Hamburg

Von #MeToo bis Facebook

Beim Treffen der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche stand das Thema Frauen im Mittelpunkt

Hamburg. Das Thema zog sich wie ein roter Faden durch die zweitägige Tagung: Die Rolle, die Frauen in den Medien spielen, war das Leitmotiv des diesjährigen Jahrestreffens der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche auf dem Gelände des NDR Fernsehens in Lokstedt.

Erstaunen kann das nicht. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Frauen im WDR von Redakteuren des Senders jahrelang sexuell belästigt wurden. Bei der Vergabe von Journalistenpreisen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Und dank der Arbeit des Vereins Pro Quote hat zwar der Anteil von Frauen in Führungspositionen in deutschen Redaktionen deutlich zugenommen – aber eben nicht überall. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ beträgt der Frauenanteil unter den leitenden Redakteuren nur 22,6 Prozent, beim „Focus“ gar nur 9,1 Prozent, wie Ulrike Dotzer von Pro Quote berichtete.

Sie räumte ein, dass ihr Verein sich bisher zu wenig um die Situation bei den Öffentlich-Rechtlichen gekümmert habe. Auch bei ihnen liegt manches im Argen. Dies gilt insbesondere für den deutsch-französischen Kulturkanal Arte, der für sein anspruchsvolles Programm bekannt ist. Dass bei dessen Planung Frauen allenfalls mittelbar beteiligt sind, war bislang selbst vielen Branchenkennern unbekannt. Die Organisatoren des Jahrestreffens hatten herausgefunden, dass es in der Arte-Programmkonferenz zwar auch weibliche Mitglieder gibt. Stimmberechtigt sind aber allein acht Männer. Als kürzlich einer der acht Herren ausschied, musste ein neues stimmberechtigtes Mitglied gewählt werden. Die Wahl fiel auf einen Mann.

Es spricht für Wolfgang Bergmann, einer der acht stimmberechtigten Herren in der Arte-Programmkonferenz, dass er sich der Diskussion auf dem Jahrestreffen stellte und zu erklären versuchte, was eigentlich nicht zu erklären ist. Der Arte-Mann führte ins Feld, dass in anderen Bereichen des Senders durchaus weibliche Führungskräfte arbeiteten. Zudem müsse man darauf achten, dass es ein Gleichgewicht zwischen deutschen und französischen Mitarbeitern gebe. Auf deutscher Seite müsse man auch noch berücksichtigen, dass die Zahl der Redakteure von ARD und ZDF in etwa gleich hoch sei. Da sei es schwer, auch noch eine Frauenquote einzuführen.

Die Verleihung des Leuchtturms, ein Preis, den das Netzwerk Recherche „für besondere publizistische Leistungen“ ausgeschrieben hat, ging, dem Schwerpunkt der Tagung entsprechend, an das Rechercheteam der „Zeit“, das die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel publik gemacht hatte. Mit Verfehlungen in Redaktionen wie etwa beim WDR – auch wenn es da nicht um Vergewaltigung, sondern „nur“ um sexuelle Belästigung ging – tat man sich auf der Tagung zunächst etwas schwer. Eine erste Runde zu dem Thema krankte daran, dass der WDR durch Abwesenheit glänzte, obwohl der Veranstalter acht Wochen versucht hatte, einen Sendervertreter für die Podiumsdiskussion zu gewinnen.

Aufschlussreicher war eine andere Veranstaltung am zweiten Tag des Jahrestreffens zum Thema #MeToo: Die einstige „Stern“-Redakteurin und ehemalige Leiterin der Henri-Nannen-Schule, Ingrid Kolb, erzählte, wie sie schon Ende 1977 mit der Titelgeschichte „Deutsche Chefs – Ferkel im Betrieb?“ aneckte, in der es um sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte ging. 40 Jahre später ist mitunter selbst bei denen das Problembewusstsein für das Thema kaum ausgeprägt, die sich aufgrund ihrer Position damit beschäftigen sollten. Die NDR-Volontärin Inga Mathwig berichtete, dass ihr Volontärsjahrgang sich bei der NDR-Gleichstellungsbeauftragten über sexistische Sprüche von Kollegen beschwert hatte. Es geschah – nichts. Erst als die Volontäre einen Beitrag für das NDR- Medienmagazi­n „Zapp“ über das Thema machten, begann der Sender die Problematik aufzuarbeiten.

Es gab natürlich noch andere Themen auf dem Jahrestreffen – etwa das schwierige Verhältnis der Medien zu Facebook. „Das Ende einer Partnerschaft?“ lautete eine Veranstaltung. Gruner + Jahr-Chefin Julia Jäkel, NDR-Intendant Lutz Marmor sowie „Wirtschaftswoche“-Herausgeberin Miriam Meckel waren sich darin einig, dass es keinen Sinn ergibt, die Verbindungen zu der Plattform zu kappen. Dazu sei sie einfach zu groß. Dennoch reduziert der NDR sein Facebook-Engagement.

Auch dieses Jahr wurde die „Verschlossene Auster“ verliehen, der Negativpreis von Netzwerk Recherche, der in den Vorjahren etwa an Wladimir Putin, die Commerzbank oder die katholische Kirche ging. Diesmal erhielt ihn der AfD-Bürgermeister der schwäbischen 12.500-Seelen-Gemeinde Burladingen, Harry Ebert. Er kujoniert die örtliche Presse mit Hausverboten, Informationsverweigerung und Aufrufen zur Abo-Kündigung. Lokalreporter, die es mit solchen Widersachern zu tun haben, sind die wahren Helden des Journalismus.