Kultur

Gute Nachrichten für die freie Theaterszene in Hamburg

Geld bedeutet auch Freiheit: Im Gängeviertel feierten Künstler erst
kürzlich die verbesserten Möglichkeiten.

Geld bedeutet auch Freiheit: Im Gängeviertel feierten Künstler erst kürzlich die verbesserten Möglichkeiten.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Im Haushalt 2019/2020 steht eine Verdoppelung der Fördermittel für die freien darstellenden Künste: rund eine Million Euro zusätzlich.

Hamburg.  Auf einer kleinen inoffiziellen Feier im Gängeviertel war die Stimmung bei den versammelten Vertretern der freien Szene kürzlich so gut wie lange nicht mehr. Endlich einmal gibt es gute Neuigkeiten. Im gerade verabschiedeten Doppelhaushalt 2019/2020 des Senats steht auch eine Verdoppelung der Fördermittel für die freien darstellenden Künste in Hamburg, das bedeutet rund eine Million Euro zusätzlich. Wie genau sich diese Mittel verteilen, wird derzeit noch hinter den Kulissen ausgehandelt. Fest steht aber, dass sowohl bestehende Fördermittel ausgebaut und neue Förderinstrumente eingeführt werden.

Die derzeit auf drei Jahre angelegten Konzeptionsförderungen sollen von zwei auf drei aufgestockt werden, das ergibt neun statt bislang sechs geförderte Konzeptionen pro Spielzeit. Auch die Höhe soll entsprechend der Honoraruntergrenzen angehoben werden. Von bislang 35.000 auf 45.000, möglicherweise sogar 50.000 Euro, so Barbara Schmidt-Rohr vom Dachverband der freien darstellenden Künste, der die Kulturbehörde in Detailfragen berät. Die Produktionsförderungen werden angehoben, wobei der bislang vergleichsweise besser ausgestattete Bereich Tanz weniger berücksichtigt wird als die unterfinanzierten Bereiche Sprechtheater, Musiktheater, Performance sowie Kinder-/Jugendtheater.

Neu geschaffen wird eine Basisförderung, etwa für eine neue Website oder technische Ausrüstung sowie ein Recherchestipendium, das eine kreative Arbeit und Materialsammlung jenseits eines unmittelbaren konkreten Projektes erleichtern soll. Ebenfalls neu ist eine sogenannte Diffusionsförderung von rund 100.000 Euro. Sie ist als Auftrittsförderung gedacht, die die Wiederaufnahme von Stücken sowie Gastspiele in Hamburg, aber auch in anderen Städten ermöglichen soll.

Längst überfälliges Signal

„Die Kulturstadt Hamburg braucht die ganze Breite der Kultur. Daher bauen wir die Unterstützung für die freie Szene deutlich aus“, so Kultursenator Carsten Brosda. Mit „jährlich rund einer Million Euro mehr“ sollen die Arbeitsbedingungen der freischaffenden Künstlerinnen und Künstler ohne feste Bühne spürbar verbessert werden.

„Für die freie Szene ist es ein längst überfälliges Signal, dass sie adäquat und mit einer höheren Summe ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert wird“, so Barbara Schmidt-Rohr. „In den vergangenen 20 Jahren ist die Szene quantitativ und qualitativ enorm gewachsen, auch wollen viele Absolventen Hamburger Studiengänge, die für die freie Szene ausgebildet werden, in der Stadt bleiben und hier arbeiten. Auch für sie ist es ein wichtiges, ein gutes Signal.“

Von der Entwicklung profitieren – indirekt – auch Häuser wie das Lichthof Theater und Kampnagel. „Die Etats für die freien Gruppen höher zu setzen und die Förderinstrumente zu differenzieren, ist ein Schritt, der überfällig war“, findet Kampnagel-Chefin Amelie Deufl­hard. Sie glaubt nicht, dass die Produktionen dadurch automatisch größer werden, sieht in dem Volumen vor allem die Chance für die Künstler, nachhaltiger zu arbeiten, da sich ihre prekäre soziale Lage verbessert.

Wermutstropfen mischt sich in die Freude

Matthias Schulze-Kraft, dessen Lichthof Theater in der aktuellen Spielzeit unter weniger geförderten Projekten leidet, zeigt sich erfreut. „Es ist super, dass der Bereich des freien Theaters ins Blickfeld kommt. Das ist eine Würdigung der Szene.“ Die Verdoppelung des Etats sowie die neuen Förderinstrumente würden sehr helfen. Der aktuelle Renner am Haus, „Cum-Ex Papers“, ist immer ausverkauft, könnte aber ohne Gastspielförderung trotzdem nicht nochmals gezeigt werden, weil es in einem Haus mit nur 100 Plätzen trotz des Erfolges nicht möglich sei, kostendeckend zu arbeiten, erläutert Schulze-Kraft. „Manchmal geht es aber auch darum, interessante Produktionen, die etwas Neues ausprobieren, weiter zeigen zu können. Experiment und Innovation sind ja Merkmale der freien Szene.“

Ein Wermutstropfen mischt sich in die Freude. Im Vergleich mit aktuellen Anpassungen in Berlin, München oder Frankfurt fällt die Erhöhung deutlich niedriger aus. Gefordert hatte der Dachverband in einem ausführlich begründeten Konzeptionspapier 2,3 Millionen Euro, um den Bedarf zu decken. „Die freie Szene muss weiterkämpfen. Es ist aber eine wichtige Anerkennung, dass die freie Szene als dritte Säule der Theaterlandschaft und Ort experimenteller Formen, aber auch kultureller Bildung in Hamburg wahrgenommen wird“, sagt Barbara Schmidt-Rohr.

Um ein Minimum an Grundstrukturen zu schaffen, fördert die Kulturbehörde außerdem ein Netzwerkbüro, angesiedelt beim Dachverband, das sich um mehr Öffentlichkeit, eine bessere Verbindung zur Politik, die Verteilung der Gelder der Diffusionsförderung und ganz konkret auch der Organisation von Proberäumen widmen soll. Auch hier sind andere Städte wie München und Frankfurt Vorbilder.

Ein Schritt nach dem anderen

Im Vergleich mit Berlin sind das bescheidende Dimensionen. „Es ist außerordentlich begrüßenswert, dass Hamburg anfängt, sich zu bewegen. Es sollte aber der Beginn einer Aufstockung sein. Die Förderung sollte jetzt nicht 20 Jahre auf dem Niveau stagnieren“, so Amelie Deuflhard. Auch sei es damit immer noch nicht möglich, große Projekte für große Hallen zu realisieren. Da müssten für die Künstler mehr Anreize geschaffen werden. „Das wäre nicht nur für die Fortentwicklung von Künstlerhandschriften unglaublich wichtig, sondern auch für die Sichtbarkeit.

Gruppen wie She She Pop, die regelmäßig auf Kamp­nagel vor großem Publikum spielen und erfolgreich international touren, wären dann vielleicht nicht nach Berlin abgewandert.“ Auch Matthias Schulze-Kraft wartet jetzt erst einmal die Details ab. „Wenn am Ende zwei bis drei Produktionen mehr gefördert werden, ist das ein erster Schritt. Für die vitale Szene in der zweitgrößten Stadt Deutschlands kann das aber nur ein Anfang sein.“