Hamburg

Maxim Billers Version des Familienromans

Bildnummer: 54469545 Datum: 11.05.2004 Copyright: imago/gezettAutor, Schriftsteller Maxim Biller ( Berlin ), in Berlin kultur people literatur kbdig xo0x 2004 quer o0 Porträt, ShootingBildnummer 54469545 Date 11 05 2004 Copyright Imago Author Writer Maxim Biller Berlin in Berlin Culture Celebrities Literature Kbdig xo0x 2004 horizontal o0 Portrait Shooting

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Foto: imago stock&people

Der Roman „Sechs Koffer“ ist der glänzend geschriebene Intimbericht aus einer vergangenen Epoche

Hamburg. Vor zwei Jahren veröffentlichte Maxim Biller, der sich selbst gerne als „vorlaut“ bezeichnet, der einer der virtuosesten Stilisten deutscher Sprache und ein Polemiker aus innerstem Antrieb ist, ein gewaltiges Werk. „Biografie“ war als wichtigster Roman seiner Karriere gedacht, fast ein Jahrzehnt hatte Biller an ihm gearbeitet. Ein literarischer Exzess, eine ästhetische Herausforderung – und ein künstlerischer Total-Crash. Weil die meisten Leser das Buch schlicht unlesbar fanden.

Wahrscheinlich auch aus einer gewissen Lektürefaulheit heraus. Wer 900 Seiten voller Wahn und Witz, Sex und Seichtheit, die in Wahrheit eine Tiefe der Empfindung ist, nicht bewältigen wollte, der verpasste allerdings auch etwas. Der Wunsch, durch Größe und aufgeblasene Backen zu gelten, bringt gar nicht so selten Außergewöhnliches hervor.

Trotzdem gut, dass Biller, der ewig Missverstandene, der sein Missverstandensein zelebriert, nun literarisch abgerüstet hat. Die epischen Kulissen sind abgebaut, die subversiv-comicartigen Verzerrungen erst mal vergessen. Herausgemeißelt in der billerschen Schreibwerkstatt in Berlin-Mitte wurde jetzt ein im Vergleich zum Vorgänger geradezu schlicht wirkender Text: der knapp 200 Seiten lange Familienroman „Sechs Koffer“. Er greift die in „Biografie“ grassierende Paranoia auf, das fortwirkende Trauma und das Verlorengehen eines ursprünglich in Osteuropa beheimateten Familienverbundes in der existenziellen West-Drift.

In „Sechs Koffer“ erzählt Biller in glänzender Prosa von einer Spurensuche. Wer hat einst Schmil Biller verraten, einen nicht sehr linientreuen Mann, der Westware schmuggelte und wahrscheinlich ein für den Apparat zu loses Mundwerk hatte? 1960 wurde er in der Sowjetunion hingerichtet. Seine vier Söhne Lev und Wladimir, Dima und Semjon – „alle vier Brüder wuchsen in einem einzigen Zimmer in einer riesigen Komunalka am Puschkin-Platz auf“ – waren da schon längst vor der staatlichen Repression in den Westen geflohen, zunächst nach Prag, dann nach Westberlin, Brasilien, Zürich, Hamburg.

Die Beziehungen der Brüder zu­einander werden vom Erzähler, dem Sohn Semjons, der in Berlin lebt, ohne falsche Scheu vor Indiskretionen geschildert, schließlich hat möglicherweise einer von ihnen, zumindest aber eine ihrer Ehefrauen, den Großvater einst denunziert. Davon ist der Erzähler, der schon als Heranwachsender schlau und neugierig ist, immer überzeugt, aber er weiß als Kind noch nicht, dass Gerüchte nie die ganze Wahrheit sagen. Er will die Wahrheit kennen.

Und so erzählt er in diesem Familienstück mit meistens dann doch großer Ernsthaftigkeit auch von der schwierigen Ehe der Eltern und den mehrfachen Umzügen, und wenn der Eindruck einer grundsätzlichen Gereiztheit entsteht, die in dieser Familie herrscht, dann ist Biller für seinen Realismus zu loben: So ist es eben, wenn Menschen mit dem gleichen Genpool Zeit miteinander verbringen.

Aber mit der gemeinsam verbrachten Zeit ist es in diesem Buch, dessen erzählte Zeit sich über sechs Jahrzehnte erstreckt, so eine Sache. Der Vater liegt irgendwann auf dem Friedhof in Prag, die Mutter lebt (immer noch) in Hamburg, die Schwester in London, er selbst in Berlin: Wer erklären möchte, warum der Schriftsteller Maxim Biller neben vielem anderen zum Beispiel auch der melancholischste Kolumnist des Landes ist, der wird nie den Begriff „Entwurzelung“ vergessen.

„Sechs Koffer“ ist weit mehr als ein Kriminalstück – das ist der Roman in der Tat nur am Rande – das Zeugnis einer Verlusterfahrung, und gleichzeitig eine Feier des Individualismus. Es ist der Biller-Stammbaum selbst und die Geschichten, die sich um ihn ranken, die der Autor zum Ausgangspunkt dieses Romans gemacht hat. „Sechs Koffer“ ist die Literarisierung einer Familiengeschichte, und man muss gar nicht genau wissen, was den Tatsachen entspricht und was nicht. Als Schicksal einer ursprünglich russisch-jüdischen Familie, die überall einer Minderheit angehört, bekommt die Handlung eine allgemeingültige Plausibilität. Weshalb der Antisemitismus eine Grundierung des Textes ist. Am deutlichsten tritt er in einer Episode aus einer Münchner Wirtschaft hervor, wo der Erzähler 1980 mit einem tschechisch-jüdischen Freund von einer tschechischen Besuchergruppe bepöbelt wird.

Später, in einem der stärksten Teile des Romans, schlüpft Biller in die literarische Haut seiner Schwester, einer Autorin, deren Buch überall erfolgreich war, aber nicht in Deutschland, und geht mit ihr zu einem Interview beim NDR. Danach über die Hallerstraße in Richtung Grindel, wo die alte Mutter immer noch lebt, und dort erinnert sich Jelena an ihre alte Klavierlehrerin, die auch im bösen Jahrzwölft unterrichtete, als ihre Schüler kleine böse Mädchen waren, die „von den polnischen und russischen Heldentaten ihrer Väter“ erzählten.

Hamburg ist die Stadt, die die Geschwister einst hinter sich lassen mussten. Elena Lappin hat in ihrem schönen Buch „In welcher Sprache träume ich?“, das im vergangenen Jahr herauskam, über ihre Hamburgjahre geschrieben, ihr Bruder Maxim Biller den ungeliebten Ort seiner Jugend in „Biografie“ verewigt. Hamburg ist der Ort, in dem die Mutter des Erzählers, die auch in „Sechs Koffer“ Rada Biller heißt, ihrem treulosen Sohn den Satz „Ich hasse Hamburg“ ganz leicht zu entlocken vermag, um ihn mit den tollen, aber insgesamt doch gerade hintenraus diskutablen Sätzen zu kontern: „Ich mag Hamburg sehr gern, ich lebe dort inzwischen länger als früher in Prag. Die Menschen in Hamburg reden nie Unsinn und rufen an, bevor sie zu Besuch kommen.“

Sowieso und ganz ohne Hamburg-Gedöns hat „Sechs Koffer“ viele Leser verdient: Manche Familiengeheimnisse sind es wert, das von ihnen berichtet wird, aber dieses noch ein wenig mehr.