Novemberrevolution

Comic zeigt deutsche Geschichte aus Hamburger Sicht

Die Graphic Novel „Rote Fahne, schwarzer Markt“ wirft auch einen Blick auf die Lebensverhältnisse der einfachen Menschen.

Die Graphic Novel „Rote Fahne, schwarzer Markt“ wirft auch einen Blick auf die Lebensverhältnisse der einfachen Menschen.

Foto: Isabel Kreitz

Mit der Graphic Novel gelingt es den beiden Autoren, ganz unmittelbar den tristen Alltag der Hamburger vor 100 Jahren zu zeigen.

Hamburg.  Es ist der 7. November 1918, als der junge Matrose Bruno Hansen aus Kiel nach Hamburg kommt, um auch hier „Revolution zu machen“. Brunos Schwester Lene ist begeistert, weil nun endlich auch Frauen wählen und mitbestimmen dürfen. Bei aller Euphorie über die neue Zeit und das Ende von Krieg und Monarchie aber fehlt es überall am Nötigsten. Die Menschen hungern, sogar im Speiselokal von Brunos Mutter im Gängeviertel bleiben die Töpfe leer. Wäre da nicht Theo, der sich mit dem Schwarzmarkt und krummen Geschäften bestens auskennt.

So beginnt die Bildergeschichte „Rote Fahne, schwarzer Markt“ von Isabel Kreitz und Robert Brack. Die Graphic Novel zur Novemberrevolution in Hamburg ist Teil des Themenjahrs „Hamburg 1918/19 – Aufbruch in die Demokratie“ und ein gemeinsames Projekt des Museums für Hamburgische Geschichte und der Landeszentrale für politische Bildung. „Wir haben ein zeitgemäßes Medium gesucht, um Hamburgs Weg in die Demokratie auch für junge Menschen durch eine ganz besondere Art der visuellen Kommunikation spannend zu erzählen“, sagt Ortwin Pelc vom Museum für Hamburgische Geschichte.

Kriegsende, Kaisersturz, Revolution und freie Wahlen – das sind die großen geschichtlichen Themenkomplexe. Mit der Graphic Novel aber gelingt es den beiden Autoren, ganz unmittelbar den tristen Alltag der Hamburger vor 100 Jahren zu zeigen. „Über die Bilder können die Leser in die damalige Lebenswirklichkeit eintauchen“, sagt Isabel Kreitz, preisgekrönte Comiczeichnerin und Illustratorin. Die engen Gassen, die hygienischen Zustände, die elende Versorgungslage – das alles wird durch die intensiven Bilder auf insgesamt 50 Seiten mit einem Mal sehr lebendig.

Eine Art Heldengeschichte

Dazu bei tragen ebenfalls die beiden Hauptfiguren. „Wir erzählen auch eine Art Heldengeschichte“, sagt Robert Brack, erfolgreicher Autor von historischen Hamburg-Krimis. Da ist Bruno Hansen, der zusammen mit seinen Kameraden, mit den Arbeitern und Soldaten, Frauen und Arbeitslosen für eine bessere Welt kämpft. Eine Welt, in der es kein Oben und Unten mehr gibt und Gerechtigkeit herrscht. Und auf der anderen Seite sein Antagonist Theo, der mit der Not der Menschen Geschäfte macht und dabei auch bereit ist, über Leichen zu gehen.

Kreitz und Brack sind für dieses Projekt tief in die damalige Zeit eingestiegen. Wie sah der Hauptbahnhof aus? Wie wurden damals überhaupt Informationen verbreitet? Wo tagten die Arbeiter- und Soldatenräte? Wo fanden die großen Demonstrationen statt? Was passierte im Rathaus? Gab es in Hamburg bereits mehr Autos als Pferdekutschen?

Da es relativ wenig Bildmaterial oder Filmaufnahmen von damals gibt, war die Recherche nicht einfach. „Wir wollten möglichst dicht an die ­Wirklichkeit ran“, sagt Brack. Für Isabel Kreitz ist jeder Comic „ein Film in ­Bildern“. Deshalb gibt es bei ihr auch keine längeren erklärenden Textkästen, die Story wird alleine durch die eindrucksvollen Zeichnungen und die ­Dialoge der handelnden Personen transportiert.

Monatelange Arbeit

Im Laufe ihrer monatelangen Arbeit wurden die beiden Autoren irgendwann zu einem Team. „Manchmal hatte ich Bilder im Kopf, dann wieder hat Isabel meine Dialoge geändert“, sagt Brack. So haben sie quasi Hand in Hand diese Story entwickelt, die nur am Anfang einen langen Brief von Bruno an seine Mutter und seine Schwester benutzt, um den Leser in diese Zeit einzuführen. Eine Zeit, als die Matrosen zuerst in Wilhelmshaven und dann in Kiel den Aufstand probten.

„Dies ist keine Meuterei. Dies ist ein Aufstand gegen die wahren Verbrecher, die uns in den Tod schicken wollten“, schreibt Bruno. „Dabei ist der Krieg doch längst nicht mehr zu gewinnen! Aber die Offiziere – alle übrigens gut versorgt und fett gemästet im Gegensatz zu uns – wollten das nicht einsehen. Sie wollten die Flotte gegen England schicken und sie in einer Seeschlacht versenken lassen, nur für die Ehre! Tausende Familien hätten ihre Söhne verloren, für nichts und wieder nichts!“

Gerade für junge Menschen ist es nicht einfach, einen Zugang zu diesen Zeiten mit ihren folgenreichen Entwicklungen zu bekommen. „Die Quellen sind nicht so multimedial wie heute, sie sind schwarz-weiß, die Schriften oft schwer lesbar, die Sprache ist alt und manchmal sogar sehr fremd“, sagt Sabine Bamberger-Stemmann, Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung. „Graphic Novels sind seit vielen Jahren eine Möglichkeit, historische, politische und gesellschaftliche Themen zu visualisieren und damit eine Brücke zu einem direkteren Verständnis komplexer Sachverhalte in unserer multimedialen Welt zu bauen.“

Das wünscht sich auch Robert Brack. „Diese Revolution vor 100 Jahren war die Grundlage für unsere heutige Demokratie.“ Die Graphic Novel könne das Ausgangsmaterial für Schulen werden, um den Jugendlichen zu erklären, was damals in Hamburg passiert ist. „Und warum es passiert ist.“

Dann könne daraus auch die Erkenntnis erwachsen, „dass sich Revolutionen manchmal lohnen können, wenn genug gute Gründe dafür vorliegen“.