Kammerspiele

Bei der "Westend"-Premiere fließt auf der Bühne echtes Blut

Die minimalistische Kulisse des Stücks ist praktischerweise auch Sitzgelegenheit für die Darsteller, die gerade nichtr "dran" sind.

Die minimalistische Kulisse des Stücks ist praktischerweise auch Sitzgelegenheit für die Darsteller, die gerade nichtr "dran" sind.

Foto: Bo Lahola

Hauptdarsteller verletzt sich während der Vorstellung. Dabei strotzt das Stück von Moritz Rinke vor symbolischen Scherbenhaufen.

Hamburg. Und plötzlich liegt alles in Scherben. Sinnbildlich sowieso, so ist das neue Stück von Moritz Rinke angelegt, da geht eigentlich alles zu Bruch, Ehen, Freundschaften, Nachbarschaftsverhältnisse. Und in den Hamburger Kammerspielen auch ganz konkret: eine Weinflasche. Unbeabsichtigt.

Schauspieler Benjamin Sadler, der einen seelisch versehrten Kriegsarzt spielt, kann nur noch reagieren und wenig später Tücher gegen die linke, die ziemlich stark blutende Hand halten. Weitergespielt wird trotzdem, die Scherben und Schnitte passen tatsächlich zur Handlung. Auch wenn die Verletzungen der Figuren in „Westend“ an den Hamburger Kammerspielen viel tiefer gehen.

Zwei Ärzte, eine Frau – das kann ja unheiter werden

„Westend“, das stellt sich im Laufe der teils schön bösen Dialoge als ganz wörtlich vorgeführtes Ende des ignoranten Westens heraus. Zunächst aber ist es vor allem der Name des Villenviertels, in dem sich Schönheitschirurg Eduard und Opernsängerin Charlotte ein Eigenheim (er sagt: „Villa“ und postet den Hashtag „#Ostflügel“, sie sagt: „Haus“) zugelegt haben, für den gemeinsamen „Neuanfang“.

Der scheint bitter nötig: Eduard (Stephan Kampwirth) vergisst den Geburtstag seiner Frau (Katharina Wackernagel). Deren Mienenspiel ist nur wenig später nahezu die gesamte Beziehungsgeschichte zu entnehmen, als sich der gemeinsame Freund Michael (Sadler) ankündigt. Noch ein Arzt, aber einer, der die letzten Jahre in Krisengebieten verbracht hat und jetzt aus Kundus heimkehrt. Zu seinem Studienfreund und dessen Frau – seiner großen Liebe.

Der Inszenierung entgleitet die Lässigkeit

Während des Stücks sitzen die Schauspieler – wenn sie gerade nicht „dran“ sind – auf drei bühnenbreiten, weißen Stufen, der einzigen Kulisse (Ausstattung: Franz Dittrich). Sie sind Beobachter und Akteure zugleich. Und vielleicht ist die zerbrechende Glasflasche auch Symbol dafür, dass das Ganze bisweilen etwas bedeutungsüberladen wirkt? Dass der Inszenierung immer wieder eine gewisse Lässigkeit entgleitet?

Damit das Publikum zum Beispiel die Anspielungen des Autors auf Goethes „Wahlverwandtschaften“ auch wirklich bemerkt, lässt Regisseur Carlo Ljubek Karoline Eichhorn, die anschließend mehr oder weniger in den Bühnenhintergrund verbannt wird, zum Auftakt an der Rampe daraus vorlesen. Später gibt sie der russischen Geliebten des Nachbarn (Stephan Schad) eine solche theatrale Aufgesetztheit, dass das als ironische Distanz durchgeht.

Probleme? Dagegen gibt's doch Stacheldraht und Spenden

Glaubhaft (nicht nur wegen, vielleicht auch trotz des echten Blutes) spielt Benjamin Sadler den Michael. Emma Bading gibt ihrer Studentin, die mit Charlottes Mann anbändelt, manchmal eine Überdrehung zu viel. Schön sind die Momente, in denen die Schauspieler – vor allem die durchlässige Katharina Wackernagel ist toll – die alerten Sätze wirken lassen: „Das hab ich mit dem Goethe meines Vaters bezahlt!“, sagt Charlotte über das Haus.

Dass „die Gesellschaft“ sich Probleme gern mit Stacheldraht oder Spenden vom Hals halte, wird hübsch zynisch mit dem Nachsatz „Oder wir machen irgendwas mit Kunst“ garniert. Das ist komisch und ernsthaft zugleich. Und Stück und Inszenierung sind immer dann am überzeugendsten. Viel Applaus vom Premierenpublikum.

„Westend“, bis 17.2., Hamburger Kammerspiele (U Hallerstraße), Hartungstr. 9-11, Karten: T. 41 33 44 0