Konzertkritik

Erschöpfender Marathon zum Finale des Argerich-Festivals

Stehende Ovationen für Martha Argerich und ihre musikalischen Gäste.

Stehende Ovationen für Martha Argerich und ihre musikalischen Gäste.

Foto: Daniel Dittus

Mehr als vier Stunden spielten die Pianistin und ihre Gäste in der Laeiszhalle. Am Ende war das Publikum erschöpft.

Hamburg.  Zwei Klaviere, zwei Celli, ein Horn. Es gibt schon seltsame Kammermusik-Besetzungen und selten genug bekommt man sie zu hören. Wenn, dann eigentlich nur auf Festivals, bei denen verschiedene Künstler nicht nur auf Stippvisite sind. Beim Argerich-Festival der Symphoniker Hamburger konnte man es erleben, besonders im Abschlusskonzert in der Laeiszhalle. Da zelebrierten die Festival-Namensgeberin und der kubanische Pianist Mauricio Vallina an den Klavieren, ein Altstar (Mischa Maisky) und ein faszinierender Jungstar (Edgar Moreau) am Cello mit dem wunderbar sensiblen Hornisten Péter Gulyka Schumanns „Andante und Variationen B-Dur“ in der ausgefallenen Besetzung.

Allein in diesem mit über vier Stunden leider viel zu langen Abschlusskonzert traten 16 Künstler auf. Spannend waren vor allem die Repertoire-Raritäten. Da boten die deutsch-italienische Pianistin Sophie Pacini, der Geiger und Symphoniker-Konzertmeister Adrian Iliescu und der Cellist Edgar Moreau Clara Schumanns Klaviertrio c-Moll, wobei sie mit Charme im Scherzo sowie mit Klangwärme und Innigkeit im Andante punkteten. Davor gelangen Mischa Maisky und seinen Kindern, dem Geiger Sascha und der Pianistin Lily, bei Schuberts bekannterem „Notturno“ für Klaviertrio zwar einige wunderbare Piano-Schattierungen, aber musikalisch gab es doch ein paar Spannungslöcher.

Martha Argerich trat erst im zweiten Konzert-Teil auf

Im dritten Konzertteil zauberten der Armenier Sergei Babayan und der Bulgare Evgeni Bozahnov bei der selten gespielten „Petite Suite für zwei Klaviere“ von Debussy sowohl sphärische als auch tänzerische Klänge aus den Tasten. Ein wenig arg hart traktierten dagegen der Venezolaner Sergio Tiempo und seine Schwester Karin Lechner bei Lutoslawskis Paganini-Variationen das Klavier.

Martha Argerich trat erst im zweiten von insgesamt drei Konzert-Teilen auf. Mit Mischa Maisky spielte sie Schumanns Fantasiestücke op. 73 und die Polonaise brillante op. 3 von Chopin. Während man Maiskys immer ein wenig nachgedrückten, vibratoreichen Celloton mögen muss, auch sein oft angestrengt wirkendes Spiel, faszinierte Argerich mit poetischem Anschlag bei Schumann und besonders mit ihrer staunenswerten Virtuosität bei Chopin. Wie sehr ihr dieser Komponist liegt, welche Farben sie aus ihm herausliest, welche Spannungsbögen sie ziehen kann, zeigte auch die Zugabe, das Largo aus seiner Cello-Sonate.

Problematisch wurde das Marathon-Konzert auf der Zielgeraden

Nach dreieinhalb Stunden begannen (!) Argerich und Babayan noch ein rund 20-minütiges Arrangement von Filmmusik für zwei Klaviere von Prokofjew zu spielen - im Programmheft fehlte, um welche Filme es sich handelt -, da kam beim ermatteten Publikum ein bisschen Unmut auf. Und als danach noch umgebaut werden musste, um abschließend Bachs Konzert a-Moll für vier Klaviere mit Orchester zu spielen, waren Sätze zu vernehmen wie „Die Leute wollen nach Hause“ oder nach dem Konzert „Die Hälfte hätte gereicht!“ Dennoch: am Ende gab es Standing ovations für einen Abend mit einigen Highlights, mit vielen spannenden jungen Künstlern und mit einer zwar nicht mehr jungen Martha Argerich, die aber noch immer mit pianistischer Souveränität und mit aufblitzendem mädchenhaftem Charme für sich einnimmt.