Hamburg

„Rigoletto“ am Allee Theater mit sensationellem Debüt

Hamburg. Musikkritiker hören zu wenig auf die Musik und interessieren sich vor allem für die Regie; so werden die eigentlichen Hauptdarsteller der Oper zur Randnotiz degradiert. An diesem Vorwurf ist wahrscheinlich was dran. Zäumen wir das Pferd also mal von vorne auf. In der gefeierten Premiere von Verdis „Rigoletto“ am Allee Theater sind es vor allem zwei Sänger, die den Abend musikalisch tragen und für die großen Opernmomente sorgen.

Marius Adam, der singende Intendant, hat sich mit der Titelpartie einen Traum erfüllt. Er gibt der Figur des missgebildeten und böswilligen Hofnarren Rigoletto psychologische Tiefe, mit kultiviertem und kernigem Bariton. Eine starke Vorstellung. Aber die eigentliche Entdeckung ist die Sopranistin Anna Rabe, gerade mal Anfang 20 und schon unglaublich gut. Ihre Gilda vereint zarte, mädchenhafte Nuancen mit einer erstaunlichen Strahlkraft, sie führt ihr lyrisches Timbre bombensicher bis in die Spitzentöne und phrasiert dabei fließend und natürlich. Ein sensationelles Debüt.

Dass ausgerechnet ihre Arie „Caro Nome“ als musikalischer Höhepunkt in Erinnerung bleibt, ist kein Zufall. Denn sie erklingt als einzige ausnahmsweise auf Italienisch, in der Muttersprache, in der sich Verdis Melodien eben zu Hause fühlen. Die Übersetzung der übrigen Gesangstexte wirkt diesmal etwas schwerfälliger als in anderen Produktionen, weil manche Parlando-Passagen einfach zu schnell sind für deutsche Silbenketten. Da ist zu oft zu wenig zu verstehen, man kommt nicht immer mit. Auch, weil der Regisseur Roman Hovenbitzer in seiner Ideenfülle einige Szenen überlädt. Warum er etwa den Hofstaat zu Beginn in den Trainingsraum eines Boxers verlegt, erschließt sich ebenso wenig wie der dramaturgische Sinn vom Fesselsexfetisch dieses dauerkoksenden Boxers, bei Verdi eigentlich ein Herzog, beziehungsweise der vermeintliche Student.

Solche SM-Zutaten samt Schampusschlecken hätte die fantasievolle Inszenierung (Bühne und Kostüme: Anna Siegrot) gar nicht nötig gehabt. Hovenbitzer erzählt die Tragödie als doppelbödiges Schicksals-Varieté, Sparafucile ist bei ihm nicht bloß der Mörder, sondern Conferencier und Strippenzieher, mit Zylinder und goldglänzendem Frack. Er lenkt die Figuren an unsichtbaren Fäden und tanzt dazu den Tango des Todes. Titus Witt gibt den Sparafucile mit mephistophelischem Lächeln und öligem Bösewichtsbariton – wie alle Sänger aufmerksam begleitet vom Allee Theater Ensemble unter Ettore Prandi, der in seiner Kammerbearbeitung der Oper wie gewohnt schöne Farbmischungen gefunden hat.

„Rigoletto“ weitere Vorstellungen ab 28.9., Allee Theater, Karten: T. 38 29 59