Kultur

Der starke Appell des Hamburger Kultursenators

Carsten Brosda hielt zum Start des Festivals eine Rede, die ganz anders geplant war

Für die Verleihung der Indie Awards beim Reeperbahn Festival hatte Senator Carsten Brosda (SPD) eine Rede vorbereitet, aus aktuellem Anlass dann aber die Stichworte beiseitegeschoben. Wir dokumentieren Auszüge:

„Ich hatte mir so viele schöne Themen vorgenommen. Ich wollte loben, dass es jetzt einen Trilog zum Urheberrecht in Europa gibt. Ich wollte dem Vorstand gratulieren zur Wieder- bzw. Neuwahl und ganz viel Erfolg mit dem Verband in den nächsten Jahren wünschen. (...) Ich wollte natürlich das Reeperbahn Festival loben. Ich wollte gute Dinge über Hamburg sagen und Seitenhiebe auf andere Städte abfeuern. All das hatte ich vor.

Und dann ist mir letzte Woche ein Tonträger in die Hände gefallen. (...) ,Songs of Resistance’ von Marc Ribot. (...) Auf dieser wunderschönen Platte singt Tom Waits ,Bella Ciao’ und erinnert uns daran, dass das kein Song ist, den man im Sommer der Liebsten hinterherruft, sondern dass dieses Lied einen ganz anderen Hintergrund hat.

Und wenn man den Tonträger in der Hand hält, dann entdeckt man auch noch etwas ganz anderes. Man liest dort nämlich auf der Rückseite dieser Platte, die ein Sampler ist, hinter dem fünften Song statt des Künstlernamens nur zwei Sterne. In den Fußnoten steht dazu dann folgender Text: ,Due to fears, that Trumps regime retaliation would threaten her visa status, the vocalist on this recording of ,Rata de dos Patas’ has requested, that we delete all reference to her indentity’ (aus Angst vor der Trump-Administration bat die Sängerin eines Liedes darum, ihren Namen nicht zu nennen, die Redaktion). Nachdem ich das gelesen hatte, erschien mir das plötzlich wichtiger als die Frage nach dem Urheberrecht. Wo leben wir eigentlich? Was ist eigentlich los in einer Welt, in der man im Jahr 2018 auf die Rückseite von Plattencovern solche Texte schreiben muss, weil Künstlerinnen und Künstler sich von einer Regierung nicht mehr geschützt fühlen in der Freiheit ihres künstlerischen Ausdrucks?

Das ist so fundamental, da reicht es nicht mehr, Facebook-Gruppen zu gründen und zu sagen, wir sind mehr. Sondern wir müssen alle miteinander dafür sorgen, dass die Freiheit und die Offenheit des künstlerischen Ausdrucks gewährleistet bleiben. Dazu gehört auch, dass wir jeden kritisieren können, den wir kritisieren wollen und zwar mit den Mitteln, mit denen wir es tun wollen. Dafür zu sorgen, dass dieser Möglichkeitsraum da ist, das ist die Pflicht des Staates. Das ist unser Job.

Das heißt auch, dass man aufstehen muss und dass man Grenzen markieren muss. Weil wir in einer Welt leben, in der jeder seine eigene Sicht auf die Dinge hat und wir der Meinung sind, dass auch jeder einzelne individuelle Lebenslauf zu einer individuellen Sicht der Dinge berechtigt. Aber die Tatsache, dass wir das erreicht haben, und damit scheinbar universale, gottgegebene Wahrheiten abgelöst haben, enthebt uns nicht der Verantwortung, dass wir uns am Ende auch wieder auf das verständigen müssen, was uns allen gemeinsam ist.

Es ist nicht damit zu Ende, dass wir sagen, jeder hat seine individuelle Weltsicht, und jeder darf diese Sicht äußern. Denn die Tatsache, dass wir alle ohne Angst verschieden sein wollen und auch sein können, ist etwas, was uns dann hoffentlich alle wieder eint und was wir alle miteinander verteidigen.

Für diese gemeinsame Wahrheit lohnt es sich einzustehen. Heute Abend hier auf dem Reeperbahn Festival, aber auch an jedem anderen Tag in unserer Gesellschaft, wann immer wir feststellen, dass das nicht so ist. Ich hoffe, dass hier ganz viele Menschen sind, die dabei mitmachen. Und wenn uns dieser Kampf für eine offene, für eine vielfältige, für eine freie Gesellschaft gelingt, dann kriegen wir solche Sachen wie die Frage mit dem Urheberrecht auch hin.

Ich wünsche uns allen einen schönen Abend und die feste Gewissheit, dass man gerade auch beim Feiern die Freiheit verteidigen kann.“