Hamburg

Ein völlig verrückter Abend in der Elbphilharmonie

Orchester der Lucerne Festival Academy, Peter Eötvös, Tamara Stefanovich, Pierre-Laurent Aimard

Orchester der Lucerne Festival Academy, Peter Eötvös, Tamara Stefanovich, Pierre-Laurent Aimard

Foto: Claudia Hoehne

Das Gastspiel der Lucerne Festival Academy begeisterte. Das jüngste Werk von Peter Eötvös wurde nach Bravo-Rufen sogar wiederholt.

Hamburg.  Vor nicht allzu vielen Jahren wäre man wegen dieser Zusammenfassung eines ausverkauften Hamburger Konzerts für verrückt erklärt worden: Gut 2000 Menschen und ein Nachwuchs-Orchester im Saal, auf den Pulten ausschließlich Zeitgenössisches, davon drei Viertel von lebenden ungarischen Komponisten. Das jüngste Werk, Peter Eötvös’ „Reading Malevich“, ist gerade mal zwei Wochen alt – und am ­Ende wurde ein Teil davon nach Bravo-Rufen wiederholt.

Und während des ganzen Abends wurde auch nicht zielsicher kreuz und quer in die Musik gehustet, sondern konzentriert miterlebt und mitgehört, welche Abstraktionsgrade sich ergaben; wie diese Welt-Entwürfe aus Noten und Klängen sich entwickelten.

Jetzt aber geht das. Jetzt kann ein Spitzenorchester wie das der Lucerne Festival Academy im Großen Saal der Elbphilharmonie auftreten und unter Eötvös’ routinierter Leitung eine Lektion in Gegenwartskunst geben. Mit Werken auftrumpfen, die ebenso ­exemplarisch wie exzentrisch orches­triert wurden, um den Absichten ihrer Komponisten zu entsprechen. Einzig die Eröffnung, die düster dräuende Stromschnellen-Vertonung „Lethe“ (2014) von Máté Bella, bewegte sich noch im gehobenen Kammerorchesterbereich – zwei seitliche Streichquintette und ein Streicherblock dazwischen, virtuos Strudel, Impulse und Wellenkämme imitierend.

Effekte und Klischees

Danach wurde es massig: B. A. Zimmermanns „Dialoge“ für zwei Klaviere und Orchester, eine rebellisch-sperrige Ideen-Zentrifuge aus den 1960ern, war bei Pierre-Laurent Aimard und ­Tamara Stevanovich solistisch in den denkbar besten vier Händen.

Der schönste Moment in György Kurtágs „Stele“ von 1994: der erste Akkord-Block sehr alter Schule, der in Sekundenbruchteilen wie durch Zauberei zu Klang-Magma schmilzt, das sich seinen Weg durch die Jetzt-Zeit sucht. Eötvös’ eigene Gemälde-Vertonung war ein faszinierend gekonnter Mix aus gleißenden Effekten und einem etwas überdeutlichen Spiel auf der Klischee-Klaviatur der Avant­garde. Doch dieses Kavaliersdelikt ist angesichts der Begeisterung danach mühelos verzeihlich.