Hamburg

Auftakt mit besonderem Dreh

Der Schweizer Regisseur Dani Levy inszeniert den ersten neuen „Tatort“ nach der Sommerpause kunstvoll ohne Schnitt

Hamburg. Ein junger Bartträger tänzelt wie ein kleiner Springteufel durch die Reihen der Promis und Protestler, die sich vor dem Kongress- und Kulturzentrum Luzern versammelt haben. Dort soll ein Benefiz-Konzert zugunsten der Walter-Loving-Stiftung mit Musik jüdischer Komponisten stattfinden, die in der NS-Zeit ums Leben kamen – der Mäzen Walter Loving gilt als eidgenössischer Oskar Schindler, der vielen Juden zur Flucht verhalf.

Doch nun quatscht Sohn Franky aufreizend frech in die Kamera, kündigt „eine erbärmliche Geschichte“ um alte Schuld und neue Scham an, die es „so nur im Fernsehen gibt, aber ihr, ihr werdet euren Spaß haben“. Das ist nicht zu viel versprochen. Wenn der überragende Andri Schenardi als offenbar missratener Sohn die Zuschauer angrinst, wenn seine Augen dabei diabolisch funkeln und man sich, warum eigentlich, an den jungen Ian Anderson von Jethro Tull erinnert fühlt, dann ist der Spaßfaktor gewaltig.

Giftanschlagbeim Konzert

Der vom Basler Dani Levy (Buch und Regie, bekannt durch die Komödie „Alles auf Zucker“) entwickelte Krimi „Die Musik stirbt zuletzt“ ist aber zugleich ungewöhnlich spannend. Zum einen wegen des Plots, der einen Aspekt der Schweizer NS-Vergangenheit aufgreift: Mitglieder des argentinischen „Jewish Chamber Orchestra“ und die berühmte Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) planen irgendeine spektakuläre Aktion während des Konzerts. War Patriarch Loving (Hans Hollmann) vielleicht gar nicht jener Gutmensch, als der er allenthalben gefeiert und geehrt wird? Plötzlich wird der Klarinettist des Orchesters vergiftet. Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer), die privat beim Konzert war, macht sich total „overdressed“ an die Arbeit. Ihr Kollege Reto Flückiger (Stefan Gubser) wird von einem Fußballspiel abgerufen.

Schon die Story trägt. Doch so richtig spannend ist dieser Krimi, weil er ausgerechnet in die oft gescholtene Kategorie des „Experimental-Tatorts“ fällt und neue, überzeugende Maßstäbe setzt. Ungewöhnlich nicht nur die Beschränkung auf einen einzigen Schauplatz. Levy drehte, nach ­akribischen Proben, „Die Musik stirbt zuletzt“ in einer durchgehenden, perfekt koordinierten Aktion ohne jeden Schnitt und mit nur einer Kamera. Der Dreh endete passgenau nach 88 vorgegebenen „Tatort“-Minuten.

Plansequenz nennen Filmemacher solche Einstellungen. Eine der bekanntesten ungeschnittenen Szenen inszenierte Martin Scorsese 1990 im Mafiafilm „Good Fellas“, und 2015 erschuf Sebastian Schnipper mit „Victoria“ ein fast 140-minütiges Drama, das komplett in einer Plansequenz gedreht wurde.

Dani Levy gelingt dieses Kunststück ebenfalls virtuos. Der Zuschauer, der dem rasanten Fluss der Ereignisse in den Gängen und Sälen, vor und hinter der Bühne in Echtzeit folgt, muss sich fragen, wen er mehr bewundern soll: Kameramann Filip Zumbrunn, der auf jede Situationsänderung sekundenschnell die richtige Blende, die passende Brennweite finden musste? Tontechniker Dieter Meyer, für den die ständig wechselnde Raumakustik ein Albtraum gewesen sein muss? Oder die grandiosen Darsteller, die in jeder Sekunde hoch konzentriert bleiben mussten und sich keinen Versprecher leisten durften? Für alle gilt: Chapeau für diese starke Leistung! Einen besseren Auftakt zur neuen „Tatort“-Saison hätte man sich nicht wünschen können: Die angeblich so betulichen Schweizer können auch rasante Krimis in Echtzeit.

„Tatort“, Sonntag, ARD, 20.15 Uhr