Kultur

Als Helmut Schmidt sich in der DDR malen ließ

Es ist eine deutsch-deutsche Staatsaktion der besonderen Art: Als sich die beiden Autos am Vormittag des 3. Juli 1986 von West-Berlin aus der Grenzübergangsstelle Dreilinden-Drewitz nähern, sind die DDR-Offiziere längst informiert. Sie wissen, dass in einer der beiden Mercedes-Limousinen der „ehemalige Bundeskanzler der BRD“ sitzt, der als „Persönlichkeit der Kategorie 1“ eingestuft ist. Man weiß auch, dass Schmidt auf dem Weg nach Leipzig ist, wo er sich von dem Maler Bernhard Heisig porträtieren lassen will. Die sonst üblicherweise unfreundlich bis schikanös agierenden Grenzorgane geben sich diesmal alle Mühe, den Insassen der beiden Wagen eine „bevorzugte Behandlung bei der Einreise“ zukommen zu lassen. Neben Helmut Schmidt und seiner Gattin Loki gehören die „Zeit“-Redakteurin Petra Kipphoff und deren Mann Stephan von Huene, der Fotograf Dirk Reinartz sowie zwei Personenschützer, die sogar mit ihren Dienstwaffen einreisen dürfen, zu der kleinen Delegation, die ab jetzt zusätzlich von Personenschützern der Stasi begleitet wird. Die Formalitäten sind schnell erledigt, kurz darauf ist der Konvoi auf der Autobahn Richtung Süden unterwegs und trifft nach gut anderthalbstündiger Fahrt in Leipzig ein. Ziel ist das Interhotel Merkur, das fünf Jahre zuvor von der japanischen Kajima-Gruppe erbaut wurde und seither als eines der besten Hotels der DDR gilt. Wer hier ein Zimmer bucht, muss mit D-Mark bezahlen, DDR-Bürger werden höchstens in den Restaurants geduldet.

Ein Mitarbeiter der Stasi bespitzelte die Schmidts

Die Stasi, die das „Devisenhotel“ umfassend mit Abhörtechnik ausgestattet hat und über einen geheimen Kontrollraum im Kellergeschoss verfügt, hat sich intensiv auf den Besuch vorbereitet. Ihr IM „Alexander“, hauptberuflich Hotelangestellter, erwartet Schmidt und Begleitung, begrüßt sie freundlich und bittet das Ehepaar, sich ins Gästebuch des Hotels einzutragen. Alexander ist hoch konzentriert, denn er muss anschließend Bericht erstatten, wobei selbst die nebensächlichsten Details nicht unerwähnt bleiben. Im entsprechenden Stasi-Protokoll schreibt der Spitzel: „Im Hotelzimmer ging Herr S. zunächst zum Schlafraum und warf einen Blick aus dem Fenster. Er fragte, welcher Teil der Stadt dies sei. Ich antwortete, dass dies der nördliche Teil sei.“ Anschließend führt der IM das Ehepaar Schmidt ins Restaurant Brühl im Erdgeschoss des Hotels, wo man zu Mittag speist.

Bereits am frühen Morgen, als sich Helmut und Loki Schmidt samt Begleitung noch auf dem Flug von Hamburg-Fuhlsbüttel nach Berlin-Tegel befinden, wundern sich die Anwohner der Straße Zum Harfenacker im Leipziger Stadtteil Leutzsch über eine merkwürdige Aktivität vor dem Wohn- und Atelierhaus des Malers Bernhard Heisig. Mit Hingabe kratzen eigens abgeordnete Mitarbeiter des Grünflächenamts die Grasbüschel aus den Ritzen der Gehwegplatten vor dem Grundstück. So ist alles schön sauber, als am frühen Nachmittag die Delegation in Leutzsch eintrifft. Während Helmut und Loki Schmidt und die begleitenden Journalisten von Bernhard Heisig und seiner Frau Gudrun Brüne begrüßt und ins Haus geleitet werden, nehmen die West-Personenschützer und ihre Stasi-Kollegen im Garten Platz, trinken Obstsaft und vertreiben sich plaudernd die Zeit. Im Atelierhaus begutachtet der Altkanzler inzwischen die ersten Entwürfe jenes Porträts, mit dem Bernhard Heisig offiziell beauftragt wurde.

Aus heutiger Sicht lässt sich kaum mehr ermessen, wie heikel dieser deutsch-deutsche Kunstauftrag im Sommer 1986 tatsächlich war, zu einer Zeit, als noch niemand ahnte, dass die Tage der DDR längst gezählt waren. 1976 hatte Schmidt die Idee einer Art „Ahnengalerie“ im Kanzleramt selbst angeregt, die dann schnell realisiert wurde. Für Konrad Adenauer wählte man ein 1963 entstandenes Porträt von Hans Jürgen Kallmann aus, Günter Rittner porträtierte Ludwig Ehrhard 1974 und Kurt Georg Kiesinger 1976. Nach Querelen um ein als schwierig empfundenes Porträt Willy Brandts von Georg Meistermann wurde dieses schließlich wieder entfernt und durch ein realistisches Gemälde des Düsseldorfers Oswald Petersen ersetzt.

Schon wenige Wochen nach Ende seiner Kanzlerschaft wurde Helmut Schmidt 1982 vom Kanzleramt ersucht, einen Maler für sein offizielles Porträt zu benennen. Die Ideen, die der kunstinteressierte Altkanzler zunächst hatte, ließen sich aus verschiedenen Gründen nicht realisieren. Dass er sich schließlich ausgerechnet für Bernhard Heisig entschied, einen der renommiertesten ostdeutschen Maler, der zwar gelegentlich Konflikte mit der SED hatte, aber dennoch als einer der bekanntesten Repräsentanten der DDR-Kunst galt, war ein Paukenschlag.

In der Bundesrepublik, wo es durchaus auch Irritationen gab, überwog das Erstaunen, während Schmidts Entscheidung die Kulturpolitik der DDR zunächst völlig verunsicherte. Schließlich wurde das Entstehen des Kanzlerporträts von der Stasi im Rahmen der Operation „Mütze“, deren Name auf Schmidts bevorzugt getragenen „Elbsegler“ Bezug nimmt, minutiös geplant und überwacht. Im Lauf des Jahres 1986 hat Heisig insgesamt sieben Varianten gemalt, die den Ex-Kanzler in unterschiedlichen Posen zeigen. Auf dem Bild, das schließlich für die Kanzler-Galerie ausgewählt wurde, ist Schmidt mit prüfendem Blick am Schreibtisch zu sehen, in der rechten Hand die Zigarette. Der expressive Malgestus ist typisch für Heisig, der als einer der Väter der Leipziger Schule gilt. Auch dass es in seiner Farbigkeit an den späten Kokoschka erinnert, dürfte Helmut Schmidt gefallen haben.

Auch Helmut Kohl gefiel das Porträt seines Vorgängers

In ihrem Buch „Heisig malt Schmidt“ hat die Berliner Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Kristina Volke nach Auswertung aller verfügbaren Akten das Zustandekommen des wohl ungewöhnlichsten deutsch-deutschen Porträtauftrags rekonstruiert. Sie beschreibt den Ablauf von der ersten Kontaktaufnahme über Heisigs Besuche in Hamburg und die beiden Atelierbesuche des Altkanzlers in Leipzig bis hin zur offiziellen Übergabe des Porträts im Kanzleramt am 11. November 1986. Das Buch geht auch auf Helmut Schmidts Verhältnis zur bildenden Kunst ein, würdigt die künstlerische Position Bernhard Heisigs und seine durchaus ambivalente Rolle im kulturpolitischen System der DDR, bevor es mit einem Ausblick auf den deutsch-deutschen Bilderstreit in der unmittelbaren Nachwendezeit schließt.

Es ist eine spannende Lektüre, weil sie den angesichts der Rahmenbedingungen nur scheinbar normalen Por­trätauftrag anschaulich schildert, zugleich aber mit den Stasi-Quellen die Paranoia und das Misstrauen der ostdeutschen Behörden aufzeigt, was oft unfreiwillig komisch anmutet. Interessant zu erfahren ist aber auch, wie sich der westdeutsche Staatsmann und der nur sieben Jahre jüngere ostdeutsche „Staatskünstler“ trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswege und gegensätzlichen politischen Haltungen im Verlauf des künstlerischen Arbeitsprozesses nähergekommen sind.

Bei der Übergabe im Kanzleramt zeigte übrigens auch Helmut Kohl keine Berührungsängste. Offenbar gefiel ihm das Porträt seines Vorgängers. Als es 2003 um sein eigenes Bildnis ging, beauftragte er den Leipziger Maler ­Albrecht Gehse, der Meisterschüler bei Bernhard Heisig war.

Kristina Volke: „Heisig malt Schmidt“
Ch. Links Verlag, 224 Seiten, 30 Euro