Theaterkritik

"Herbstgold": Zwischen Komik und platter Sentimentalität

Claudiu Mark Draghici, Petra Behrsing, Frank Logemann  und Franziska Kuropka (v. l.) in "Herbstgold".

Claudiu Mark Draghici, Petra Behrsing, Frank Logemann und Franziska Kuropka (v. l.) in "Herbstgold".

Foto: Johannes Husen

Wenn Liebe kein Alter kennt: Viel Applaus für die Inszenierung des Kleinen Hoftheaters im Rahmen der Privattheatertage.

Hamburg.  Eigentlich sind die Rollen klar verteilt. Bei einem Geburtstagsessen will Felix seinem Vater Richard die neue Freundin vorstellen und gleichzeitig soll er auch noch Lenas verwitwete Mutter Alice kennenlernen. Doch dann kommt alles anders.

Der vitale Senior interessiert sich nicht für Frauen seines Alters und baggert lieber die Freundin des Sohnes an. Der wiederum fühlt sich zu der klugen und zurückhaltenden älteren Frau hingezogen. Ein Abend mit weitreichenden Konsequenzen: Alice verbringt nicht mehr jeden Tag auf dem Friedhof am Grab ihres Mannes, wie sie das seit 25 Jahren getan hat, Felix geht darin auf, für sie zu kochen und Zeit mit ihr zu verbringen. Seine Freundin Lena spielt für ihn keine Rolle mehr, ohnehin hat die sich in eine „magische“ Affäre mit seinem Vater gestürzt.

Mit dem Stück von Horn nach Altona gezogen

"Herbstgold" heißt die Komödie, die Folke Braband geschrieben hat. Das turbulente Bäumchen-wechsel-dich-Spiel ist die einzige Hamburger Produktion, die von der Auswahl-Jury in diesem Jahr zu den Privattheatertagen eingeladen worden ist. Premiere hatte sie bereits im Februar im Kleinen Hoftheater, einer Privatbühne im Stadtteil Horn mit knapp 100 Plätzen. Die vier Schauspieler präsentierten ihre Arbeit unter der Regie von Stefan Leonard jetzt im fünfmal so großen Altonaer Theater – mit einer starken schauspielerischen Leistung und unter lang anhaltendem Beifall des Publikums.

Schon die erste Szene zeigt das genaue Timing von Petra Behrsing als Alice und von Franziska Kuropka als deren Tochter Lena. Die möchte ihre Mutter überreden, endlich mal wieder unter Leute zu gehen und die schwarze Trauerkleidung gegen etwas Farbenfroheres zu tauschen. Doch sie kommt nicht dazu, ihre Ideen zu äußern, denn ständig fällt die Mutter ihr ins Wort und macht eine Kommunikation so unmöglich.

Richard brennt ein Feuerwerk der Schlüpfrigkeiten ab

Den komischen Part in dieser Vierer-Konstellation übernimmt Frank Logemann als weit gereister Fotograf Richard, der mit Sohn Felix (Claudiu Mark Draghici) zusammenlebt. Seine Frau hat ihn schon lange verlassen und jeder im Publikum ahnt warum: Richard ist ein Aufschneider und Charmeur, er hat nichts anderes als Sex mit jüngeren Frauen im Kopf und verwechselt schon mal seine Magentabletten mit den Viagrapillen. Logemann spielt Richard als notorischen Witzeerzähler – Spezialthema Blondinen –, der damit bei der jungen Lena landen kann. Alice’ Gesicht bleibt angesichts des Feuerwerks an Schlüpfrigkeiten versteinert. Das ursprünglich von Felix und Lena geplante Kennenlernen der beiden „Alten“ scheitert auf ganzer Linie.

Nach der Pause nimmt „Herbstgold“ sofort wieder Fahrt auf, wenn Alice und Felix miteinander turteln. Statt in dunkler Kleidung läuft Alice nun in einem „Iron Maiden“-T-Shirt durch ihre komplett umgestellte Wohnung. Felix, von Claudiu Mark Draghici als zarter Schmusebär gespielt, ist so etwas wie der gute Geist. Mit seinen Kochkünsten bringt er eine besondere Form der Sinnlichkeit in diese ungewöhnliche Beziehung. Als sich Felix und Alice jedoch gegenüber Tochter und Vater offenbaren, stößt das auf wenig Gegenliebe. Richard reagiert mit einem flapsigen Spruch, Lena stürzt Hals über Kopf davon, weil sie die Beziehung zwischen einer 60-jährigen Frau und einem 30-jährigen Mann für unanständig hält. Ihre Affäre mit dem doppelt so alten Mann empfindet sie dagegen als normal.

Größter Erfolg für das Kleine Hoftheater

Es wäre spannend gewesen zu erfahren, wie die ungewöhnliche Liebe zwischen Alice und Felix weitergeht, doch das Stück macht im zweiten Teil eine Kehrtwende von der Komik hin zu einer etwas platten Sentimentalität. „Herbstgold“ endet wie es begonnen hat: mit Trauer und Friedhofsbesuchen.

Dass das Publikum trotz des etwas rührseligen Schlusses zufrieden ist, zeigt der begeisterte Applaus. Für das Kleine Hoftheater ist dieses Gastspiel der bisher größte Erfolg.

Seit 30 Jahren schon gibt es die Bühne, die als Amateur-Theater begonnen, sich aber inzwischen zu einem Privattheater gemausert hat, an dem nur ausgebildete Schauspieler auf der Bühne stehen.

Bis zu neun Eigenproduktionen pro Jahr stemmt das engagierte Team um die beiden Geschäftsführerinnen Petra Behrsing und Claudia Isbarn. Und dass Petra Behrsing nicht nur ein Theater leiten, sondern auch als Schauspielerin glänzen kann, beweist sie in „Herbstgold“ eindrucksvoll. Regie führen kann sie übrigens auch: Wenn im Kleinen Hoftheater am 30. August die neue Saison startet, wird sie die Krimikomödie „Fünf Frauen und ein Mord“ inszenieren.