Premiere

Frankensteins Grusel-Experiment am Thalia Theater

„Frankenstein/Homo Deus“ feierte am Thalia Theater in Hamburg

„Frankenstein/Homo Deus“ feierte am Thalia Theater in Hamburg

Foto: Thalia Theater/ Krafft Angerer

Es erinnert manchmal an Schultheater, macht aber trotzdem Spaß. Doch lange Wartezeiten strapazieren Nerven der Besucher.

Hamburg.  Der erste unheimliche Kuttenträger begegnet einem schon im Foyer des Thalia Theaters. So manches ist anders bei dieser Premiere von „Frankenstein/Homo Deus“. Inspiriert ist der Abend einerseits von Mary Shelleys Schauerroman „Frankenstein oder Der neue Prometheus“ aus dem 19. Jahrhundert, andererseits von den sehr gegenwärtigen Theorien des israelischen Universalhistorikers Yuval Noah Harari zur künstlichen Intelligenz.

Regisseur Jan Bosse folgt keiner zusammenhängenden Erzählung, weil es sie hier schlicht nicht gibt. Es geht ihm eher darum, eine Materialsammlung ins Theatrale zu überführen. Und dazu fällt Bosse überraschend viel ein. Indem der Regisseur die klassische Bühne-Zuschauer-Situation auflöst und das Publikum eingeteilt in Gruppen über vier verschiedene Kleinbühnen schickt, gelangen sie in jeweils eigene, szenisch abwechslungsreiche Welten. Inhaltlich gestaltet sich das Nachdenken darüber, ob mit Hilfe von Biotechnologie künstlich geschaffene Wesen nun eher Fluch oder Segen der Menschheit darstellen, deutlich schwieriger.

Ist der Mensch nur ein „Sack voller Algorithmen“?

Der auf den geschlossenen Eisernen Vorhang projizierte Film „Im Menschen Reservat“ von Jan Speckenbach bringt einen da nicht wirklich weiter. In ihm driftet Ensemblemitglied Pascal Houdus durch eine postapokalyptische Welt voller Kleinkrimineller und taumelt hinterher leibhaftig bandagiert und maskiert als Monster von der Bühne. Der Film ist mit viel Kunstwillen produziert, wirft aber mehr Fragen auf, als er beantwortet. Konkreter wird es da im Mittelrangfoyer. Schmallippig will Android Thomas Geiger zu einem Vortrag über „Homo Deus“ ansetzen, als ihm Karin Neuhäuser als Putzfrau in einer launigen Kabarettnummer den Stecker zieht und zu einer furiosen Kritik jeder Verharmlosung künstlicher Intelligenz anhebt. Ist der Mensch nur ein „Sack voller Algorithmen“?

Wieder im Parkett landet der Besucher im Forschungslabor von Paul Schröder und Jirka Zett, die mit allerlei Tricks versuchen, Menschen von Maschinen zu unterscheiden – ein Thema, das Wissenschaft, aber auch Popkultur nicht erst seit den Science-Fiction-Welten von „Blade Runner“ fasziniert. Der Erkenntniswert dieses Teils ist eher gering, die komödiantische Spielfreude des Duos dennoch ausgesprochen unterhaltsam.

Das Stück berührt viele zentrale Fragen

Am Ende kann sich Bosse auch das klassische Anatomietheater nicht verkneifen, das Stéphane Laimé überaus realistisch auf der Bühne errichtet. Sebastian Zimmler erweckt da als zerstreuter Faust mit Hilfe einer augenrollenden Marie Löcker als toll aufgemachter Assistentin Igor (Kostüme: Kathrin Platz) einen brüllenden Pascal Houdus als Frankenstein-Monster zum Leben. Und als er merkt, welche Geister er da rief, ist es schon zu spät, da richtet sich die Maschine längst gegen ihn. Die Szene offenbart einen erschreckend konventionellen Schultheatercharakter, mit viel Lust an klassischen Nebel- und Blitz-Effekten. Immerhin, der Spaß der Darsteller am klassischen Gruseltheater reißt es raus. Shelley erzählt anhand eines von Menschen geschaffenen Wesens natürlich auch von uns. Und das ist vielleicht das Glück dieses Abends, er berührt viele zentrale Fragen. Auch wenn er sie trotz dreieinhalbstündiger Dauer nur sehr ungenügend und oberflächlich anreißen kann.

In dieser Vorstellung bleibt vieles eher Behauptung, weil eine wirkliche Interaktion nicht stattfindet. Auch holpert die Logistik. Lange Wartezeiten vor der nächsten Station schwächen die Konzentration und strapazieren die Nerven so mancher Besucher.

Wer durchhält, wird nach der Pause im Saal noch einmal mit einem spielerischen Teil belohnt. Da schaut man beim Finale „Schöne neue Welt“ einer Schar „Posthumanisten“ dabei zu, wie sie, zugegeben reichlich albern, menschliche Fantasien ausleben, kopulieren, rohes Gemüse verzehren, Sekt schlürfen und eine Kissenschlacht vom Zaun brechen. Hier treibt Bosse seine Zitateschau auf die Spitze. Was da im Einzelnen von Stanislaw Lem, Nietzsche oder Monty Python stammt, ist nicht auseinander zu dividieren. Aber jeder Sprachfetzen kündet von einer zerfallenen Welt. Davon, dass der Mensch Gefahr läuft, seine Seele an Automaten ohne Bewusstsein zu verkaufen. Und wenn Karin Neuhäuser gemeinsam mit Pascal Houdus „Komm süßer Tod“ singt, sorgt das für einen berührenden Theatermoment. Die Bilder mögen plakativ sein, viele verhaken sich trotzdem im Gedächtnis. „ Frankenstein/Homo Deus“ ist mehr ein Experiment als ausgereiftes, ausgefeiltes Kunstprodukt. Durchaus eines mit Gewinn.

„Frankenstein/Homo Deus“ 20.11., 29.11., 4.12., 12.12., 11.1., 14.1., jew. 20.00, Thalia Theater, Alstertor, Karten unter T. 32 81 44 44