Hamburg

Diese Songs versteht wirklich jeder

Morgen erscheint „Alles ist jetzt“, das neue Album des Hamburger Musikers Bosse. Makellos ist es nicht

Hamburg.  Es wäre stark übertrieben, im Falle deutschsprachiger Popmusik von einer Zeit vor Jan Böhmermanns Satiresong „Menschen Leben Tanzen Welt“ und einer Zeit danach zu sprechen. Und es ist wahrscheinlich auch fies, die Besprechung eines neuen Albums von Bosse auch nur in die Nähe der ultimativen Abrechnung mit der Einfalt deutscher Liedtexterei zu bringen. Ein Bosse ist doch kein Max Giesinger, mag manch einer mal ganz grundsätzlich einwenden.

Das stimmt, aber hilft diese Feststellung wirklich weiter?

Zunächst zur kleinen Giesinger-Ehrenrettung. Es sei daran erinnert, dass der bisweilen unfassbar gnädige Sprachgraben, der zwischen deutschen Hörern und englischen Songs trotz Fremdsprachenkompetenz klafft, den direkten Zugang zu oft ähnlich seichten und platten Songzeilen verstellt. Man hört, sobald es englisch wird, eben leichter auch mal weg. Was waren die frühen Songs der Beatles? Doch wohl irgendwo auch Schlager.

Der Plattitüden-Radar muss aber dennoch bei allen Textern angeworfen werden, weil die catchy Phrase zwar unleugbar zum Popsong gehört, aber nicht mit unterkomplexer Beliebigkeit in der Wortaneinanderreihung verwechselt werden darf. Es muss nicht immer alles total offensichtlich sein.

Im Falle des neuen Albums des 38-jährigen, grundsympathischen Axel Bosse, der einst aus Braunschweig nach Hamburg zog, um mit Popmusik die Welt zu erobern, ist der Titel unbedingt zu loben: „Alles ist jetzt“ ist zwar nicht ganz so gut wie „Alles bleibt anders“, aber doch angemessen universal und nicht zuletzt die Verdeutschung des letzten Arcade-Fire-Albumtitels.

Mit dem Titellied und Eröffnungsstück geht die Platte so los: „Ich hab gelernt, das Leben zu genießen / Meine Freunde wie Blumen zu gießen / Ich hab gelernt, das Feuer zu schüren / Den Zauber nicht zu verlieren / Ich hab gelernt, der erste Blick täuscht / Und dass es gut ist, wenn man sich verläuft / Ich hab gelernt, auch wenn’s mies ist / Geht die Sonne trotzdem auf“. Das gibt in der Geballtheit des Einfachen, Wiedererkennbaren sehr deutlich die Richtung für das gesamte Album vor und kann nur funktionieren, wenn man dem Sänger solcher Zeilen eine Art semantische Toleranz entgegenbringt: Bosse, das ist einer, der über sich und uns alle singen will. Einer, der das Gute, Wahre, Schöne will, und das für jeden verständlich. Und man muss das nicht unbedingt Befindlichkeitspop nennen, nur weil das „Ich“ so dominant über sich und die Welt spricht, dass man fast sagen will, es solle mal einen Gang runterschalten. Aber auch das ist halt Pop: Es geht wenn nicht ums „Du“, dann eben ums „Ich“.

Pop ist dieses neue und siebte Album unbedingt. Hell, glänzend, glatt in der positiven Auslegung des Wortes. Man denkt manchmal, was die gute Laune angeht und die wohltemperierte Melancholie, auch an die späte Coldplay. Und das könnte eine Mahnung sein, bei der Kritik, die nun dann doch in Richtung des so popversierten Künstlers Bosse ausgesprochen werden muss: „Every Teardrop Is A Waterfall“ ist bei allem Kitschverdacht in metaphorischer Hinsicht immer noch viel geschmeidiger als Songs wie „Alles ist jetzt“ und „Hallo Hometown“.

Es ist die Kunst, in die alles umarmende Geste, in die sich der Pop so oft schmeißt, immer noch den kleinen, subtilen Wink zu verstecken. Die Kunst ist es, die Worte so zu bauen, dass es nicht die sowieso immer verbrauchte Sprache ist, die abgestandene Gefühle beschreibt, sondern der komprimierte Text, der großes Erleben in einen Dreieinhalb-Minuten-Popsong packt. Der schönste Song auf „Alles ist jetzt“ heißt „Pjöngjang“ und ist, trotz der eigentlich enervierenden Trump-Sichtung im Text, ein umstandslos verständliches Lied über die Verstehensgrenzen zwischen Menschen.

Es gibt hübsche Zeilen auf dieser Platte, einige sogar, und dennoch vermisst man oft den Tiefensog der Verse. Sätze aus dem Baukasten des Popdichters sind es eben halt zwischendurch auch mal ganz entschieden, und das ist dann nur in einer bestimmten Dosis zu schätzen.

Und dennoch werden die Bosse-Menschen um ihr Leben tanzen, wenn der Meister demnächst die Welt bereist – die neuen Songs sind Instant-Hits.