Hamburg

Kempowskis Deutschstunden

Am Altonaer Theater hatte „Aus großer Zeit“ Premiere, der erste von vier Abenden nach dem Romanzyklus „Deutsche Chronik“

Hamburg. „Mein Name ist Walter Kempowski“, sagt der junge Mann mit dem Seitenscheitel und der Brille. In der Tat ähnelt der Schauspieler Johan Richter dem Schriftsteller, dessen „Deutsche Chronik“ im Altonaer Theater gezeigt wird. Richter ist bei dieser ersten von insgesamt vier Inszenierungen der ­Erzähler, später wird er Teil der Familiengeschichte, die Kempowski in neun Bänden aufgeschrieben hat. Ende des 19. Jahrhunderts war er noch nicht ­geboren, doch als Erzähler weiß er um alle Details der Handlung. Zu Anfang stellt Walter Kempowski alias Johan Richter die beiden Familien vor, um die es in „Aus großer Zeit“, dem ersten Teil der Saga, geht.

Die neun Schauspieler besitzen exquisites Timing

Robert William Kempowski (Detlef Heydorn) ist ein Rostocker Reeder, der zu einigem Wohlstand gekommen ist. Eine Nachbarin, Frau Jesse (Katrin Gerken), hat allerdings keine hohe Meinung von dem selbstherrlichen Schiffseigner. Sie hält ihn für einen skrupellosen Parvenü. Wilhelm de Bonsac (Dirk Hoener) lebt mit seiner Familie in Hamburg-Wandsbek und besitzt eine ­Im- und Export-Firma. Bei einem Urlaub an der Ostsee in Graal begegnen sich beide Familien oder genauer: Karl Kempowski (Philip Spreen), ältester Sohn, verliebt sich in Grethe de Bonsac (Nadja Wünsche), eine der Töchter.

Die beiden Väter verkörpern das Bürgertum mit seinen verknöcherten Strukturen. Sie sind Patriarchen, die selbstherrlich entscheiden, keine Gegenrede dulden. Familienleben ist strengen Regeln unterworfen. Doch seit Robert Kempowski als Folge einer Syphilis-Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt ist, geht es in seinem Hause sehr fidel zu. Seine attraktive Gattin Anna (Anne Schieber) gibt Gesellschaften und macht keinen Hehl aus ihren diversen Liebschaften. Der Erste Weltkrieg setzt eine Zäsur im unbeschwerten Familienleben der Kempowskis und der de Bonsacs.

Mit einer schnell gespielten Szenenfolge inszeniert Axel Schneider die umfangreichen Romanvorlagen. Schneider hat auch die Textfassung besorgt. Er hat es geschafft, dass Geschehen so zu raffen, dass die historischen Hintergründe plausibel bleiben und die gesellschaftliche Atmosphäre dieser bürgerlichen Welt deutlich wird.

Die neun Schauspieler, die jeweils in bis zu zehn verschiedene Rollen schlüpfen müssen, haben ein exquisites Timing und schaffen über drei Stunden einen spannenden Erzählfluss, in dem sich ­Geschichte und Privates vortrefflich miteinander verbinden. Die von Volker Deutschmann entworfenen Kostüme signalisieren dem Zuschauer schnell, wo er sich gerade befindet. Bühnenbildnerin Ulrike Engelbrecht hat dafür eine Kleiderstange über den gesamten Bühnenhintergrund gezogen und daran ­unzählige helle Kostümteile aufgereiht. Dahinter können die Schauspieler verschwinden und sich mit den entsprechenden Kostümteilen für die Zuschauer sichtbar in eine andere Figur verwandeln.

Requisiten benötigt Schneiders ­Inszenierung nicht viele. Ein Kronleuchter, ein Tisch, ein paar Stühle und ein Rollstuhl reichen aus, um verschiedene Orte und Situationen zu skizzieren. Die Schauspieler schaffen selbst ­erzählerische Übergänge und treten dann über Dialoge wieder in die Szenen ein. Dabei kann es passieren, dass auch der Erzähler Kempowski über kommentierende Blicke oder kleine Gesten in das Geschehen einbezogen wird. Schneider verschränkt auf diese Weise geschickt die beiden Ebenen Erzählung und Spielszenen miteinander.

Regisseur Schneider lässt sein Ensemble Volkslieder singen

Bei der Darstellung des Ersten Weltkrieges zeigt der Regisseur gleich vier verschiedene Arten, wie man Krieg auf einer Bühne zeigen kann: über lauten ­Kanonendonner und Pulverdampf, über die wortreiche Schilderung des Geschehens, über einen martialischen Marsch und über sich krümmende tödlich verwundete Figuren in den flandrischen Schützengräben. Karl Kempowski überlebt das Grauen, doch er ist körperlich und seelisch versehrt, als er nach Rostock zurückkehrt.

Dennoch gibt es immer wieder ­komische Momente in dieser schweren Zeit zwischen 1900 und 1936. Dafür sorgen Tobias Dürr als draufgängerischer Flieger und Tangotänzer August Menz und als extravagante Frau Stier in Frauenkleidern sowie Ute Geske als Hausmädchen Giesing und als verfressene Silbi Kempowski. Die Musik tut ein Übriges. Schneider lässt sein Ensemble Volkslieder singen und schafft dadurch Momente der Entspannung, denn die Verhältnisse nach Ende des Ersten Weltkrieges werden nicht besser.

Nach der Pause wird „Schöne Aussicht“ erzählt, der zweite Teil von Kempowskis Romanzyklus. Darin geht es um die Wirtschaftskrise und den aufkommenden Nationalsozialismus. Schneider versucht nicht, plakativ Verbindungen aus der Weimarer Zeit zur Gegenwart herzustellen, doch Parallelen zum wieder stärker gewordenen ­Na­tio­nalismus der Jetztzeit sind unübersehbar.

An den Stammtischen bleibt rechtes Gedankengut unwidersprochen, Lehrer werden von den Nazis gegängelt, Menschen verschwinden, doch die Geschäfte bei den Kempowskis und den de Bonsacs laufen wieder besser.

Mit der gestrigen Premiere von „Tadellöser & Wolff“ (Besprechung in der Dienstag-Ausgabe) setzte das Altonaer Theater den Kempowski-Zyklus fort. Im März 2019 geht es mit Walter Kem­pows­kis Familienchronik weiter – und diesem überragenden neunköpfigen ­Ensemble, das auch die folgenden ­Inszenierungen stemmen muss.

„Aus großer Zeit“ läuft bis 20.10.2018, Altonaer Theater (S Altona),
Museumstraße 17, Karten ab 17,-
unter T. 3990 5870; www.altonaer-theater.de