Theaterkritik

Von nicht gerade einvernehmlichem Sex am St. Pauli Theater

Eine Szene aus dem Stück  "Konsens" von Nina Raine auf der Bühne des St.Pauli Theaters

Eine Szene aus dem Stück "Konsens" von Nina Raine auf der Bühne des St.Pauli Theaters

Foto: Oliver Fantitsch

Das Stück „Konsens“ feierte in der Regie von Ulrich Waller umjubelte Premiere. Ein Abend, der nachdenklich macht.

Hamburg. „Hat sie ,Nein!’ gesagt?“ „Ja, ein paar Mal. Ich habe auch ,Nein’ gesagt.“ Jake schwant Böses. „Das war ein klassischer Fall von Vergewaltigung in der Ehe. Du wolltest Tim mit deinem Schwanz ausradieren.“ Krisensitzung unter Freunden. Ed ist von seiner Frau Kitty wegen Tim verlassen worden, er heult sich jetzt bei seine Freunden Jake und Rachel aus. Und räumt dabei ein, dass es zu nicht gerade einvernehmlichen Sex mit seiner Frau gekommen ist. Eigentlich sollte ihm bewusst sein, was er getan hat, denn der Freundeskreis besteht vor allem aus Juristen. Jake und Ed haben jeden Tag mit Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen zu tun. Doch Ed sucht nach Ausflüchten: „Wir sind doch verheiratet.“

„Konsens“ heißt das aktuelle Stück der britischen Autorin Nina Raine, das in Ulli Wallers Inszenierung am St. Pauli Theater eine umjubelte Premiere feierte. In Raines Drama geht es um Eheprobleme, Fremdgehen, Trennung und Versöhnung und um freizügige Party-Konversationen, in denen Sex eine große Rolle spielt. Neben den privaten Treffen der oben erwähnten Paare gibt es Gerichtsszenen, in denen eine Frau namens Gayle (Bettina Engelhardt) als Zeugin in einem Vergewaltigungsprozess aussagen muss. Die Zeugin ist zugleich Opfer. Ihr Gegner vor Gericht ist Anwalt Ed (Patrick Heyn), der sie im Kreuzverhör auseinander nimmt. Um Wahrheit geht es in diesen Prozessen im englischen Recht nicht unbedingt. Die Anwälte wollen eine Jury überzeugen, die über Schuld mit einem schlichten „Ja“ oder „Nein“ abstimmt. In Gayles Fall entscheidet sie, dass die Vergewaltigung keine gewesen sei.

Sexistische und zynischen Machos

Diese Gerichtsfälle werden bei den Partys der Anwälte launig erzählt. Die Männer in „Konsens“ sind sexistische und zynische Machos. Jake (Stephan Schad) sonnt sich gegenüber einen Kumpels darin, was für ein gewiefter Frauenaufreißer er doch sei; Ed hält Empathie für „Schwachsinn“ und verhält sich entsprechend; die griechische Tragödie „Medea“ brechen sie auf den Satz „untervögelte Frau dreht durch“ herunter und lachen sich darüber schlapp. Nur der oft gehänselte Tim ist anders als Jake und Ed, er hat sich Sentiment bewahrt, doch das ist in dieser selbstgefälligen Juristen-Clique nicht gefragt. Als Kitty (Johanna Christina Gehlen) sich in ihn verliebt und Ed verlassen will, bricht dessen patriarchalisches Familienkonstrukt zusammen und er gebärdet sich wie eine antike Furie.

Ulrich Waller hat die Szenenfolge klug inszeniert. Jede endet mit einem Satz, der Ausrufezeichen und Cliffhanger gleichermaßen ist, bevor die Bühne (Raimund Bauer) dunkel wird und schnell umgebaut wird. Waller lässt das Ensemble in lautem Ton spielen. Eine richtige Entscheidung, denn auch bei den Party-Gesprächen schwingt immer eine aggressive Stimmung mit. Für die leisen Töne ist hier kein Platz. Es geht meistens darum, die anderen zu übertrumpfen. Lediglich Kitty ist fähig, ihre Gefühlslage differenziert auszudrücken. Ihr Pendant Rachel (Adrienne von Mangoldt), obwohl von Jake oft betrogen, stellt sich nach der eingangs beschriebenen ehelichen Vergewaltigung aufs Eds Seite. Auch sie denkt in den juristischen Kategorien von Sieg und Niederlage und ist keine Sympathieträgerin.

Ulrich Waller hat ein erstklassiges Ensemble gecastet

Ulrich Waller hat für „Konsens“ ein erstklassiges Ensemble gecastet, das die Dialoge mit Timing und der nötigen Schärfe spricht und dabei für eine Reihe von oft zynischen Pointen sorgt, die zugleich die Gefühlskälte und die Arroganz der Protagonisten verdeutlichen. Bettina Engelhardt, mit platinblonder Perücke und in einem schwarzen Mantel, der wie ein Schutzpanzer wirkt, vertritt die andere Welt. Sie ist das Opfer, sie wird als Verrückte oder haltlose Alkoholikerin dargestellt, ihr glaubt niemand und niemand interessiert sich für ihr Leiden. Engelhardt wirkt wie ein Racheengel, doch sie hat nicht die Macht, für Gerechtigkeit zu sorgen.

Nina Raines Stück macht nachdenklich, nicht nur vor dem Hintergrund der #MeToo-Debatte. Die Dunkelziffer von sexueller Gewalt gegen Frauen ist hoch. Eine Studie der TU Dortmund befragte vor einigen Jahren 1200 Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Nur fünf Prozent von ihnen erstatteten Anzeige. Auch Kitty zieht in „Konsens“ ihre Anzeige gegen Ed zurück.

„Konsens“ läuft bis 25.11., St. Pauli Theater (U St. Pauli/S Reeperbahn), Spielbudenplatz 29-30, Karten auch in der HA-Geschäftstelle, Großer Burstah 18-32, Telefon-Hotline 3030 9898, www.st-pauli-theater.de