Rellingen

Kammermusik auf Weltklasseniveau

Beim SHMF: Anna Vinnitskaya, Erik Schumann und Leonard Elschenbroich

Rellingen.  Was haben eine holsteinische Barockkirche und die Elbphilharmonie gemeinsam? Mehr als man denkt. Ähnlich wie im Hamburger Konzerthaus ist in der Rellinger Kirche die Bühne fast in der Mitte des Raums platziert, und ähnlich wie der Große Saal hat der Kirchenraum eine außerordentlich klare Akustik, die jedes Nebengeräusch verstärkt. Weshalb die Rezensentin dem Geiger Erik Schumann, dem Cellisten Leonard Elschenbroich und der Pianistin Anna Vinnitskaya zuallererst Bewunderung zollt dafür, dass sie sich zu Beginn ihres SHMF-Auftritts von Hustenbonbonpapiergeraschel und scharrenden Schuhen nicht erkennbar stören ließen.

Einen so tiefschürfenden, konzen­trierten Abend erleben auch Anhänger der Kammermusik nicht alle Tage. Das begann mit der Programmwahl. Werke von Schumann, Brahms und Mendelssohn, das las sich erst mal wie das Übliche. Aber auf das Wie kommt es an. Schumanns Klaviertrio d-Moll ist Bekenntnismusik, selbst wenn der Komponist sie so nicht gemeint haben sollte: Entstanden in einer Zeit psychischer Krisen, verrät sich schon der erste Satz mit seinen erregten Melodien auf rhythmisch schwankendem Boden. Die drei entfachten dieses Lodern mit allem Mut zum Risiko. Man hätte die Musik malen können, so klar gewichteten sie Haupt- und Nebenstimmen. Nie deckte das Klavier die Streicher zu. Vinnitskaya spielte den anspruchsvollen Klavierpart im Dienste des Zusammenspiels.

„Vier ernste Gesänge“ mit Cello statt Singstimme

Statt das Naheliegende zu tun und ein Trio von Schumanns jüngerem Kollegen und Freund Johannes Brahms folgen zu lassen, nahm das Programm unausgesprochen die vielschichtige Beziehung zwischen Brahms und dem Ehepaar Schumann in den Fokus und präsentierte Brahms‘ „Vier ernste Gesänge“. Die schrieb der Komponist 1896 nämlich angesichts des nahenden Todes von Clara Schumann. Den Gesangspart übernahm in Rellingen das Cello, offenbar ohne wesentliche Änderungen am Notentext. Elschenbroich spielte sie so eindringlich, dass einem der Text keine Sekunde fehlte. Nach so viel erschütternder Intensität war das abschließende Mendelssohn-Trio – wiederum in d-Moll – wie eine Rückkehr in lichtere Gefilde.

Nach der anfänglichen Unruhe stellte sich beim Publikum eine fast greifbare Konzentration ein. Die Akustik tat das Ihre dazu. Anders als die der Elbphilharmonie klingt sie nämlich nicht nur erbarmungslos klar, sondern außerdem nach dem Holz, aus dem der Raum gemacht ist, nach Atem und Natur, irgendwie nach den alten Linden, die die Kirche umgeben. Was für ein beglückend lebendiger Eindruck.