"Erklärung der Vielen"

Deutschland braucht keine Deutschtümelei

Im Rahmen einer bundesweiten Kampagne gegen rechts gaben 115 Kultur-Institutionen eine „Hamburger Erklärung der Vielen“ ab.

Hamburg. Es beginnt immer leise und langsam, und es hat längst begonnen, überall. Auch in Hamburg. Ein Nörgeln hier, aber mit neuem Tonfall, gegen diese aufmüpfige Kunst, gegen Andersdenkende und Schwächere; ein Sticheln dort, gegen das verdammte Komplexe im Leben, gegen die Fragen und die ständigen Suchen nach Lösungen, die eben nicht immer schön einfach zu ­haben sind. Da nicht nur in der Medizin die Dosis das Gift macht, haben bislang 115 Hamburger Kultureinrichtungen nach einem ersten großen Treffen am Montag beschlossen, gemeinsam und plakativ energisch an einem Gegenmittel gegen rechts zu arbeiten. Widerspruch gegen die Rhetorik der Ausgrenzung und Verengung einzulegen, die immer lauter und unverblümter wird und für immer mehr Verunsicherung sorgt.

Zeitgleich mit Gleichgesinnten in Berlin, Dresden und Düsseldorf trafen sich am Freitag etliche Verantwortliche aus allen örtlichen Szenen auf Kampnagel, um eine „Hamburger Erklärung der Vielen“ abzugeben. Eine Initiative, die ihren Anfang in Berlin nahm und von dort aus bundesweit Filialen ausbildete. Der 9. November 2018, 80. Jahrestag der Pogromnacht, war als Datum der Wahl klar ein Zufall. Symbol des Bündnisses ist eine dieser goldenen Rettungsdecken, die insbesondere seit 2015 vielen Menschen in Seenot geholfen hat.

"Die Schändung der Wahrheit durch die Lüge"

Die Bandbreite auf dem Kamp­nagel-Podium und davor reichte vom Privat-Bühnchen bis zum Staatstheater, genreübergreifend besorgt und entschlossen. „Wir wehren uns gegen die Schändung der Sprache und vor allem gegen die Schändung der Wahrheit durch die Lüge, die wir täglich erleben“, sagte Thalia-Intendant Joachim Lux, einer der ersten Redner. „Wir verteidigen das freiheitliche Europa und die Werte der Französischen Revolution.“

Als Moderatorin der konzertierten Verkündung hatte Kamp­nagel-Chefin Amelie Deuflhard beschrieben, was man sein wolle: „eine vernetzte Plattform, der Anfang einer Kampagne, die wir so lange führen, wie es nötig ist.“ Die vereinbarten Thesen seien nicht nur eine Erklärung, sondern auch eine Selbstverpflichtung aller Unterzeichner.

"In Österreich kann man sehen, wohin die Reise geht"

Dass sich in den folgenden Statements vieles wiederholte, verstärkte nur die eindringliche Wirkung aller Beobachtungen, Thesen und Schlussfolgerungen. Ulrich Waller, Chef des St. Pauli Theaters, berichtete, er sei gerade aus Österreich zurückgekehrt, dort könne man sehen, „wohin die Reise geht, wenn man nicht aufpasst“. Kunstverein-Direktorin Bettina Steinbrügge warnte vor der Tendenz, zeitgenössische bildende Kunst zu diskreditieren, wie es kürzlich bei einem umstrittenen Denkmal in Kassel geschah. Und sie berichtete auch davon, dass die AfD in Hamburg das parlamentarische Werkzeug der Kleinen Anfrage nutze, um genau darauf hinzuarbeiten. „Das sind die kleinen Schikanen, mit denen nun Kulturpolitik gemacht werden soll“, sagte sie. „Deutschland braucht keine Deutschtümelei. Wir lassen uns das nicht gefallen.“

Tobias Rempe, Geschäftsführer des Ensemble Resonanz, erklärte: „Haltungen geraten ins Rutschen“, und er betonte: „Die Musik, die wir spielen, die alte wie die neue, wurzelt in zahllosen Einflüssen unterschiedlicher Kulturen.“ Bücherhallen-Direktorin Hella Schwemer-Martienßen nannte die Kontrollversuche der AfD, das Bescheidwissenwollen über Interna im Umgang mit ­Literatur „Aspekte der Denunziation“ und „rechte Elemente, die man aus der Geschichte kennt“.

Gängeviertel-Motto aktueller denn je

Gängeviertel-Vertreterin Christine Ebeling betonte: „Unser Motto ,Komm in die Gänge‘ ist aktueller denn je.“ Angesichts der rechtspopulistischen Gänsemarkt-Demos sprach sie von einem „lächerlichen Haufen mit Deutschlandfahnen“, neben dem Denkmal des liberalen Lessing, „das die Leute nicht zum Denken anregt“. Und sie zitierte Schiller. „Wilhelm Tell“: „Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.“ Alexander Schulz, dessen Reeperbahn Festival ein weit offenes Tor in die Musikwelt ist, nannte einen weiteren Grund für das Bündnis: „Es ist auch Selbstschutz. Da wird Gegenwind kommen.“

In seinem verlesenen Statement spielte Intendant Georges Delnon auf den „Faust“ an, der gerade im Staatsopern-Spielplan steht, und befand: „Nur aus Widerspruch kann Gutes entstehen. Eine Gesellschaft, die aufhört, unbequem zu sein, hört auf zu sein. Kunst macht scheinbar bekannte und vertraute Dinge fremd“, erklärte er, bevor er den Dramatiker Heiner Müller zitierte: „Das Fremde ist eigentlich das Schöne.“

Konkrete Aktionen seien momentan noch nicht geplant, sagte Deuflhard, nachdem alle Statements abgegeben waren und schon die ersten Pressemitteilungen von etlichen Kultur-Institutionen per Mail eintrafen. Aber dieser Auftritt sei als erster Schritt bereits eine Aktion. Und überhaupt: „Wir verstehen uns als Eingreiftruppe.“

Weitere Informationen: www.dievielen.de