Triennale-Auftakt

Die Ästhetik des Alltags

Die Deichtorhallen zeigen als Triennale-Beitrag einen spannenden Querschnitt aus sieben Jahrzehnten „Street.Life.Photography“

Hamburg.  Chaos, Crashes, Kon­struktionen. Die Straßenfotografie, die das Haus der Photographie in den Deichtorhallen im Rahmen der Triennale zeigt, hat nichts Malerisches, Romantisches (mehr). Einen Henri Cartier-Bresson sucht man bei „Street.Life.
Photography“ vergebens. Der sei „durchdekliniert“, so das knappe Urteil von Sabine Schnakenberg, die die Ausstellung kuratiert hat.

Stattdessen hat sie bekannte Künstler aus dem reichen Fundus der Sammlung F. C. Gundlach, die zum Teil noch nie gezeigt wurden, mit brandneuen, zeitgenössischen Positionen kombiniert und so einen spannenden Querschnitt aus sieben Jahrzehnten Straßenfoto­grafie arrangiert. Farbig, schwarz-weiß, klein- und großformatig. „Jedes Bild in sich ist ein Bruch“, sagt Sabine Schnakenberg, die damit natürlich auf das Thema des Festivals anspielt: Turning Point, Wendepunkt.

„Die diesjährige Triennale setzt auf die Brechung“, sagte auch Kultursenator Carsten Brosda (SPD) in seiner Eröffnungsrede am Donnerstagabend in den Deichtorhallen. „Sie zeigt die Möglichkeit der Fotografie, Auslöser einer irritierenden und damit auch aufklärerischen Wahrnehmung zu sein, verbunden mit der Möglichkeit, durch die optische Bündelung von Themen den Diskurs zu den Fragen unserer Gegenwart anzuregen.“ Damit setze die Triennale 2018 einen anderen Akzent als noch 2015: weniger Beschäftigung mit sich selbst als hin zum Menschen und zur Welt. Das Festival der Bilder als ­„sozialer Akt“.

Bei manchen Szenen kann man Hitze und Lärm spüren

Nirgendwo besser ließe sich das ablesen als in der Straßenfotografie, bei der nicht nur der Raum, sondern auch ­immer der Mensch darin im Fokus steht. „Der Fotograf, eine bewaffnete Spielart des einsamen Wanderers, pirscht sich an das großstädtische Inferno heran und durchstreift es“, beschrieb einst die amerikanische Publizistin ­Susan Sontag den Straßenfotograf.

Mal distanziert und doch ungeniert wie Candida Höfer oder Maciej Dakowicz, der mampfende Menschen in einer Bushaltestelle in Cardiff ablichtete. Mal ganz nah dran wie William Klein oder Dougie Wallace, bei dessen Szenen in indischen Taxis man Hitze, Schweiß und Lärm förmlich spüren kann. Da sind die psychologischen Porträts von Diane Arbus; da ist der akribische Blick auf Passanten von Lisette Model. Es geht um Entfremdung und Anonymität, um Crashes, also Zusammenstöße jeglicher Art, um Gewalt, Verzweiflung, Verlorenheit. So düster die Themen sind – die Fotografien sind es mitnichten.

Wie kommt man überhaupt auf ein Ausstellungsthema? „Auf dem Kieler Bahnhof stehend blickte ich über die Gleise in die Ferne. Der Bahnsteig war leer, ich kam ins Sinnieren über das Thema Urban Space, über Ferne und Fernweh“, erzählt Sabine Schnakenberg. „Und plötzlich rempelt mich ­jemand mit seinem Rollkoffer an, der Bahnhof füllte sich, es wurde laut. So schnell ändert sich alles, dachte ich.“

„Searching for Change“ lautet auch das Überthema, das der künstlerische Leiter Krzyzstof Candrowicz sich ­erdacht hat. Es wird nicht nur in den Deichtorhallen umgesetzt, auch in den sieben anderen teilnehmenden Hamburger Häusern Kunsthalle, Museum für Kunst und Gewerbe, Altonaer Museum, Museum für Völkerkunde, Kunstverein, Kunsthaus und Barlach Halle K. Daneben gibt es zahlreiche Off-Triennale-Locations, Filmvorführungen und Künstlergespräche.

Um gleich der Diskussion, Straßenfotografie sei doch in einer Krise, also gar nicht mehr en vogue, zu entgegnen, vermied Kuratorin Schnakenberg zwei Dinge: „Eine Geschichte der Street Photography von 1938 bis heute zu erzählen, denn das ist obsolet und langweilig. Und keine Aneinanderreihung im Kunsttempel hoch ästhetischer Bild­momente, vor denen die Besucher ­andächtig-zitternd verharren. Diese Momente sind äußerst selten in der Street Photography. Vielmehr wollte ich die unterschiedlichen Temperamente der Fotografinnen und Fotografen einfangen. Unter diesen Kriterien begann ich, zeitgenössisches Material zu sichten und wählte ganz subjektiv aus.“

Junge Fotografen suchen ihre Ästhetik im Seriellen

So unterschiedlich das Temperament und die Ästhetik der Künstler sind, korrespondieren sie doch miteinander. ­Etwa beim Thema „Public Traffic“: Während Wolfgang Tillmans ausschnitthaft Fahrgäste in einer U-Bahn zeigt, die sich offensichtlich in ihrer ­Intimsphäre gestört fühlen, sind bei dem israelischen Fotografen Natan Dvir komische Momente wie ein Batman-Darsteller am Union Square zu sehen.

Das Kapitel „Signs and Lines“ beschreibt, wie unser Umfeld mit Straßenschildern und Markierungen gepflastert ist, aufgegriffen vom Hamburger Siegfried Hansen und Stephen Shore, der mit seinen geschickten Bildkompositionen tiefe Räume aus Papier geschaffen hat. Es ist, als sei eine neue Zeitrechnung angebrochen. „Auffällig ist, dass besonders die neuen Straßenfotografen ihre Ästhetik im Seriellen suchen“, so Schnackenberg. Etwa Peter Funch, der eine New Yorker Straßenecke immer wieder zur gleichen Uhrzeit fotografiert und dann nach Verhaltensmustern sucht. „Teilweise arbeiten die Künstler über mehrere Jahre an den Serien. Es kommt dadurch zu einer Über-Realität. Die Spielräume sind erweitert worden.“

Deichtorhallen-Intendant Dirk ­Luckow resümierte bei der Ausstellungseröffnung: „Die Bewegung in der Stadt, die Brüche im urbanen Gefüge, die Schönheit einer Metropole, aber auch ihre Schattenseiten, die Anonymität und Entfremdung schaffen, werden hier behandelt.“

„Street.Life.Photography“ 8.6.–21.10., Di–So 11.00–18.00, jeden 1. Do im Monat 11.00–21.00, Haus der Photographie
(U Steinstraße), Deichtorstr. 1, Informationen: www.deichtorhallen.de, www.phototriennale.de

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.