Stiftung, in deren Vorstand Fischer sitzt, jetzt eine große Literaturausstellung mit dem Titel „Laß leuchten!“ inszeniert.

Als Herausgeber der Schrift „Zwischen den Kriegen“ hatte Rühmkorf Schmidt als Autor gewinnen wollen. Der Dichter hatte viele Schmidt-Bücher rezensiert; der Schriftsteller dagegen konnte mit Poesie nicht allzu viel anfangen. Beruflich kamen die beiden also nicht zusammen. Stattdessen entwickelte sich eine Brieffreundschaft zwischen Hamburg und Darmstadt. 1986 – da schließt sich der Kreis zur heutigen Schau – erhielt Rühmkorf den Arno-Schmidt-Preis als dritter und vorletzter Preisträger. Heute sorgt die Stiftung als Urheberrechtserbin des Lyrikers für die Pflege des Andenkens sowie regelmäßige Publikationen.

700 ausgedruckte Manuskriptseiten, das Herzstück

Für Stiftungsgründer Jan Philip Reemtsma, der als Jugendlicher erste Rühmkorf-Gedichte las und „ihn dann also getrost vergessen konnte“, war er wie alle brillanten Dichter in der Lage, „unsere diffusen Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen: Peter Rühmkorf konnte eine ganz überraschende Formulierung finden, die für einen die einzig richtige scheint.“

Das Herzstück der Ausstellung bildet eine Wand mit knapp 700 ausgedruckten Manuskriptseiten aus „Selbst III/88. Aus der Fassung“. Es ist eine Leihgabe des Deutschen Literaturarchivs Marbach, das den Peter-Rühmkorf-Nachlass verwaltet. Die Seiten zeigen, wie der Dichter seine Gedanken zu Papier gebracht hat, wie er geschrieben (auf einer Olympia-Schreibmaschine), korrigiert und kommentiert (handschriftlich) hat. Sie zeigen, wie ein Gedicht entstand. Parallel dazu, und das kann man sehr wohl als adressiert an eine jüngere Generation verstehen, die wahrscheinlich nie Lyrik von Rühmkorf zwischen Buchdeckeln lesen wird – können sich Besucher durch die Seiten auf einem Bildschirm klicken. Es ist schon ein Teil der digitalen Rühmkorf-Edition.

Eine spielerische, eine vielseitige Ausstellung

Von vielen Seiten haben sich die Kuratorinnen und Kuratoren der Ausstellung dieser literarischen Figur genähert. Dass sie dabei sehr unterschiedliche Medien eingesetzt haben, macht das Ganze spielerisch. Allein die Reimmaschine, bei der die Besucher das Wort erraten sollen, auf das Rühmkorf sich einen Reim machte. Oder die Zitat-Ergänzungs-Station: „Manche Leute sagen rechts, manche links“ … – „sind doch alles olle Drinks“ wird der Satz durch Berühren der Zeile auf dem Bildschirm vollendet. „Vor mir das Meer … und dahinter die Waschmaschine“ – auch so ein typischer Rühmkorf.

Was ihm diebisches Vergnügen bereitete – normalen Menschen auf den Mund zu schauen und dabei Wahrheit kundzutun: An einer Flüsterwand kann man sich Kinderreime anhören. Nicht immer jugendfrei, deshalb auch nur geflüstert.

Tod und Liebe, Schnaps und Schnell-Imbiss

Und dann, im psychedelisch dekorierten „Raum der Gedichte“, begegnen einem diese wunderschönen Verse aus „Außer der Liebe nichts“ oder „All dein Glück wie nie gewesen“. Wer möchte, lässt sie sich von Autorinnen wie Franziska Augstein, Nora Gomringer oder Jan Wagner unter Kopfhörern vortragen.

Rühmkorf beherrschte die hohe Klaviatur der Poesie ebenso wie das Profane: auf der einen Seite Tod und Liebe, auf der anderen Schnaps und Schnell-imbiss.

1951 kam Peter Rühmkorf nach Hamburg

Nach Hamburg war Peter Rühmkorf 1951 gekommen; in die Heimat von Klopstock und Borchert. Damals sei er auf der Suche gewesen, sagt Susanne Fischer. Doch wonach? „Ich will! nicht dazugehören!“: Individualität und Gemeinschaft, Unabhängigkeit und Anerkennung – zwischen diesen Gegensätzen bewegte sich Rühmkorf fortwährend. Als Germanistik-Student an der Universität Hamburg während der Ära Adenauer, der den „Konkret“-Vorläufer „Studenten-Kurier“ mitgründete, als wenig erfolgreicher Theaterdramatiker, als Lektor im Rowohlt-Verlag, als sehr erfolgreicher Veranstalter der „Jazz Lyrik“-Abende hinter dem Rathaus, als viel gelesener Autor persönlicher Erinnerungsbände („Die Jahre die ihr kennt“ sowie „Tabu I“ und „Tabu II“).

Engagiert, politisch, intellektuell, aufbegehrend, humorvoll. Eine „ganz eigenartige, singuläre Verkörperung seiner eigenen schriftlichen Präsenz“, benennt es Jan Philip Reemtsma. „Peter Rühmkorf konnte seine Gedichte so sprechen, dass das Wort Fleisch wurde.“ Seit den 1970er-Jahren lebte er zusammen mit seiner Frau Eva Rühmkorf, der ersten Gleichstellungsbeauftragten der Bundesrepublik, in einer für damalige Verhältnisse sehr modernen Ehe in Övelgönne „zwischen Spießern und Spinnern“, wie er selbst sagte. Von ihrer Dachgeschosswohnung mit Dichterstube konnte das Paar auf den Teil der Elbe blicken, wo sie „ihr Kleingeld verspielt“. Diese Bleibe hatte er geradezu eingefordert bei einem seiner musikalischen Rezitationsabendende auf dem Adolphs­­platz, in einer Klage über die prekären Arbeitsbedingungen für Schriftsteller.

Peter Rühmkorf liegt auf dem Friedhof Altona begraben

Am 8. Juni 2008 starb Peter Rühm­korf nach langer Krankheit in seiner Bauernkate im schleswig-holsteinischen Roseburg, wo er zuletzt gewohnt hatte. Begraben liegt er – unweit der Ausstellung, die ihn auf so vielen Wegen erfahrbar macht – auf dem Friedhof Altona.

„Laß leuchten! Peter Rühmkorf zum Neunzigsten“ 21.8. bis 20.7.2020, Altonaer Museum (S Altona), Museumstraße 23, Mo, Mi-Fr 10.00-17.00, Sa + So 10.00–18.00, Eintritt 8,50/5,- (ermäßigt), Infos zum Rahmenprogramm unter www.shmh.de