Der Soundtrack meines Lebens

Ein Herz für Klassik

Serie „Der Soundtrack meines Lebens“ (Teil 7): Musik begleitet den Chirurgen Hermann Reichenspurner bis in den Operationssaal

Für unsere Serie „Der Soundtrack meines Lebens“ haben wir mit prominenten Hamburgern Musik gehört. Ihre erste selbst ­gekaufte Platte, Songs, die sie in ihrer ­Jugend begleitet haben, bisweilen auch ­Musik, die ihrem Leben eine ganz neue Richtung gab. Heute: Hermann Reichenspurner

Music Was My First Love. And it will be my last.“ Wer kennt ihn nicht, diesen schönen, so pathetisch klingenden Song von John Miles? Leider spielt er überhaupt keine Rolle im Leben von Hermann Reichenspurner. Dabei passt er so wunderbar, wenn man eben dieses musikalisch beschreiben möchte. Denn aus dem heutigen Chef des Universitären Herzzentrums am Klinikum Eppendorf, der schon über 4000 Operationen am offenen Herzen vollbracht hat, hätte ebenso gut ein Opernsänger werden können. Wenn es nur nach ihm gegangen wäre. Ging es aber nicht.

Der Vater, Bäcker und leider kein großer Klassik-Fan, hatte da noch ein kleines Wörtchen mitzureden, als Hermann Reichenspurner siebenjährig beschloss, dass der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper doch ein prima Sprungbrett für eine große Karriere sei. Zugegeben: Es gibt aussichtslosere Startblöcke. Aber aus der Musik wurde nichts Professionelles, ebenso wenig wie aus dem Military-Reiten, seiner zweiten Passion. Die Musik wurde ihm viel mehr als nur Beruf.

Die Atmosphäre des Lauschens und Innehaltens im Münchner Opernhaus, das der Herzspezialist bis heute als das beste Deutschlands bezeichnet, hatte es ihm angetan. Und so hält der 59-Jährige auch jetzt inne, als die ersten zarten Takte von „Hänsel und Gretel“ erklingen, seiner ersten Oper, ersten Liebe: „Abends wenn ich schlafen geh ...“.

„Eine legendäre Inszenierung“, erinnert sich Reichenspurner, und das „R“ rollt dabei ganz herrlich. Er ist und bleibt Bayer, durch und durch. „Obwohl wir Kinder vom Chor die meiste Zeit im Aufenthaltsraum mit ,Mensch ärgere dich nicht‘-Spielen verbrachten, auf unseren Auftritt warteten und uns über die verdienten fünf D-Mark freuten. Aber ich wusste immer genau, wann die Arie kam, weil ich sie so schön fand. Dann ging ich den Aufgang hinauf, um zu lauschen.“

Abgespielt wird sie jetzt im Büro von seinem iPad. Darauf hat er all seine Lieblingsstücke gespeichert; die Musik begleitet ihn somit immer und überall hin. „Ich hatte in München eine Plattensammlung, die wurde aber mit meinem Umzug eingemottet.“ Zu Hause in Hamburg und an seinem zweiten Wohnsitz am Chiemsee hört Hermann Reichenspurner am liebsten Musik mit einem „ganz konventionellen CD-Spieler“.

Sein erstes klassisches Konzert erlebte er als Gymnasiast; anstelle des Vaters begleitete er seine Mutter, die ein Abo besaß, häufig zu Opern und Ballettaufführungen. „Ich fand es faszinierend, dass man so schwere Leuchter einfach hochziehen kann.“

Das „Erste Klavierkonzert“ von Ludwig van Beethoven wird auch die erste Schallplatte seines Lebens, gekauft vom eigenen Taschengeld. Während die Eltern im Wohnzimmer fernsahen, hörte der Sohn immer wieder diese Platte über Kopfhörer, abgespielt von einem Dual-Plattenspieler. Da war Hermann Reichenspurner zwölf Jahre alt. Und die Erwachsenen schüttelten den Kopf darüber, dass er immer das Gleiche hören wollte. „Aus dieser Zeit kenne ich jeden Takt, das Stück könnte ich wirklich dirigieren“, schwärmt er und geht bei den Tempi-Wechseln der vorangehenden Streicher verhalten mit.

Violine hätte er gerne gelernt. Doch um ihn nicht allzu sehr vom (nicht ganz so glänzenden) Schulischen abzulenken, sah man lieber davon ab. Stattdessen: fünf Jahre Akkordeon, das deutlich leichter zu spielende Instrument. „Aber das Instrument war mir eigentlich immer zu volkstümlich“, sagt Reichenspurner. Apropos: Wie hält ein Klassik-Liebhaber eigentlich die grenzwertige Beschallung auf dem Oktoberfest aus, das alljährlich mit Freunden besucht wird? Schlagermusik gehöre nun mal dazu, so die einfache Antwort.

Es ist ja auch nicht so, dass Hermann Reichenspurner nur Opern hört. Auch mit Cat Stevens verbindet er eine prägende Zeit seines Lebens, die Pubertät. „Stevens war mir mit seiner Musik sehr nahe.“ Und schon nimmt die sanfte Stimme in „Morning Has Broken“ den Raum ein. Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder und ein paar Freunden sang Hermann Reichenspurner in der Band Lucy Grey viele seiner Songs. Da war die Zeit der Konkurrenz vorbei; die Geschwister verstanden sich gut.

Rebellion gab es gegen den strengen Vater: „Wir fühlten uns so manches Mal ungerecht behandelt. Diese Konflikte drückt ,Father And Son‘ natürlich komplett aus.“ Cat-Steven-Songs begleiteten Reichenspurner auch per Walkman auf den langen S-Bahn-Fahrten von Berg am Laim nach Pasing, wo seine damalige Tanzschulpartnerin wohnte. Sehr viel später wird auch sein heutiger Partner John Neumeier, der einem Revival-Treffen der Jugend-Band am Chiemsee beiwohnt, von Cat Stevens inspiriert; Stücke wie „Sad Lisa“, „Moonshadow“ und „Morning Has Broken“ tauchen im Ballett „Anna Karenina“ auf.

Es ist der Bruder, der Reichenspurner im Cabriolet zu Partys und auch das erste Mal mit in die Disco nimmt; dort packt ihn wie viele seiner Generation das „Night Fever“ der Bee Gees, Hermann Reichenspurner feiert zu den Hits von Abba. Tänzer oder Thekensteher? „Ich habe natürlich getanzt“, sagt der Herzspezialist mit Inbrunst.

Spätestens mit Beginn der Facharztausbildung wird die Zeit zum Ausgehen knapper. 1987 folgt Hermann Reichenspurner seinem Doktorvater ins südafrikanische Kapstadt. Am dortigen Groote-Schuur-Krankenhaus arbeitet er auch mit Prof. Christiaan Barnard zusammen, dem Chirurgen, der mit der ersten Herztransplantation Medizingeschichte schrieb. Nur ab und zu besucht er mit Kollegen das Alte Rathaus, lernt dort eine außergewöhnliche Band kennen: Johnny Clegg & Savuka, ein weißer Singer-Songwriter, der bei den Zulus aufwuchs und zusammen mit schwarzen Musikern eine Mischung aus westlichen und afrikanischen Rhythmen spielt. „Das Konzert hat mich total beeindruckt“, erzählt Reichenspurner.

Nach Stationen als Herzchirurg in Stanford, München und Dresden erfolgt 2001 der Umzug nach Hamburg und recht schnell auch die erste Begegnung mit dem Hamburg Ballett: „Der Messias“ und „Tod in Venedig“ waren die ersten Neumeier-Inszenierungen, die ihn – „unabhängig von unserem persönlichen Kennenlernen“ – faszinierten. Natürlich auch Nijinsky, Schostakowitsch. „Eines der schönsten Erlebnisse war ein Gastspiel des Hamburg Balletts im Passionstheater in Oberammergau“, erzählt Reichenspurner und klickt den Eingangschor von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion an, „der Chor wurde von 42 Tänzern vor dieser spektakulären Naturkulisse begleitet. Ergreifend!“ Und sofort blitzt das Jungenhafte im Gesicht auf; Erinnerungen an seine Zeit im Münchner Kirchenchor werden wach.

Cecilia Bartoli lernte er persönlich kennen

Der Chirurg und Beethoven-Liebhaber, der Intendant und Mahler-Fan – sie inspirieren sich gegenseitig. Im Winterurlaub in Südafrika spielen sie sich gegenseitig Sinfonien und Kammermusik vor. So ist das „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler, dem einstigen Kapellmeister des Hamburger Stadttheaters, der bezeichnenderweise an einer Herzkrankheit starb, heute eines von Reichenspurners Lieblingsstücken, am liebsten gesungen von Jonas Kaufmann. Es beginne „volle Kanne“ mit einem Trinklied, erklärt Reichenspurner, und ende schwermütig mit „Dunkel ist das Leben ist der Tod“ – „so, als hätte der Komponist schon sein Schicksal vorausgeahnt“.

Mit der Arie „Casta Diva“ aus Vincenzo Bellinis „Norma“, gesungen und leidenschaftlich gespielt von Cecilia Bartoli, die Reichenspurner persönlich einst in Salzburg kennengelernt hat und die er sehr verehrt, endet der persönliche Musik-Reigen.

Seiner Liebe zur Klassik ist es übrigens zu verdanken, dass in jedem Operationssaal des Herzzentrums ein CD-Spieler steht. „Ich höre immer Musik. Bei Routine-Eingriffen läuft Klassik aus dem Radio. Bei sehr anspruchsvollen Operationen nehme ich meine eigene Musik mit, etwa ,Das Wohltemperierte Klavier‘ von Bach. Die Musik nimmt die Spannung heraus. Es ist viel angenehmer als zu schweigen“, sagt er. Aber wer kein Bach-Fan mit seinen ewigen Wiederholungen ist, für den sei das bestimmt schwer zu ertragen, fährt Hermann Reichenspurner fort und lacht dabei schelmisch.