Zukunfts-Kongress

Hamburger Schüler deuten die Graffiti der Stadt

Geheime Botschaft oder Schmiererei? Ein Hamburger Graffiti

Geheime Botschaft oder Schmiererei? Ein Hamburger Graffiti

Foto: dpa

Auf einer Pressekonferenz präsentieren Schüler ihre Zukunftsprognosen für die Stadt. Kongress mit Experten im Mai.

Ein junges Mädchen mit einer Gitarre stellt sich auf der abgedunkelten Hinterbühne des Schauspielhauses an ein Mikrofon und beginnt zu singen. „Hello darkness, my old friend“ – die Zeilen des Simon-&-Garfunkel-Hits „The Sound of Silence“ sitzen in diesem Setting messerscharf. Etwas düster, gleichzeitig hoffnungsvoll klingt die glockenklare Stimme durch den Raum. Eine gelungene Einleitung für das, was Schüler aus allen Hamburger Bezirken präsentieren wollen: Die sogenannten Hamburger Menetekel.

Seit September haben die 8. Klassen von Schulen aller sieben Bezirke Graffiti fotografiert, eingelesen und sortiert. Das gesammelte Material haben sie, ganz im biblischen Sinne des Begriffes „Menetekel“, als Vorzeichen drohenden Unheils gedeutet. Der Hansestadt prognostizieren sie demnach eine düstere Zukunft.

Dreitägiger futurologischer Kongress

„Es wird an tödlichen Bakterien gearbeitet. Nur wenige werden überleben“, heißt es etwa aus Altona. „Es kommt zum Krieg der Maschinen“ oder „Unsere Erde ist uns entfremdet“ lauten weitere Zukunftsthesen. Was abstrakt klingt, wird durch die auf eine große Leinwand projizierten Graffiti anschaulich: „Labor“ steht da zum Beispiel, „Ehek“, „Raus“. Wie andere aus dem Kaffeesatz die Zukunft lesen, versuchen die Schüler es mit Hamburger Straßenkunst. Und so formt sich aus den Graffiti „Labor“, „Ehek“ und „Raus“ die fiktive Killerbakterien-Prognose.

Passend zur jeweiligen These haben die Schüler Nachhaltigkeitsforscher, Politikwissenschaftler sowie Geografen und Klimaexperten zu einem dreitägigen futurologischen Kongress eingeladen, der vom 24. bis 26. Mai im Schauspielhaus abgehalten wird. Das Graffiti-Spökenkiekern ist eine Spielerei – die anschließende Diskussion soll durchaus ernsthaft geführt werden. Partner des Projekts, das von Regisseur Ron Zimmermann ins Leben gerufen wurde, sind der Club of Rome und das World Future Council.

Zeichen der Stadt lesen

Das Schülerprojekt ist an die alttestamentarische Geschichte um den Schriftzug „Mene Mene Tekel Upharsin“ angelehnt, aus dem der jüdische Seher Daniel den Untergang des babylonischen Reiches vorhersagte. So fordern die Schüler am Ende ihrer Präsentation mit „dem Vandalismus der Graffiti-Beseitigung“ aufzuhören und stattdessen die Zeichen der Stadt zu lesen.

Auch im Song „Sound of Silence“ werde bereits auf die Bedeutung von Graffiti als Menetekel hingewiesen, so die Interpretation der Schüler. Und tatsächlich heißt es da am Ende: „The words of the prophets are written on the subway walls“.