Comedy

Lutterbek: Wo sich die Hamburger Gruppe LaLeLu einstimmt

„Die Schönen und das Biest“ heißt das neue, das 15. Programm der A-cappella-Comedy-Gruppe LaLeLu. Ob nun Bass Tobias Hanf, die Baritone Jan Melzer und Frank Valet (v. l.) oder Mezzosopranistin Sanna Nyman die bessere Figur machen, liegt beim Betrachter

„Die Schönen und das Biest“ heißt das neue, das 15. Programm der A-cappella-Comedy-Gruppe LaLeLu. Ob nun Bass Tobias Hanf, die Baritone Jan Melzer und Frank Valet (v. l.) oder Mezzosopranistin Sanna Nyman die bessere Figur machen, liegt beim Betrachter

Foto: Marcel Bock

Wie entsteht ein Comedy-Programm, das zwei Jahre laufen soll? Die A-cappella-Gruppe war im „Trainingslager“ – und das Abendblatt dabei.

Hamburg.  Schönberg, Heidkate, Stein oder Wisch – manche Orte an der Bundesstraße 502 nach Lütjenburg tragen seltsame Namen. Warum bloß fährt man gut zwei Stunden 120 Kilometer von Hamburg nach Lutterbek, einer Gemeinde mit nicht einmal 400 Einwohnern in der Probstei im Kreis Plön bei Kiel? Provinz.

Möge der Lutterbeker Aufschlüsse geben. Das Haus mit Geschichte bietet hier, in der strandnahen Pampa Norddeutschlands, von jeher ein Stück Heimat für Landwirte, Studenten mit Fahrrad, aber auch Großstädter mit SUV. „Als Auftrittsort begehrt, als Kneipe berüchtigt, als kleine Erholungsoase für Herz und Seele unersetzlich“, heißt es vollmundig auf der Website der 1975 eröffneten Kleinkunstkneipe. Hier also gibt die Gruppe LaLeLu, hierzulande Erfinder des Genres A-cappella-Comedy, die allererste Vorpremiere ihres neuen Programms „Die Schönen und das Biest“. Wenn komischer Gesang auf Publikum trifft.

Seit 2000 spielt LaLeLu regelmäßig im Lutterbeker

An der Dorfstraße stehen Autos mit den Kennzeichen KI, PI, aber auch NF und HH. Der Gastraum im Lutterbeker ist proppevoll, noch 45 Minuten bis zur Show. Ein Mann mit Schiebermütze, Kinnbärtchen und Berliner Tonfall schlängelt sich zum Theatersaal durch und lächelt vielsagend: „Das hier ist ex­tremer Rock ’n’ Roll im A-cappella-Bereich“, sagt Lukas Langhoff. Er ist der Regisseur von LaLeLu. Und das seit 2002. Bereits seit 2000 singt und spielt LaLeLu regelmäßig im Lutterbeker.

Wie aber entsteht eigentlich ein neues (Musik-)Comedy-Programm, das meist zwei Jahre lang gespielt werden soll? Und das mit vier, genau genommen sogar sechs Leuten. Denn außer den vier Sängern Jan Melzer, Tobias Hanf, Frank Valet und Sanna Nyman sowie Regisseur Langhoff mischt auch noch Hauptautor und Arrangeur Sören Sieg mit. Der frühere Tenor (bis 2012) und Mitbegründer der Gruppe ist diesmal noch verhindert. Sieg, Melzer und Hanf hatten LaLeLu 1995 an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater gegründet und nach dem Schlaflied aus dem Film „Wenn der Vater mit dem Sohne“ benannt.

Von Schlager, Volkslied und Pop hat das Quartett sein Repertoire im Lauf der Zeit konsequent erweitert: Jazz, Rock, Hip-Hop, auch Klassik kamen hinzu – schließlich haben die drei Herren der Schöpfung (inklusive Bariton Valet) alle klassischen Gesangsunterricht genossen; die Deutschfinnin Sanna Nyman ist ausgebildete Musical-Darstellerin und noch immer die komischste Mezzo­sopranistin, seit es A-cappella-Comedy gibt. Aller vier Fähigkeiten zur Parodie, zu Medleys und auch zum Tanz galt es für Sieg zu berücksichtigen, als er im vorigen Herbst anfing, das neue Programm zu schreiben – stets in engem Austausch mit den vier Band-Mitgliedern. Wo bleibt die eigene Note?

Das Quartett betont das Lokale

Im voll besetzten Saal des Lutterbekers legen die vier Protagonisten mit einer funky Hip-Hop-Nummer los, ihr protziger Falschgold-Schmuck unterstreicht den parodistischen Charakter. Mit „LaLeLu in Lutterbek“ (zur Melodie des Jazz-Standards „Lullaby of Birdland“) holt das Quartett auch gesetztere Zuhörer ab und betont das Lokale.

Jan Melzer, bereits in früheren Programmen als „Elvis op Platt“ am Start, hat sich in der kleinen Garderobe hinter der kaum größeren Bühne in ein Presley-Kostüm gezwängt und schmachtet „Love Me Tinder“. Versteht das Publikum die Anspielung des lässigen Langhaarigen auf die mobile Dating-App? Es soll im Programm ja um das Mann-Frau-Thema und Beziehungen gehen. Das folgende vertonte Franz-Grillparzer-Gedicht „Kuss“ ist noch anspruchsvoller.

Als Bass Tobias Hanf dann für die „Ballermann-Oper“ Haltung annimmt und zu Edward Elgars Melodie „Land of Hope and Glory“ voller Inbrunst „Zehn nackte Friseusen“ des Mallorca-Entertainers Mickie Krause intoniert, gibt es kein Halten mehr – Brüller und Beifall bis zur Pause. Auch im sogenannten Bullenstall, wie der Anbau rechts im Theatersaal genannt wird. Regisseur Langhoff hat hinten auf einem Hocker gesessen, schreibt Notizen in sein Büchlein, als das Saallicht wieder angeht, und verdrückt sich. Derweil die Zuschauer nach draußen drängen, vorbei an mehreren gerahmten Foto-Collagen.

Auftritt in dunklen Kapuzenmänteln

Die zieren die Wände und zeigen, wer in 43 Jahren Lutterbeker hier alles schon aufgetreten ist: Dirk Bach war hier, Ingo Appelt, die Missfits mit Gerburg Jahnke, das Hamburger Duo Herrchens Frauchen, Lästerlyriker Hans Scheibner, die Kabarettisten Horst Schroth und Matthias Deutschmann sowie Deutschlands erster Kabarett-Professor Richard Rogler. Aber auch Diseuse Georgette Dee und Ina Müller, als sie im Duo Queen Bee noch Kabarett machte. Oder der Hamburger Singer/Songwriter Dirk Darmstaedter mit den Jeremy Days und weitere Bands.

Für den zweiten Teil haben die vier LaLeLus dunkle Kapuzenmäntel übergestreift – der Song „Achtsamkeit“ mit Sanna Nyman als Vorzeige-Biest im Doom-Metal-Gewand zeigt einmal mehr neue, ungeahnte Facetten der Hamburger Gesangskomiker. Danach moderiert Bariton Frank Valet eine Max-Raabe-Nummer an – welch ein Kontrast. Es folgen, verpackt in Parodien und Medleys, nach mehreren Kostümwechseln weitere unterschiedliche Nummern sowie gleich drei Zugaben, darunter der neue Titelsong „Die Schönen und das Biest“.

Am Ende, nach mehr als 20 Liedern, bedankt sich Hanf im Namen der Gruppe beim Publikum dafür, „durch den Abend getragen worden zu sein“. Melzer ist im Foyer die Erleichterung anzumerken, er umarmt jede(n) herzlich, während Sanna Nyman charmant-ironisch ihren Song zitiert („Ich brauche so viel Achtsamkeit“) und Valet erst mal seine Dame herzt. Es folgen Gespräche mit begeisterten Fans, an einem großen runden Tisch danach ein Austausch mit den Agenten und dem Regisseur sowie ein spätes Essen und, nun ja, das eine oder andere Kaltgetränk.

Gäste kommen aus einem Umkreis von 100 Kilometern

Hildegard „Strupp“ Marx betreibt den Lutterbeker mit Ehemann Wolfgang Marx seit 1975 als Kulturkneipe, Tochter Linn, die auch einen Film über das Haus gemacht hat, mischt ebenso mit. „Wir mögen es, wenn sich Künstler bei uns mit Vorpremieren ausprobieren“, sagt „Strupp“ Marx. Speziell für LaLeLu kommen die Gäste aus einem Umkreis von 100 oder mehr Kilometern, sogar aus Hamburg, meint sie. Stimmt. „LaLeLu begrüßen wir hier besonders gern. Die Gruppe kann bei uns auch übernachten, und wir sehen die Künstler ungeschminkt am Frühstückstisch.“

Dafür schauen die vier LaLeLus am nächsten Vormittag wirklich gut aus. Die Sänger sitzen mit ihren diesmal gleich zwei Technikern und Lukas Langhoff an einem großen runden Tisch im malerischen Garten. Der Regen stört kaum. „Die Nacht war recht kurz, aber gut“, sagt Sanna Nyman. Wie Melzer hat die Mezzosopranistin hier in einem ausgebauten Bauwagen übernachtet, wie alle Beteiligten gleich drei Nächte in Folge. Ob des Vorpremieren-Drucks hat sie sogar auf die Feier ihres Geburtstages und ihren Partner verzichtet. LaLeLu first. „Magisch“ nennt Melzer das Ambiente in Lutterbek: „Es hat Zirkus-Atmosphäre“. Dennoch empfindet er diese Zeit wie „ein Trainingslager“. Und Lukas Langhoff sei ihr Klinsmann, der Trainer für die Ansprachen und die Motivation.

Fünf bis sechs Songs haben sie hier in Lutterbek mit Langhoff pro Tag einstudiert, davor hatten sie mit ihm im Mai und Juni sechs Tage in Hamburg geprobt. Der Regisseur hat seinen Preis. Immer wenn Fußball-EM oder WM sei, sprich alle zwei Jahre, geht es an die Proben für ein neues Programm. Den Titel „Die Schönen und das Biest“ schwebte ihnen schon länger vor, sagen sie unisono. Es ist das 15. LaLeLu-Programm. „Und das Thema Mann/Frau und die Partnerwahl ist zeitlos“, meint Valet.

Ein Coaching-Buch für das Feedback

Langhoff erzählt, dass er sich am Vorabend in der Pause im Foyer und vor dem Lutterbeker unter die Besucher gemischt habe – inkognito. „Die fühlen sich wie Kundschaft behandelt. Und die Zuschauer haben gespürt, welche Energie unser Programm hat“, gibt er Reaktionen wieder. „Dass ausgerechnet die Doom-Metal-Nummer ,Achtsaaaaaam‘ zu einem der Höhepunkte des Abends wurde, nötigt mir Respekt vor diesem tollen Publikum ab“, sagt Melzer. Auch Hanf hätte gedacht, „dass diese Nummer die Leute eher schocken könnte“. Umso mehr freut er sich, wie gut etliche Textpointen schon funktioniert haben, bei seinem Max Raabe etwa.

„Ich habe einige Weiterentwicklungen gesehen“, sagt Langhoff. „Ich finde, sie machen das jetzt wie Schauspieler, die am Theater sofort loslegen müssten“, lobt der Regisseur. Noch einmal versammelt er sein Team im Theatersaal zu einer finalen Analyse, die Jan Melzer später als „klassische Kabinenansprache“ bezeichnen wird. „Wir gehen bei einigen Szenen neue, etwas sensiblere Wege,und Lukas hat uns Hilfestellungen aufgezeigt.“

Schwierige Diskussionen mit dem Quartett? Diesmal keine. „Was wohl auch daran liegt, dass die Gesamtlänge passte und kein Streichkandidat dabei war“, sagt Hanf. Gestärkt und bestätigt habe die Gruppe auf dieser Basis Raum für ein oder zwei Experimente gerschaffen, meint Melzer. „Jetzt müssen wir dranbleiben!“ Auch dafür haben die vier Sänger gesorgt: In ein Coaching-Buch kann jeder nach einer Show eintragen, was ihm oder ihr bei den anderen oder der Gruppe aufgefallen ist. Bei Klinsmanns Nachfolger Löw hieße das wohl „högschde Disziplin“.

Bei Langhoff klingt das anders. „Wenn ich zur Premiere nach Hamburg komme, und es wäre nichts passiert, wäre ich schon sehr erstaunt“, sagt der Regisseur – und lächelt wie am Abend zuvor vor der allerersten Aufführung. Auch eine Motivation für den 12. September im Lustspielhaus.

Termine & Karten

Premiere von „Die Schönen und das Biest“ ist am Mittwoch, 12. September, in Alma Hoppes Lustspielpielhaus (Ludolfstr. 53). Weitere Vorstellungen dort gibt LaLeLu vom 13. bis 16.9. und vom 10. bis 14.10. (jew. 20 Uhr, So 19 Uhr). Karten zu 14,- (erm.) bis 29,- gunter T. 55 56 55 56 und www.almahoppe.de sowie ab 28,85 auch in der Abendblatt- Geschäftsstelle (Gr. Burstah 18– 32), Ticket-Hotline T. 30 30 98 98