Hamburg

Weill-Melodien und klappernde Riesengebisse

Miet Warlop begeistert, Shara Nova ernüchtert beim Sommerfestival

Hamburg. Die Songs von Kurt Weill werden häufig von singenden Schauspielern interpretiert – mit Gewinn. Als weniger gute Idee erweist es sich für die US-Sängerin Shara Nova, den ersten Teil ihres Elbphilharmonie-Auftrittes (als Teil des Internationalen Sommerfestivals) mit Weills satirischem Ballett „Seven Deadly Pearls“ (es geht um die sieben Todsünden) zu bestreiten. Flankiert vom satten Klang des Aarhus Symfoniorkesters unter Andreas Delfs bleibt Novas hoher, fragiler Sopran allzu zahnlos für die kraftvollen Weill-Melodien und bissigen Brecht-Texte, die sich mit den Themen Stolz und Unzucht beschäftigen. Auch ihre szenischen Spielversuche mit Handschuhen und Fächer wirken erschreckend dürftig.

Shara Novas Terrain sind eher jazzige Melodien, wie sie sie mit ihrer Band My Brightest Diamond kreiert. Eigenwillige Songs wie „We Added It Up“ oder „Be Brave“ entfalten im Großen Saal dank der Orchesterarrangements mit auf- und abschwellenden Violinen und einem zärtlich agierenden Schlagzeuger schönen Swing und sogar Pathos.

Selber Tag, selbes Festival, anderer Ort: Die belgische Künstlerin Miet Warlop ist zum wiederholten Mal beim Internationalen Sommerfestival zu Gast, und es gab gute Gründe, sich auf ihr neues Werk „Big Bears Cry Too“ auf Kamp­nagel zu freuen. Ausdrücklich sind hier (auch) Kinder als Publikum angesprochen. Und wenn einer der Performer dann mit süffisantem Grinsen auf komplett eingesauter Kampnagel-Bühne steht, ist hier das Theaterglück perfekt.

Miet Warlop huldigt einer spielerischen, kreativen Zerstörungslust. Auch diesmal erweist sie sich als große Magierin der Objekte. Performer Christian Bakalov gibt ganz in Schwarz den Anarchisten in Miet Warlops Labor. Mit ihm und seinem technischen Sammelsurium heben die Zuschauer ab auf den Planeten des Surrealen. Da widersetzt sich ein gruselig quietschender Riesenteddy einem Aufblasvorgang, Tischtennisbälle und Riesenaugen fallen von der Decke, um in einem lauten Luftstrom in der Höhe zu schweben.

Starke, immer wieder überraschende Bilder lösen einander ab. Mal schießt Bakalov beherzt mit der Pistole einem klappernden Riesen-Gips-Gebiss einen Schneidezahn heraus, mal feuert er von der Decke stürzende Stofftiergliedmaßen in die Zuschauermenge. „Big Bears Cry Too“ verlangt von Sechsjährigen durchaus einiges Abstraktionsvermögen, damit der häufig maskierte, wissend grinsende Performer sie nicht das Fürchten lehrt.

Die jungen Premierenbesucher aber (und ihre Begleiter ebenfalls) haben an der verrückten Bilderflut eindeutig ihren Spaß, selig baden sie in dem See aus Tischtennisbällen.