Hamburg

Eindringliche Studie über die Macht der Liebe

Bibiana Beglau glänzt in Martin Kušejs „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“

Hamburg. Das Mienenfeld der Liebe ist ein Parcours aus Glasflaschen. Sauber aufgereiht stehen sie in dem großen Aquarium, das Annette Murschetz auf Kampnagel errichtet hat. Die nicht immer gesunden Mechanismen der Liebe entlarvt Regisseur Martin Kušej gekonnt in seiner Fassung des Rainer-Werner-Fassbinder-Theaterstückes „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1971), die jetzt beim Hamburger Theater Festival gastierte.

Zu Beginn weiß sich Bibiana Beglau als erfolgsverwöhnte Modedesignerin Petra von Kant akkurat auf Stilettos durch die Flaschengassen zu bewegen. An ihrer Seite Sophie von Kessel als eindringlich stumme, grau gesichtige Dienerin Marlene. Das Herrin-Dienerin-Verhältnis ist bei Kušej in einem kurzen Fesselspiel-Moment klar definiert, auch wenn Marlene alles andere als zufrieden dabei aussieht. Das Machtgefüge gerät ins Wanken, als Michaela Steiger als
Petras Freundin Sidonie der exzentrischen Modeschöpferin ein mittelloses aber durchtriebenes Mädchen ins Haus schleppt.

Mithilfe ihres Körpers bedient Karin Thimm, kraftvoll luderhaft gespielt von Andrea Wenzl, willig Projektionen, um ihre materiellen Ziele zu verfolgen. Zwischen von Kant und Thimm entwickelt sich eine ungleiche Liebe. Sie sorgt erst für gipfelstürmende Hochgefühle, dann für Obsession, doch als sie erkaltet für
jähe Abstürze. Schonungslos ehrlich bis zur Selbstverleugnung und spielerisch virtuos stolpert Bibiana Beglau als Petra von Kant über den inzwischen in Scherben zerborstenen Flaschenteppich. Am Ende wird sie, von der Geliebten verlassen, alle verwünschen, die ihr noch geblieben sind, Mutter, Tochter, Freundin und Dienerin.

Die Inszenierung huldigt in ihren Bildern einer eleganten Sado-Maso-Ästhetik hinter bürgerlicher Fassade. Sie spart nicht mit Schmerz, Gewalt, Schürfwunden, Seelenschmerz. Und, ja, sie zeigt all das mit voyeuristischem Blick. Das tut sie jedoch hochkonzentriert. Entlarvt Besitzdenken genauso wie Verrat. Der eindringlichen Bühnensituation, bei der das Publikum seine Reaktionen an vier Seiten des Glaskubus gegenseitig beobachtet, kann sich niemand entziehen. Und es ist klar, wer sich hier spiegeln soll. Das Innere des Aquariums blitzt für jede Szene kunstvoll auf. Die metallische Musik von Jan Faszbender sorgt zusätzlich für eine stetige Steigerung der Spannung.

Eine eindringliche Studie über Macht und Verfall in der Liebe.

Hamburger Theater Festival bis 28.11.,
Programm und Karten unter
www.hamburgertheaterfestival.de