Buchkritik

Abbas Khiders wohltemperiertes Deutsch

Der Autor Abbas Khider

Der Autor Abbas Khider

Foto: Körber-Stiftung/Claudia Höhne

Der Schriftsteller will es sich und anderen Nicht-Muttersprachlern mit dem „endgültigen Lehrbuch“ leichter machen.

Hamburg.  Über was sich Neubürger und solche, dies es werden wollen, in den Sprachkursen mit am liebsten unterhalten? Wir wissen es jetzt: über die deutsche Sprache. Jedoch nicht über ihre Anmut und Schönheit, sondern über ihre Komplexität und ihre so vielen Spreizungen und Besonderheiten. Das muss doch nicht sein! Dachte sich zumindest der Schriftsteller Abbas Khider. Der hat Erfahrung. Mit dem Auswandern, dem Einwandern, dem Spracherwerb.

Deshalb hat der 1973 in Bagdad geborene Autor, der zur Jahrtausendwende über mehrere arabische und europäische Länder nach Deutschland kam, nun einen der kuriosesten Titel der literarischen Frühsaison geschrieben: „Deutsch für alle: Das endgültige Lehrbuch“. In diesem unternimmt Khider, der vor diesem mehr komischen als sprachwissenschaftlichen oder pädagogischen Büchlein vier viel gelobte Romane („Brief in die Auberginenrepublik“, „Ohrfeige“) schrieb, den Versuch, das Deutsche einer gründlichen Renovierung zu unterziehen. Ein paar Beispiele: Khider will einen einheitlichen Artikel für alle Wörter. Weil es schlicht nicht logisch erklärbar ist, warum es „das Mädchen“ und nicht „die Mädchen“ heißt. Dabei ist ein Mädchen doch ganz eindeutig weiblich! Künftig soll es kein „der, die, das“ mehr geben, sondern nur noch „de“. De Mädchen, ist doch ganz einfach.

Ferner will Khider, dass alle „trennbaren Verben“ untrennbar werden. Es heißt also ab sofort „er aufsteht“ statt „er steht auf“. Die Wortstellung soll in Nebensätzen so sein wie in Hauptsätzen, also kein ewig nach hinten geschobenes Verb mehr: „Abbas Khider ist ein Mensch, der mag Verben lieber früher als später.“ Khider will insgesamt „Klarheit und Reduktion“, wie er nicht müde wird zu formulieren. Unregelmäßige Verben haben keine Chance mehr. Künftig heißt es „schwimmen, schwimmte, geschwimmt“.

Augenöffner für den geborenen Deutschen

Klingt total, nun ja, falsch? Tut in den Ohren weh? Und ob. Natürlich ist das alles gar nicht ernst gemeint. „Deutsch für alle“ ist vielmehr ein mit spitzer Feder geschriebener Augenöffner für den geborenen Deutschen, der sich nie abplagen musste, unsere in der Tat, das weiß man späte stens nach der Lek­türe dieses Werks, gar nicht so leichte Sprache zu erlernen. Wie lustig es in dem auf der „Spiegel“-Sachbuchbestsellerliste platzierten Titel zugeht, mögen Sätze wie die folgenden bezeugen, sie zeigen auch, dass es nicht nur um sehr konkrete Sprachkritik, sondern auch um das Schicksal eines Blut und Tränen schwitzenden Einwanderers geht: „Die Deklination ist wirklich das Schlimmste, was die Deutschen neben dem Artikel und dem Sturmgewehr erfunden haben.“ Und: „Es hat mich mehr als ein verfluchtes Jahrzehnt gekostet, bis ich diese seltsame Welt aus Konjugationen, Deklinationen und Präpositionen wirklich verstanden habe.“ Und: „Ja, noch immer leide ich unter chronischen linguistischen deutschen Traumata.“

Man ist als Sprachliebhaber nun eindeutig gewillt, jenen harschen Worten liebevolle, dem Deutschen schmeichelnde gegenüberzustellen – diese traumhaft schönen Wörter („Sonnabendabend“, „saumselig“, „Zeitgeist“), überhaupt, diese wunderbaren deutschen Ziehharmonikawörter, die Komposita aus so vielen deutschen Nomen („Spielerfrauenhandtaschenfimmel“) oder eben meistens: zweien („Abstiegsangst“, „Spracheuphorie“).

Abbas Khider menschlich gesehen

Aber um das geht es hier nicht, es geht jetzt halt mal um das andere – wie schwer es ist, im Erwachsenenalter eine neue Sprache zu lernen. Der deutsche Autor Abbas Khider hat mit diesem Buch seinen heimlichen Schülertraum von einem „wohltemperierten Deutsch“, das genauso leicht wie das Englische zu erlernen ist, wahr gemacht. Aber er wird seinen nächsten Roman ganz sicher in der Grammatik schreiben, die wir alle kennen.