Jenischpark

Ausstellung zeigt Wilhelm Buschs verborgenes Talent

Kollagenartige Werke wie dieses „Sammelbild mit neun Studien“ (um 1880, Öl auf Pappe) schuf Wilhelm Busch, um Material zu sparen.

Kollagenartige Werke wie dieses „Sammelbild mit neun Studien“ (um 1880, Öl auf Pappe) schuf Wilhelm Busch, um Material zu sparen.

Foto: Ernst Barlach Haus

Die Schau „Herzenssache“ im Ernst Barlach Haus zeigt, dass der berühmte humoristische Dichter auch malen konnte.

Hamburg. „Max und Moritz“, ist wohl die erste Assoziation, die jedem in den Sinn kommt, sobald der Name Wilhelm Busch (1832–1908) fällt. Er gilt als Urvater des Comics und der Satire. Seine humoristischen Bildergeschichten katapultierten ihn in den deutschen Bildungskanon und damit in die literarische Unsterblichkeit. Was man mit Wilhelm Busch hingegen nicht assoziiert, ist sein malerisches Schaffen.

„Dass man Wilhelm Busch als Maler kaum kennt, liegt daran, dass er sehr selbstkritisch war und seine Gemälde nie öffentlich gezeigt hat“, sagt Karsten Müller. Mit der Ausstellung „Herzenssache“ ist der Direktor des Ernst Barlach Hauses im Jenischpark dabei, das zu ändern. Rund 70 Leihgaben aus dem Wilhelm Busch Museum in Hannover geben einen Einblick in das Werk des Malers Busch, das der Künstler zu Lebzeiten konsequent vor der Öffentlichkeit verbarg. Etwa 1000 Gemälde hat der von Selbstzweifeln geplagte Busch, der sich schon früh für eine künstlerische Laufbahn entschied, hinterlassen.

Er malte „Versteckformate“

Während seine Bildergeschichten für ihn lediglich den Broterwerb darstellten, betrieb er die Malerei mit Leidenschaft – daher rührt auch der Titel der Ausstellung. Seine Vorbilder waren die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts, die er während seines Malereistudiums entdeckte. Der Einfluss, den sie auf sein eigenes Schaffen hatten, ist nicht von der Hand zu weisen. Er zeigt sich in seinen Porträts und den zahlreichen Landschaftsbildern.

Charakteristisch für Busch ist das kleine Format. Die zum Teil nur postkartengroßen Miniaturen in Öl entfalten dennoch oder gerade deshalb eine enorme Wucht. „Versteckformate“ werden die kleinformatigen Bilder genannt, erklärt Karsten Müller. „So konnte er sie schnell im Schrank oder unter dem Bett verstecken, wenn Besuch kam.“ Sorgsam ging er mit seinen Werken nicht um. Teilweise stapelte er sie übereinander, bevor die Farbe trocken war - manche vernichtete er sogar komplett. Die Bescheidenheit des Künstlers erscheint fast schon pathologisch. Der Aufbau der Ausstellung hebt die unterschiedlichen Einflüsse, die der Künstler in seinen Gemälden verarbeitete, hervor und lässt einen die Vielfältigkeit der Buschschen Malerei hervorragend nachvollziehen. Es sind Porträts und Selbstbildnisse, Naturstudien, Stillleben, kollagenartige Kompositionen und Szenen bürgerlichen Lebens.

Busch interessiert das Alltägliche

„Busch kann auf sehr raffinierte Weise verallgemeinern“, sagt Müller. „Es geht ihm nicht darum, große Panoramen zu entwerfen. Ihn interessiert das Alltägliche: Mal ist es ein Ehestreit, dann eine pinkelnde Kuh.“ Hier zeigt sich noch am ehesten der Busch aus den Bildergeschichten. Doch: „Max und Moritz sucht man hier vergebens“, betont Müller. In seinen Studien wird Buschs Interesse der Naturbeobachtung deutlich. Wurzeln, die sich in einen Felsen graben, ein aufziehendes Gewitter, Felder, Bäume. „Obwohl er viel auf Reisen war und in großen Städten gelebt hat, fand er seinen Rückzugsort in der niedersächsischen Provinz“, erläutert Müller. Sie taucht in seinen Bildern immer wieder auf.

Und noch etwas zieht sich durch das Œuvre von Busch: Bauern in knallroten Jacken. „Sie erfüllen eine Stellvertreterfunktion für den Künstler, sind aber auch eine Brücke für den Betrachter in das Bild hinein“, so Müller. Zum Ende seines malerischen Schaffens um 1890 gelang Wilhelm Busch etwas, was nur selten bei Künstlern zu beobachten ist: Statt gesetzter und ruhiger zu werden, kennzeichnet die Bilder aus dieser Zeit ein erstaunlich moderner Ansatz und das Ausprobieren neuer Techniken. „Je älter er wurde, desto lockerer und abstrakter wurde sein Pinselstrich“, sagt Müller. „Er war seiner Zeit voraus und schuf Kunst, die erst viel später salonfähig wurde.“

Wiederkehrendes Muster

Seine späten Landschaftsbilder sind zudem in einem wiederkehrenden Muster angelegt. In der linken Bildhälfte ein Busch oder ein Baum, zur rechten Seite öffnet sich das Bild, gibt den Blick frei auf Himmel und Weite. „Diese Formel füllte er immer wieder neu aus und schuf Werke, die in ihrer Individualität an Tagebuchblätter denken lassen.“ Am Ende der Ausstellung erwartet die Besucher ein fast schon philosophisches Bild : „Licht am Ende des Tunnels“. In mehrere bräunlich-schwarz aufgetragene Farbschichten ist in der rechten Bildhälfte ein kleines cremefarbig-blaues Loch gemalt, so als befände man sich in einer Höhle. Davor, wie könnte es anders sein, ganz klein ein Mann in roter Jacke. Und so bleibt der Eindruck vom Melancholiker Busch, der sich durch die Kunst der Satire im Dunkeln das Licht bewahrte.

Betitelt hat Wilhelm Busch seine Bilder übrigens nicht, er hatte schließlich nicht vorgesehen, dass sie jemals ausgestellt werden. Entdeckt wurden sie erst nach seinem Tod im Jahr 1908. „Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später“, soll Busch einst gesagt haben. Er sollte Recht behalten.

Herzenssache – Wilhelm Busch malt“ bis 10.6. im Ernst Barlach Haus (Bus 286), Baron-Voght-Straße 50a, Di–So 11.00–18.00, Eintritt 7,-/5,- (erm.)