Literatur

Spannender neuer Krimi von J. K. Rowling

J. K. Rowling schreibt ihre erfolgreichen Kriminalromane unter dem
Pseudonym Robert Galbraith.

J. K. Rowling schreibt ihre erfolgreichen Kriminalromane unter dem Pseudonym Robert Galbraith.

Foto: picture alliance / empics

„Harry Potter“-Autorin überzeugt mit 862-Seiter „Weißer Tod“. Geschichte in der Tradition bester englischer Detektivromane.

Hamburg. Bereits in ihren „Harry Potter“-Romanen hat die britische Autorin Joanne K. Rowling einen ausgeprägten Sinn für episches Erzählen unter Beweis gestellt. So übersprang etwa der siebte und letzte Band um den Zauberlehrling locker die 1000-Seiten-Hürde. In ihren Kriminalromanen, die Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt, knüpft sie daran an, wenngleich noch in etwas bescheideneren Dimensionen. „Weißer Tod“, der aktuell vierte Fall der beiden Ermittler Cormoran Strike und Robin Ellacott, bringt es aber auf immerhin 862 Seiten.

Jede weitschweifige Form des Erzählens birgt die Gefahr, sich in den Details der Geschichte zu verlieren, der rote Faden gerät aus dem Blick. Gleichwohl das komplizierte Seelenleben der Protagonisten in „Weißer Tod“ facettenreich ausgeleuchtet wird, umschifft Galbraith diese Klippe.

Auch in dieser Familie gibt es ein schwarzes Schaf

Was auch an den durchaus faszinierenden Figuren liegt. Privatermittler Cormoran Strike ist Kriegsveteran, einen Schenkel samt dazugehörigem Fuß hat er in Afghanistan gelassen. Auf einer Beinprothese schleppt er sich durch London, massig von Gestalt mit wirrem Haarwuchs, eine Art Hagrid der britischen Detektivszene. Ein brillanter Analytiker zudem. Robin Ellacott ist das äußerliche Kontrastprogramm: eher zart, feingliedrig, mit rotem Haarschopf, ausgestattet mit scharfem detektivischen Spürsinn ist auch sie. In Liebesdingen tragen aber beide, Strike wie Ellacott, schwere Pakete durch das Leben. Auch davon erzählt der Roman in zwar langen, aber pointierten Passagen.

Aller erotischen Verstrickungen zum Trotz: Die eigentliche Geschichte ist natürlich ein Kriminalfall. Nachdem Strike seinen letzten Fall auf spektakuläre Weise lösen konnte, indem er einen Serienmörder zur Strecke brachte, ist er eine Berühmtheit. Was sich allerdings nicht sonderlich positiv auf die Liquidität ausgewirkt hat; in der Kasse herrscht mal wieder Ebbe.

Unglückliche Liaison

Das scheint sich auch nicht zu ändern, als eines Tages ein offenbar geistig verwirrter junger Mann in Strikes Detektei auftaucht und berichtet, er habe beobachtet, wie ein Kind getötet worden sei. Der Mann namens Billy bittet Strike, dieses Verbrechen aufzuklären. Der Haken dabei: Die Tat liegt schon viele Jahre zurück, an Details kann sich der Klient nur dunkel erinnern. Strike aber wittert hinter Billys lückenhafter Erzählung dennoch eine große Geschichte.

Kurze Zeit später erhält der Detektiv einen wesentlich lukrativeren Auftrag: Der knochenkonservative britische Kulturminister Chiswell wird offenbar von einem politischen Widersacher erpresst. Chiswell meint, gar den Namen des Erpressers zu kennen, und will diesem nun seinerseits mit Strikes Hilfe das Handwerk legen.

Da kommt Ellacott, die mittlerweile ihre Jugendliebe Matthew geheiratet hat – eine ausgesprochen unglückliche Liaison, wie sich im Laufe der Geschichte zeigen wird – ins Spiel: Strike und Chiswell schleusen sie ins Kulturministerium ein, unter falschem Namen gibt sie sich als Chiswells Nichte aus. Und erfährt dort Dinge, die weit hineinreichen in das familiäre Leben des Ministers, Dinge zudem, die besser unter Verschluss geblieben wären. Etwa die Sache mit dem schwarzen Schaf der Familie. In diesem Fall heißt das Schaf Raphael, das Kind aus der ersten Ehe des Ministers.

Die Szenen, in denen Strike die Mitglieder jener wohlhabenden Familie befragt, sind ausstaffiert mit punktgenauen Dialogen – überhaupt sind die geschliffenen Dialoge eine Stärke des Romans. Wie auch jene kleinen sozialkritischen Panoramen, die Galbraith von der in Standesdünkel und exaltiertem Formwillen gefangenen Londoner Upperclass entwirft.

Schlüssige Handlungsbögen

In großen, aber letztlich schlüssigen Handlungsbögen führt Galbraith die beiden Fälle zusammen – die Erzählung Billys und die Erpressung Chiswells. Billy und sein älterer Bruder Jimmy, ein politisch links stehender Aktivist, waren vor langer Zeit Chiswells Nachbarn, der Vater der Brüder hat für den späteren Minister gearbeitet. In jene Zeit reicht auch Billys Erinnerung an den vermeintlichen Tod des Kindes zurück. Da, so scheint es zumindest, mag auch des Rätsels Lösung liegen. Wenngleich die Geschichte geschickt in viele Richtungen weist, auch in Sackgassen.

Galbraith platziert die Kriminalstory in den Sommer des Jahres 2012 – London steht im Zeichen der Olympischen Spiele. Die Menschen sind euphorisiert, wenngleich nicht alle: Der ein wenig zwielichtige Jimmy und seine punkige Freundin Flick engagieren sich in der Anti-Olympia-Fraktion. Das ist die Matrix, auf der dieser sehr unterhaltsame Schmöker mit anschwellender Spannung voranschreitet.

Erzählt ist die Geschichte in der Tradition bester englischer Detektivromane. Kleine ironische Brechungen inklusive.