Konzertkritik

Joja Wendt in der Laeiszhalle: "Hallo Joja" statt Halleluja

Zwei, die nur schwer zu trennen sind: Joja Wendt und sein Flügel (Archivbild

Zwei, die nur schwer zu trennen sind: Joja Wendt und sein Flügel (Archivbild

Foto: picture alliance

Der Hamburger Pianist und begnadete Entertainer spielte am Dienstag seinen Jahresabschluss in Hamburg – und sorgte für Begeisterung.

Hamburg. „Hallo Joja“ statt „Halleluja“: In der nahezu ausverkauften Laeiszhalle ist die Stimmung am Dienstagabend schon wenige Minuten nach Konzertbeginn auf einem ersten Höhepunkt. Es wird gejubelt, gelacht und – unterstützt von einem Chor, der sich im ersten Rang versteckt hat – ordentlich mitgesungen. Grund der Freude ist Joja Wendt. Pianist, klar, vor allem aber begnadeter Entertainer mit Gespür für Pointen. Ob er die „Rachmaninow-Leiste“, die „Chopin-Rolle“ oder die „Mozart-Kugel“ als musikalische Hilfsmittel präsentiert und auf dem Piano zum bejuchzten Einsatz bringt, oder ob er zu seiner Version von AC/DCs „Thunderstruck“ einen Sicherheitsgurt anlegt: Der Mann hat die Lacher immer auf seiner Seite.

Auch wenn schon eine lange Tour hinter ihm liegt und Hamburg der Jahresabschluss ist, wirkt der 54-Jährige topfit. Dass er seine Späße so oder so ähnlich bereits in Duisburg, Lübeck oder Norderstedt gemacht hat, ist jedenfalls nicht zu merken. Der Mann fühlt sich sichtlich wohl, bei dem, was er tut. Und das Publikum, sieht ihm gerne dabei zu.

Auf der Bühne: Joja Wendts Jugendzimmer

Auf der Bühne hat Joja Wendt Teile seines alten Jugendzimmers aufgebaut. Die Stehlampe im 70er-Jahre-Design ist da, der Plattenschrank samt Vinyl-Inhalt und natürlich auch sein erstes Keyboard. Für die Abendblatt-Serie „Der Soundtrack meines Lebens“ hatte er im Sommer schon einmal in seinen Erinnerungen gestöbert, jetzt wiederholt er das in Laeiszhalle und spielt Nummern aus Alben, die ihn als Kind und Jugendlichen geprägt haben. Zum Beispiel eine Platte von Jazz-Pianist Art Tatum (1909-1956), dessen „Stompin’ At The Savoy“ ohnehin schon ein Feuerwerk der Virtuosität ist. Wendt legt tempomäßig noch eine Schippe drauf – und holt sich die nächsten Ovationen ab. Beim „Honky Tonk Train Blues“ von Meade Lux Lewis bewegt sich der Steinway wie auf einer Berg-und-Talfahrt mal nach oben, mal zur Seite, später wird der Flügel noch schwanken wie ein Schiff auf hoher See.

Dass trotz zweieinhalb Stunden Konzertlänge nie Langeweile aufkommt, liegt aber nicht nur an den Showeffekten, auch das musikalische Programm hat hohen Unterhaltungswert, weil Genregrenzen für Joja Wendt keine Rolle spielen. Von Michael Jacksons „Thriller“ bis zu Franz Schubert Impromptu Nr. 2 in Es-Dur ist es für ihn ein kurzer Weg, und auf das Stevie-Wonder-Duett mit Pianist Martin Tingvall („I Wish“) folgt ganz selbstverständlich Trios „Da Da Da“.

Ein Konzert, bei dem es viel ums Miteinander geht

Danach wird die Erinnerungskiste dann so richtig aufgesperrt: Queens Radau-und-Remmidemmi-Nummer „We Will Rock You“ ist dabei, auch alte Chartstürmer wie „Get Down“ (Gilbert O’Sullivan) und „Jeans On“ (David Dundas), die natürlich jeder mitsingen kann, der wie Joja Wendt Mitte der Siebziger jung war.

Das stiftet Gemeinschaft bei einem Konzert, bei dem es ohnehin ganz viel ums Miteinander geht. Mal bekommt ein Paar in der ersten Reihe besondere Aufmerksamkeit und wird, da „ganz aus Stade angereist!“ zum Running Gag. Dann werden auf Ansage (halbwegs) komplizierte Rhythmen mitgeklatscht oder es wird gemeinsam gesungen. Besonders schön ist das beim „Feel“ von Robbie Williams, ein ohnehin durchwärmender Song, der noch einmal ganz anders das Herz öffnet, wenn ihn 2000 Menschen vorweihnachtlich-andächtig singen.

Joja Wendt kriegt sie alle – immer wieder

„Purple Rain“ von Prince („Der Mozart der Achtziger“), „Shape Of You“ von Ed Sheeran, im Zugabenteil, bei dem er sich nicht lange bitten lässt, „What’s I Say“ von Ray Charles: Eigentlich könnte es – Abteilung „Einen hab ich noch“ – stundenlang so weitergehen. Doch auf Jojo Wendt wartet im Foyer die Kür: Wie schon in der Konzertpause trifft er seine Fans, signiert Autogrammkarten und frisch gekaufte CDs („Gibt es nicht bei Spotify, sondern nur hier!“), schüttelt Hände und bleibt der Sympathikus, von dem sie hier alle nicht genug bekommen können.

„Ich war vorher nicht sicher, ob die Gags wieder zünden würden“, sagt eine Besucherin, die ihn schon mehrfach live gesehen hat, beim rausgehen. „Aber er hat mich auch dieses Mal kriegt.“

Damit ist sie nicht allein.

Alle aktuellen Kritiken des Abendblatts