Hamburg

Eine Sopranistin, die ihre Kollegen an die Wand singt

Hamburg.  Paul Van Nevel ist ein Unikum. Seit Jahrzehnten ist der belgische Dirigent gleichsam verwoben mit dem von ihm gegründeten Huelgas Ensemble. Meist sieht man von den Sängern nur die Rücken, nicht die Gesichter, weil Van Nevel sie im Kreis gruppiert. Für das Eröffnungskonzert der Reihe „Das Alte Werk“ (seit Kurzem ­ohne das Präfix „NDR“, weil jetzt in Zusammenarbeit mit der Elbphilharmonie) hat er eine konventionelle Aufstellung gewählt. Denn statt mystisch kreisender mittelalterlicher Sakralmusik brachten die Künstler in der Laeiszhalle ein geradezu revolutionär junges Werk zu Gehör: die Oper „La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina“ aus dem Jahr 1625.

Revolutionär auch deshalb, weil das Werk aus der Feder einer Frau stammt. Und das hört man. In der Geschichte von der männermordenden Zauberin Alcina, die ihren Geliebten Ruggiero mit Zähnen, Klauen und weiteren unfeinen Mitteln an sich zu binden versucht, ergreift die Komponistin Francesca Caccini nämlich durchaus Partei für Alcina und ihre Empfindungen. Die Partie ist einfach packend expressiv – und genauso trug die Sopranistin Perrine Devillers sie auch vor, veredelt durch ihre eigene Gestaltung in Dynamik und Ornamentik. Mit ihrer dramatischen Durchschlagskraft sang sie die Kollegen umstandslos an die Wand.

Die Notation frühbarocker Musik beschränkt sich auf das Allernotwendigste, sodass die Wirkung wesentlich von Gespür und Kreativität der Interpreten abhängt. Da merkte man natürlich die Handschrift des alten Hasen Van Nevel. Der fächerte ein lebendiges, mühelos durchhörbares Klangbild auf und brachte die alten Instrumente – mannshohe Flöten, ein vielsaitiges Gambeninstrument namens Lirone, Barockposaunen – wunderbar zur Geltung.

Was für ein kompaktes, aufregendes Stück!