Literatur

Nino Haratischwili: „Alle Länder sind rassistisch“

Auf der Frankfurter Buchmesse ist Georgien Gastland. Nino Haratischwili wird dort eine der Eröffnungsreden halten

Auf der Frankfurter Buchmesse ist Georgien Gastland. Nino Haratischwili wird dort eine der Eröffnungsreden halten

Foto: picture alliance

Sie stammt aus Georgien und lebt in Hamburg. Mit ihrem neuen Roman steht sie auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Hamburg.  Mit ihrem letzten Roman, dem Georgien-Epos „Das achte Leben (für Brilka), begeisterte die Hamburger Schriftstellerin Nino Haratischwili nicht nur hierzulande ein großes Publikum. Die Dramatisierung des Stoff für die Bühne ist ab November wieder im Thalia zu erleben. Jetzt erscheint Haratischwilis neuer Roman „Die Katze und der General“. Ein Gespräch mit der 35-Jährigen über Literatur, Rassismus in Deutschland, Putins Russland und die Frankfurter Buchmesse.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie in Hamburg jemanden russisch oder georgisch sprechen hören?

Nino Haratischwili: Georgisch höre ich nicht so häufig. Trotzdem ist es anders im Vergleich zu früher, als es noch keine Visumsfreiheit gab, nichts Besonderes mehr. Damals habe ich mir die Menschen, die meine Muttersprache sprechen, immer genau angeschaut. Wie sehen die aus, was tragen die? Russisch hört man auch heute aber noch viel häufiger. Ich finde die Sprache wunderschön, dennoch ruft Russisch bei mir ambivalente Gefühle hervor.

Ihr neuer Roman „Die Katze und der General“ handelt, wenn man so will, vom russischen Verhängnis: der Implosion des Riesenreiches nach Perestroika, Glasnost und dem Fall des Eisernen Vorhangs. Es geht um russisches Großmachtstreben, um den Tschetschenienkrieg, um die Vergewaltigung einer Tschetschenin durch russische Soldaten. Wie aktuell ist der Roman?

Haratischwili: In Tschetschenien so aktuell wie vor 20 Jahren. Das Buch ist kein reiner Tschetschenien-Roman, erzählt aber die unermessliche Leidensgeschichte eines Volkes in einem Land, das selbst für den Nachbarn Georgien in gewissem Sinne Terra incognita war. Dort hat man zwar die Kriege wahrgenommen, aber von den Flüchtlingen, die nach Georgien kamen, bekam man kaum etwas mit. Sie blieben für sich. Was das russische Großmachtstreben angeht: Das ist im Kaukasus jetzt genauso Thema wie vor zwei Jahrzehnten. Das Gefühl der Gefährdung ist unterschwellig immer da.

In Ihrem Roman, der einen Bogen vom Afghanistankrieg in den Achtzigern über den ersten Tschetschenienkrieg in den Neunzigern bis in die Gegenwart schlägt, geht es um Schuld und Sühne.

Haratischwili: Die Frage der Täterschaft stellt sich auch mit dem Abstand vieler Jahre. Wie kann man mit Schuld leben? Der Roman beschäftigt sich mit dem fernen Echo dessen, was in rechtsfreien Räumen, wie sie Kriege darstellen, geschah. Was macht das mit Menschen, wenn alle zivilisatorischen Absprachen aufgehoben sind?

In Ihrem Buch trifft man auch auf den Sowjetmenschen, der von der Vergangenheit nicht lassen kann.

Haratischwili: Lebensläufe wie die des Obersts, der nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches quasi selbst in sich zusammenbricht, gab es zuhauf. Nach dem Dienst fürs Vaterland und den Sozialismus fühlten sich viele ganz persönlich davon bedroht, in die Nichtigkeit abzudriften.

Wurde die gewaltvolle Vergangenheit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs je aufgearbeitet?

Haratischwili: Das Problem der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit ist in dem Moment, in dem Putins Russland sich immer wieder anschickt, seine Nachbarn in Angst und Schrecken zu versetzen, nicht mehr das vordringlichste Problem. Jetzt im August jährt sich der militärische Konflikt zwischen Georgien und Russland zum zehnten Mal, und auch die Annexion der Krim durch Russland bzw. dessen Vorgehen in der Ostukraine zeigen, dass die Sorge vor der Politik Putins wohlbegründet ist.

Fühlen Sie sich als Deutsche oder Georgierin? Und wie finden Sie eigentlich diese Frage? Vor dem Fall Özil schien das nationale Entweder-oder überwunden.

Haratischwili: Ich würde sagen, in meinem existenziellen Kern bin ich Georgierin. Aber eine mit sehr vielen deutschen Eigenschaften. Ich fühle mich der deutschen und westeuropäischen Identität nahe. Und trotzdem wache ich nicht jeden Tag auf und grübele darüber nach, was ich mehr bin. Eine andere Herkunft als die anderer Deutscher bereichert manchmal, manchmal nervt sie. Vielleicht gerade dann, wenn es um das geht, was Mesut Özil angesprochen hat: dass die Gesellschaft einen oft zwingen will, eine Entscheidung zu treffen.

Wie haben Sie die Özil-Debatte wahrgenommen?

Haratischwili: Man kann über vieles in dieser Debatte streiten. Es war sicherlich keine schlaue Idee, Fotos mit Erdogan zu machen. Andererseits: Wie viele Menschen stellen sich neben Putin oder werden dafür längst nicht so kritisiert? Entscheidend ist aber eben nicht das Foto, sondern das, was es ausgelöst hat. So war unter anderem sehr interessant zu sehen, wie praktisch jeder sein in der Regel sehr kritisches Statement abgeben musste, obwohl er sich meist gar keine Vorstellung davon machen kann, wie es ist, eine bi-kulturelle Identität zu haben. Ich kann Özil da schon verstehen, Deutscher, Türke – warum kann er nicht beides sein?

Welchen Pass haben Sie?

Haratischwili: Nur den deutschen, den georgischen durfte ich nicht behalten. Das fand ich schade. Was meine Rolle als Einwanderin angeht, der immer wieder dieselben Fragen gestellt werden: Ich habe mich damit abgefunden, dass ich aus der Nummer nicht mehr rauskomme (lacht). Wenn ich auf Lesungen gefragt werde, warum ich auf Deutsch schreibe, erwarten die Leute immer schicksalsschwere Antworten. Etwa in der Art, dass ich den Abstand der anderen Sprache brauche, um über meine erste Heimat zu schreiben. Dabei ist es einfach nur Zufall: Aus politisch-sozialen Gründen kamen wir einst nach Deutschland, ich ging in eine bestimmte Schule, konnte auch schon Deutsch, es war mir von klein auf vertraut, ich traf Menschen, die mir halfen, dann nahm mich die Regieschule in Hamburg. So wurde ich zur deutschen Schriftstellerin und Dramatikerin. Mein migrantischer Lebenslauf ist längst nicht so krass wie der von Menschen, die vor Kriegen fliehen.

Was ist heute Heimat?

Haratischwili: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich versuche es mal und spreche für mich: Dort, wo deine Art zu sein nicht hinterfragt wird, das ist Heimat. Einen Preis zahlst du nämlich immer, wenn du wie heute nicht wenige Menschen in Zeiten der Globalisierung in zwei oder drei Ländern zu Hause bist. Du büßt etwas ein, wenn du von einem Ort weggehst, und du hinterfragst dich mehr, die Mitmenschen, die Gesellschaft. Auf diese Weise verliert man eine bestimmte Selbstverständlichkeit, man gewinnt aber auch viel dazu. Ich selbst habe das Glück gehabt, beruflich das machen zu können, was ich machen wollte. Andere, die aus ihrer Heimat weggingen, wo sie nicht selten den Westen glorifiziert hatten, scheiterten und kamen nie an.

Ist Deutschland rassistisch?

Haratischwili: Ich glaube, dass alle Länder rassistisch sind. Rassismus ist in den Menschen tief verwurzelt, weil derjenige, der andere unterdrückt, sich Vorteile zu verschaffen sucht. In jedem Menschen gibt es außerdem eine Codierung, laut der andere Menschen nach Stereotypen einzuordnen sind. Gerade in Deutschland gibt es übrigens auch den Versuch, das Fremde zu idealisieren und die deutsche Identität abzuwerten. Auch das sorgt für Ressentiments. Ich misstraue allen Extremen. In der Flüchtlingsdebatte merkt man außerdem, wie sehr sich manche in diesem Land einfach auch mal gegen Sprachregeln auflehnen wollten.

Der Rechtsruck in Deutschland hat eine etwas andere Gestalt als in anderen Ländern. Mit dem Aufstieg der AfD dürfen nun scheinbar endlich Dinge gesagt werden, die früher zum schlechten Ton gehörten. Für viele hat das etwas Erleichterndes. 2006 fragte sich Deutschland noch, ob das okay sei mit den Nationalflaggen während des Sommermärchens, jetzt darf es sogar die Haltung an den Tag legen, dass der schwarze Mann in dieses Land kommt, um uns etwas wegzunehmen. Es herrschte lange das Empfinden vor, geschichtsbedingt bevormundet zu werden. In Georgien gibt es dieses Empfinden zum Beispiel nicht.

Auf der Buchmesse ist Georgien in diesem Jahr Gastland. Wie sehr waren Sie eingebunden in die Frankfurter Aktivitäten?

Haratischwili: Ich halte gemeinsam mit dem in London lebenden georgischen Schriftsteller Aka Morchiladze die Eröffnungsrede. Daneben mache ich noch einige Georgien-Veranstaltungen, bin aber ansonsten auch viel mit meinem neuen Roman in Frankfurt zugange.

Sie reisen jetzt auch noch mal nach ­Georgien.

Haratischwili: Das Thalia Theater gibt mit „Das achte Leben“ ein Gastspiel in Tiflis, ich freue mich sehr auf die Reise. Die Georgier fühlen sich geehrt, dass sich ein deutsches Ensemble mit der Geschichte des Landes beschäftigt. Die Romanvorlage erscheint im Herbst übrigens in georgischer Übersetzung. Als ich kürzlich auf der georgischen Buchmesse war, wurde ich öfter auf „Das achte Leben“ angesprochen. Ein bisschen von dem Inter­esse in Deutschland und den Niederlanden an dem Stoff ist also schon nach Georgien geschwappt. Auf Lesereise gehe ich aber zunächst einmal nur mit meinem neuen deutschen Buch.

Nino Haratischwili eröffnet am 12.9. im Kleinen Saal der Elbphilharmonie das Harbour Front Literaturfestival. Beginn 20 Uhr, Tickets zu 15 Euro unter T. 30 30 98 98. „Das achte Leben (Für Brilka)“ läuft am 11.11., 21.11., 19.12. und 26.12. im Thalia Theater