Bücherhallen-Jubiläum

Ein Leben ohne Bücher? Undenkbar!

Autorin Karen Köhler.

Autorin Karen Köhler.

Foto: Christian Charisius / dpa

Die Rede von Schriftstellerin Karen Köhler beim Festakt zum 100. Geburtstag der Bücherhallen Hamburg.

Ich möchte Sie einladen, mit mir auf eine kleine Reise zu gehen, und dazu möchte ich Sie bitten, jetzt die Augen zu schließen. Nur Mut, Augen zu, es wird nicht wehtun. Vielleicht ist es ja auch ganz angenehm, wenn man nicht konzentriert und interessiert schauen muss, den Blicken der Sitznachbar*innen einen Moment lang nicht ausgesetzt ist ... Tun Sie einfach so, als wären Sie zu Hause, auf dem Sofa vielleicht, nach einem anstrengenden Tag, schließen Sie die Augen und lehnen Sie sich zurück. Von Ihnen wird jetzt nichts weiter erwartet, als mir zuzuhören. Sie alle sehen übrigens fantastisch aus und sehr entspannt. Das mit dem Augenschließen ist natürlich auch ein kleiner Trick, denn das Sprechen vor großen Menschenmengen kostet mich Überwindung, und jetzt, da ich nicht mehr angesehen werde, fällt eine kleine Last von mir ab. Schummelt da jemand in der siebten Reihe? Nein? Gut.

Wir reisen jetzt in der Zeit zurück: Stellen Sie sich vor, Sie sind wieder fünf, sechs Jahre alt. Stellen Sie sich vor, die Welt, das Leben läge wieder vor Ihnen, wie ein unerforschtes Land, wie ein endloses Abenteuer. Erinnern Sie sich noch daran, welche Lust Sie hatten, welchen Lebenshunger, welche Kraft? Jeder Tag war neu und hatte so viel Zeit in sich, die man ganz mit Spielen aufbrauchen konnte. Die Zukunft reichte nur bis Weihnachten oder bis zum Geburtstag, wenn überhaupt. Erinnern Sie sich noch an eine Farbe aus Ihrer Kindheit, einen Geruch, eine Süßigkeit oder ein bestimmtes Getränk? An Sunkist in der Pyramidentüte oder den herrlich künstlichen Geschmack von Stangenwassereis? Erinnern Sie sich an ein Lied aus dem Radio, das öfter lief? Vielleicht war der Text Englisch und Sie konnten ihn nicht verstehen, sangen aber trotzdem mit? Haben Sie auch einen Schatz vergraben und eine Karte gezeichnet, mit einem Kreuz, um ihn wiederzufinden? Oder liegt er noch ungeborgen in einem Garten? Erinnern Sie sich an einen Helden aus ihrer Kindheit aus einem vorgelesenen Buch?

Bei mir waren das: natürlich (!) Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter. Ich wollte ganz unbedingt so sein wie Pippi. Die Sommersprossen hatte ich schon, wild war ich auch, der Rest würde sich noch ergeben, da war ich mir sicher, das mit dem Äffchen, dem Pferd, der Villa Kunterbunt und dem Spezialkleber, mit dem man die Wände hochkam. Und falls nicht, konnte ich ja immer noch werden wie Ronja Räubertochter, zum Donnerdrummel. Abend für Abend tauchte ich beim Vorlesen ab in neue Geschichten aus Pippis Welt. Das Problem war nur: Mama las immer viel zu wenig vor. Noch ein bisschen, Mama, bitte, noch eine Seite, begehrten meine jüngere Schwester und ich und ließen uns auf den allabendlichen Handel ein: eine Seite länger vorlesen gegen eine Massage mit dem Rollschuh unserer Puppe auf dem Rücken unserer Mutter. Vorlesetrunken rollerten wir den Puppenschuh mit den quietschenden Rädern über den Pullover unserer Mutter, aber nach der nächsten Seite war schon wieder Schluss. Ich wurde ungeduldig. Man musste doch irgendwie schneller an die Geschichten rankommen! Ohne Puppenrollschuh! Ich beschloss, Codeknackerin zu werden und das Lesen zu lernen.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie es war, als sie das Alphabet zum ersten Mal vor sich sahen, diese wackelige Stricheversammlung? Wie geschriebene Worte noch ein Geheimcode der Erwachsenen waren, Zeitungen ein langweiliger, undurchdringbarer, schwarz-weißer Dschungel, in dem man verloren gehen konnte, weil keine Bilder darin vorkamen? Erinnern Sie sich daran, wie Sie die Buchstaben lernten, und daran, dass man nie wusste, in welche Richtung die Striche beim F und beim E gehörten und wie viele es noch mal genau waren? Erinnern Sie sich, wie auch Sie irgendwann diesen Code geknackt haben? Und wo das war? Waren Sie zu Hause, eingemuckelt in eine Decke? In der Schule, über eine Fibel gebeugt? Oder irgendwo unterwegs, war es ein zufällig ins Auge gesprungenes Wort? Erinnern Sie noch die Mühe, die es kostete, sich von Buchstabe zu Buchstabe zu hangeln, als ritte man auf einem Esel und schaukelte bei jedem seiner Schritte mit, bis das Wort zu Ende war? Erinnern Sie sich, wie es war, als Sie die Tür aufstießen in diese fremde Welt, die sonst nur Erwachsene betraten? Erinnern Sie sich an Ihre allererstes gelesenes Wort?

Wenn Sie mögen, können Sie Ihre Augen gerne wieder öffnen.

Ich erinnere mich noch sehr genau an mein allererstes gelesenes Wort. Ich stand mit meiner Mutter und meiner Schwester an einer unterirdischen Haltestelle bei den S-Bahngleisen. An der Stationswand standen in klarer Schrift schwarze Buchstaben auf weißen Kacheln.

Ich las:

A.

A-L.

A-L-T.

A-L-T-O.

A-L-T-O-N-A.

Altona!

Und meine Mutter freudig: Ja!

War ich stolz. Ich war eine Codeknackerin, eine Geheimtüröffnerin, eine Buchstabenkennerin, eine Wortemacherin, eine Dschungeldurchquererin, eine Eselsrückenreiterin! Altona! Altona! Altona! Du Pforte in eine unbekannte Welt. Altona, du Ursprung meines Lesens. Altona, du schwarzes Ding auf Kachelgrund, du Name, du Wort, ich habe dich geknackt.

Fortan heftete ich meine Augen auf alles mit Buchstaben: Haltestellenschilder, Plakate auf Litfaßsäulen, Verpackungen ... Da stand Milch auf der Milch, Kakao auf dem Kakao. Nur lange Buchstabenschlangen machten mir Probleme: Bei Mehrwertsteuer, Konservierungsstoffe und Kohlenhydrate warf mich der Esel jedes Mal wieder ab, aber das machte nichts, weil ja Kakao sowieso das viel wichtigere Wort war.

Wir hatten nicht viel Geld und liehen Bücher aus, meine Mutter nahm mich nun mit in die Bücherei und ich durfte selbst auswählen. In kürzester Zeit mutierte ich zur Leseratte und überlies den Puppenrollschuh meiner Schwester. Ich las alle Astrid-Lindgren-Bücher zur Sicherheit noch einmal, kon­trollierte, ob meine Mutter meine Schwester und mich nicht um ein Wort betrogen hatte, ob auch wirklich drinstand, was sie uns vorgelesen hatte. Ich weinte mit den Brüdern Löwenherz, bangte bald darauf mit der kleinen Hexe, saugte Blut mit Lumpi, dem kleinen Vampir, kämpfte mich durch den klein gedruckten Buchstabendschungel von „Die schwarzen Brüder“. Ich las alles, was ausleihbar war, ich wollte Geschichten, wollte sie unbedingt, sog sie alle auf, denn ich war lesesüchtig geworden.

An der Bücherei mochte ich alles: die vielen Buchrücken, den Geruch, die Regalreihen, die Ordnung, die Karteikarten mit den Ausleihstempeln ...

Jedes Mal, wenn wir mit einem Stapel ausgeliehener Bücher nach Hause kamen, war ich glücklich. Ich erinnere mich, wie ich eine Leselampe ans Bett bekam. Und wie meine Mutter ungläubig fragte: Du hast die schon wieder alle durch? Ich erinnere die Angst, vor den Ferien nicht genügend Bücher ausgeliehen zu haben. Ich erinnere die Traurigkeit, wenn die Seiten in meiner rechten Hand schmolzen und sich eine gute Geschichte dem Ende zuneigte. Und wie ich dann immer langsamer las. Wie ich erst Kinder-, dann die Jugendbücher hinter mir ließ und in den Reihen für Erwachsenenliteratur zu stöbern begann. Mit 13 verirrte ich mich zu Stephen King, ich dachte, es ginge um einen Clown. Mit 14 entdeckte ich Hermann Hesse und fühlte mich einsam. Mit 15 las ich Kafka und dachte, ich wäre erwachsen. Ich las Zeitungen. Lernte andere Sprachen. Ärgerte mich über Wartezeiten, wenn ein Buch von jemand anderem immer wieder verlängert wurde. Freute mich, wenn ich schnell genug gewesen war. Ich las kreuz und quer, auf Murakami folgte Zeh folgte Dostojewski folgte Plath folgte Morrison.

Ich hatte das wichtigste Werkzeug zu benutzen gelernt, das mir zur Verfügung stand und das mir immer weiterhalf, empathisch zu sein, die Welt zu verstehen und mich ins Verhältnis zu ihr zu setzen. Es gab eine Zeit, in der war ich arbeitslos und musste von 854 Euro Arbeitslosengeld I im Monat mein Leben bestreiten. 700 Euro gingen für die Warmmiete und die Telefonrechnung drauf. Von den restlichen 154 Euro versuchte ich zu leben. Ich verzichtete auf alles, was Luxus war: Kaffee, Alkohol, Lebensmittel aus dem Bioladen. Ich ging nicht mehr ins Kino, nicht mehr ins Museum und Theater, saß nicht mehr im Café, ging nicht essen, kaufte keine Bücher mehr. Worauf ich nicht verzichtete, war die Jahreskarte der Bücherhallen Hamburg, die mich durch diese Zeit getragen hat.

Ich besaß und besitze noch immer keinen Fernseher, und das funktioniert eigentlich ganz gut, ein Leben ohne Bücher, ein Leben ohne Geschichten, ein Leben ohne Bildung dagegen kann ich mir nicht denken. Wer privilegiert ist und uneingeschränkten Zugang zu Bildung hat, kann sich vielleicht kaum vorstellen, wie wichtig es gerade in prekären Lebensumständen ist, dass es öffentliche Bibliotheken gibt. Und öffentliche Parks, in denen man lesen kann.

Als Erwachsene lesen wir, wie wir gehen: Wir denken nicht mehr drüber nach. Wir tun es einfach. Wir kämpfen nicht mehr bei jedem Schritt um das Gleichgewicht, schaukeln nicht mehr mit jedem Buchstaben auf einem Eselsrücken, geraten nicht mehr in Verzückung, wenn wir den Namen einer S-Bahn-Station entziffern. Lesen ist für uns eine Selbstverständlichkeit geworden. Ein Schlüssel, der uns die Tür zur Bildung aufgeschlossen hat, ein Schlüssel, der uns ermöglicht, uns selbst zu verstehen, der uns ermöglicht, das andere, das Fremde zu verstehen, ein Schlüssel, der uns hilft auf unserem Weg, auf der Suche nach Wahrheit die Rätsel des Menschseins zu ergründen, Wissen zu sammeln, Geschichte zu verarbeiten, Perspektiven zu wechseln, Geschichten zu erleben, die nicht unsere Geschichten sind, die aber Stellvertretergeschichten sind, Spiegel, damit wir uns erkennen können.

Und wie gut, dass es Spiegelhallen gibt. Dass es Orte gibt, die wir aufsuchen können, Orte, die sorgsam Geschichte und Geschichten bewahren, die unser Narrativ in Regale reihen. Orte, die uns mit Sorgfalt aufzeigen, wie bunt und vielfältig die Welt ist, wie unterschiedlich Perspektiven sein können. Öffentliche Orte wie die Bücherhallen Hamburg, an denen wir Codeknacker*innen werden können, an denen uns ein Schlüssel überreicht wird, den wir unser ganzes Leben lang behalten dürfen. Orte, an denen wir uns spiegeln können, ohne auf Glasflächen blicken zu müssen, Orte an denen wir unser wichtigstes Werkzeug benutzen und pflegen lernen können: das Lesen.

Ich verdanke den Bibliotheken in Hamburg sehr viel in meinem Leben und das möchte ich heute mit Ihnen feiern. Alles Gute zum 100. Geburtstag, liebe Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre vertrauensvolle Reisebegleitung.