Hamburg

„Schmidt-Reisen“: Ein ganz großer Spaß

Das bei seiner Uraufführung gefeierte Stück „Tschüssikowski!“ ist eine turbulente und opulente Revue rund ums Thema Urlaub

Hamburg.  Tropisch heiß sind die Tage und Nächte in diesem hanseatischen Sommer. Wer denkt da noch an „Hamburg im Regen“, wie ihn Schlager-Lady Mary Roos in ihrem melodischen Song des Jahres 1974 besang? Sei’s drum, irgendwie muss sie ja starten, die „als abgefahrene Urlaubs-Revue“ angekündigte neue Produktion des Schmidt Theaters. Da geht es für Familie Koschwitzki bei dem meist üblichen hiesigen Schietwetter lieber „Ab in den Süden“ – ist ja auch ein größerer Hit als die Beschreibung des Hamburger Wetters.

Mehr als 50 Sommertitel haben der Autor und musikalische Gesamtleiter Martin Lingnau sowie Co-Autor und Songtexter Heiko Wohlgemuth in „Tschüssikowski!“ eingearbeitet, Markus Voigt hat als Teil des zwölfköpfigen Kreativteams mehrere Medleys und mehrstimmigen Chorgesang arrangiert. Und so gab es bei der Uraufführung für die elf Darsteller und Tänzer am Ende des fast zweieinhalbstündigen Abends minutenlangen Beifall, sogar Ovationen.

„Tschüssikowski!“ ist nicht nur ein großer Spaß. Die Revue ist eine der aufwendigsten und modernsten Produktionen in der fast 30-jährigen Historie des Schmidt Theaters. Bei der trotz aller oft im Minutentakt wechselnden Kostüme und der aus dem Schlager-Musical „Cindy Reller“ bekannten lustigen Videoanimationen nie die menschlichen Bedürfnisse zu kurz kommen. In der Regie des Hausherrn Corny Littmann, übrigens ein Kuba- und Brasilien-Liebhaber, haben die Fernweh-Fachleute Lingnau und Wohlgemuth dem Volk der Reiseweltmeister aufs Maul geschaut, nicht aber nach dem Mund geredet. Dazu gehört auch die ironische Diskussion, in welche Länder man als Deutsche nicht mehr reisen könne – Stichworte: Diktatoren und Hungersnöte.

Doch derlei Bedenken der Familie Koschwitzki zerstreut Reise-Experte und Rundumberater Willy Fröhlich von „Schmidt-Reisen“ fix. Als eine Art Conférencier nimmt der versiert-gewitzte Fuhrmann die vierköpfigen Sippe und das Publikum mit auf eine turbulente Weltreise. Zitiert dabei auch Mark Twain mit „Reisen heißt lernen“, ergänzt um den wichtigen Zusatz: „Und das gilt genauso für ihre Darmflora, eine glückliche Verdauung gewöhnt sich langsam an die landestypische Küche.“

Da haben die vier Koschwitzkis schon die Karibik (mit Harry-Belafonte-Titeln) und den „Sunshine Reggae“ (mit überdimensionalen Kiffer-Tüten) hinter sich. Haben der Frauenband The Bangles auf Deutsch alle Ehre gemacht („Gehn wie ein Ägypter“), reisen mit Medleys über Afrika bis nach Spanien. Ein Höhepunkt reiht sich an den nächsten: Als „Los Tres Gigantos“ zeigen Fuhrmann, Nik Breidenbach und Veit Schäfermeier zu „Bamboleo“ ein komisches Mariachi-Puppentheater; das Gondoliere-Medley von fast allen Darstellern auf zu Gondeln umfunktionierten fahrenden Hoverboards erzeugt ob der kuriosen Choreografie und des Italo-Gesangs Szenenbeifall. So sieht „Felicita“ im Schmidt aus.

Glück auch, dass Regisseur Littmann und die Autoren in Nik Breidenbach einen weiteren Hauptdarsteller haben, der nicht nur als Familienvater Koschwitzki überzeugt. Der als „Cavequeen“ bekannt gewordene gebürtige Münchner führt die Zuschauer auch ins Hofbräuhaus. In „I bin reif für die Insel“ singt und spielt er derart verzweifelt einen Touristen, dass man ihm den Trip am liebsten spendieren möchte. Auch einen der vier Malle-Jungs beim Mallorca-Medley gibt Breidenbach, wenn bei Einlagen wie „Der ganze Bus muss Pipi“ oder „Huka-Tschakka Töff Töff“ die musikalische Untergrenze erreicht ist.

Petra Staginnus kann am Strand als Mutter Koschwitzki mit einer Neu-Interpretation des „Ketchup Song“ und der Zeile „Ich fühl mich fett“ stimmlich und geschlechterspezifisch eher gefallen. Und der Sohn (Christian Petru) hat endlich sein Eis – „Ice Ice Baby“ eben.

Die Scherz- und Reisegrenze hat Komödiant Schäfermeier mit seiner Reiseapotheke da längst festgelegt: „Das Beste gegen Sonnenbrand sind Ferien im Sauerland“, heißt sein Ratgeber.

Die rasante Revue können solche Szenen nur gelegentlich unterbrechen. Beim Surf-Medley durch Amerika und Hits wie „I Like To Move It“ des US-Duos Reel 2 Real oder Ricky Martins „Livin’ La Vida Loca“ werden die 90er-Jahre quicklebendig, geht zu Benjamin Zobyrs Choreografie auch tänzerisch die Post ab. Martins Hit heißt hier übrigens „Mach dich mal wieder locker“.

Das wäre ein passendes Finale gewesen – jedoch wollten Regisseur Littmann und das Autorenduo mit einem Latino-Medley offenbar noch einen draufsetzen (zwei Zugaben nicht mitgezählt). Etwas zu viel des Guten bei ganz viel Fantasievollem war das. Oder liegt es daran, dass „Tschüssikowski!“ im Schmidt auch vor und nach Weihnachten Fernweh erzeugen soll? Wenn es in Hamburg wieder kühl und nass ist.

„Tschüssikowski!“ bis 1.9., jeweils außer Mo, und 29.11.–26.1. 2019, Schmidt Theater (U St. Pauli), Karten zu 30,30 bis 80,90 in der HA-Geschäftsstelle, Gr. Burstah 18–32, HA-Ticket-Hotline T. 30 30 98 98; www.tivoli.de