Berlin

150. Geburtstag – Der Entdecker des Charismas

3sat-Dokumentation erzählt die Geschichte des mythischen Dichters Stefan George

Berlin. Er gilt als ungewöhnlicher Lyriker, als geistiger Übervater der Reformpädagogik und als Begründer eines obskuren Männerbundes. Eine Annäherung an diesen Mann versucht die Dokumentation „Stefan George – Das geheime Deutschland“, die am Samstag auf 3sat zu sehen ist.

Anlass ist Georges Geburtstag: Vor 150 Jahren, am 12. Juli 1868, wurde er in Büdesheim bei Bingen am Rhein geboren. George habe sich schon als Kind wie ein König verhalten und zu anderen Mitschülern ein Herrschaftsverhältnis aufgebaut, sagt der Autor Thomas Karlauf („Stefan George. Die Entdeckung des Charisma“). Er galt als Eigenbrötler mit einem Hang zur Selbstherrlichkeit und versuchte schon früh, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen – mit dem Körper einer Frau konnte er nicht viel anfangen.

Filmautor Ralf Rättig besucht das Stefan-George-Archiv in Stuttgart, dessen Leiter Maik Bozza (40) ein Foto mit Seltenheitswert präsentiert, weil es einen gelösten, fast heiteren George zeigt. Ansonsten wollte er eher als kühl und kontrolliert wahrgenommen werden – was auch für seinen Schreibstil, seine Lesungen und die Gestaltung seiner Bücher galt.

Rättig besucht auch das Max-Weber-Haus in Heidelberg und geht der irrationalen, reaktionären und charismatischen Herrschaft nach, die George im elitären Kreis seiner ausgewählten Jünger an den Tag gelegt haben soll, die ihren Meister zum Teil wohl auch in erotischer Absicht verehrten.

Rättig stellt Bezüge her zum systematischen, aber nicht unbedingt körperlichen Missbrauch von Schülern in einer Abhängigkeitsbeziehung. George wollte eine geistige Elite („das geheime Deutschland“) schaffen, um die deutsche Kultur zu retten – zumal in der Zeit, in der die Nazis politisch an Bedeutung gewannen. Wie groß sein Einfluss auf Claus Schenk Graf von Stauffenberg und dessen Attentat auf Hitler war, bleibt umstritten.

In seinen letzten Jahren am Lago Maggiore kränkelte der Dichter sehr und starb dort am 4. Dezember 1933. George war schon zu Lebzeiten eine zunehmend mythische Figur mit großem Sendungsbewusstsein, die von vielen ebenso verehrt wie abgelehnt wurde – und die ein schwieriges Erbe hinterlässt.

„Stefan George – Das geheime Deutschland“, Sonnabend, 21.55 Uhr, 3sat