Konzertkritik

Khatia Buniatishvili – wild, ungezügelt wie eine Raubkatze

Umjubelt: die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili

Umjubelt: die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili

Foto: Daniel Dittus

Die georgische Pianistin trat mit dem Estnischen Festivalorchester in der Elbphilharmonie auf und spielte auch mit ihren Reizen.

Hamburg. Wer von Khatia Buniatishvili erzählt, kann unmöglich den visuellen Part ihres Auftritts verschweigen. Die georgische Pianistin genießt ihre Weiblichkeit mit dem Selbstbewusstsein einer erotischen Frau: Wenn sie die Blicke auf dem Podium der Elbphilharmonie mit einem Paillettenkleid anzieht, das etwa zu gleichen Teilen ihre Haut frei legt und bedeckt.

Buniatishvili geizt nicht, sondern spielt mit Reizen, auch in der Musik. Ihre sinnliche Aura ist im Klavierkonzert von Edvard Grieg zu spüren, das sie mit dem Estnischen Festivalorchester unter Paavo Järvi interpretiert. Sie zögert die Zielpunkte der Melodie oft ein kleines bisschen hinaus, spannt die Hörer gekonnt auf die Folter, bis sie ihnen doch noch die Erlösung von der Dissonanz gönnt. Dabei verströmt sie die trügerische Ruhe einer Raubkatze, die jederzeit bereit ist loszuspringen und ihre Pranken auszufahren, wie in den kraftvoll donnernden Akkordpassagen des Stücks. Ein Naturereignis.

Khatia Buniatishvili spielt wild und ungezügelt

Im Vergleich mit Anna Vinnitskaya – die das Grieg-Konzert vergangene Woche aufgeführt hat – rast Khatia Buniatishvili wilder und ungezügelter, aber auch etwas weniger klar über die Tasten und schießt bisweilen über das Ziel hinaus. Vor allem im Finale, das allzu stürmisch über den Volkstanzcharme hinweg fegt. Obwohl Järvi sie hellwach begleitet, bleibt da ein Rest Temperamentsfremdheit zwischen ihrer Hitze und dem etwas kühleren Atem des Orchesters.

Buniatishvilis Grieg-Feuerwerk ist der Ausreißer eines Programms, das ansonsten eher die gedeckten Farben der Nordischen Musiklandschaft erkundet. Arvo Pärts dritte Sinfonie beschwört mit gregorianischen Melodien und archaischen Blechbläserchorälen eine karge und mysteriöse Klangwelt. Als hätte der Komponist den Alltag eines Mönchs in einem Klosters vertont: Spirituell und geistig erfüllt, aber mitunter wohl auch etwas öde.

Nach der Pause erklingt die fünfte Sinfonie von Jean Sibelius

Ganz anders die fünfte Sinfonie von Jean Sibelius nach der Pause. Mit weit ausgreifenden Gesten modelliert Paavo Järvi dort die rotierenden Motive, die schroffen Brüche und unendlichen Bögen des Stücks. Hier findet das Festivalorchester – zusammengesetzt aus Estnischen Nachwuchskräften und handverlesenen Musikern aus aller Welt, mit denen Järvi bereits als Dirigent zusammengearbeitet hat – einen ganz eigenen Ton. Er ist dunkel, homogen gemischt und schlank, entfaltet aber, wenn es drauf ankommt, auch eine tiefe innere Glut.

Wie beim Thema der Hörner im dritten Satz, in dem Sibelius plötzlich einen himmlischen Sehnsuchtsraum eröffnet. Ein magischer Moment, von den Bläsern mit großer Hingabe und Herzenswärme ausgekostet. Er bleibt als musikalischer und emotionaler Höhepunkt des Abends in Erinnerung, der mit zwei Zugaben und einer wunderbar gelösten Stimmung endet.