Hamburg

Ein kritischer Geist zwischen den Welten

Kamal Chomani kämpft als Journalist für einen demokratischen Irak. Ab jetzt aus Hamburg

Hamburg.  Zwei Wanderer im Schnee sind auf dem Titelbild von Kamal Chomanis Twitter-Profil zu sehen. Eine Erinnerung an einen Ausflug in die Berge im Norden des Iraks, in der Autonomen Region Kurdistan – ein Bild aus der Heimat.

Vor einigen Wochen hat Chomani sie verlassen. Er lebt jetzt als Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte für ein Jahr in Hamburg. Ein Journalist im Exil. In der Hansestadt hat er ein kleines Apartment bezogen, ist finanziell abgesichert und kann arbeiten, Kontakte knüpfen und für seine Sache werben: Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie. Auf dem Tisch stehen Weintrauben und geröstete Sonnenblumenkerne, liegen Laptop und Smartphone bereit. ­Chomani, 33 Jahre alt, T-Shirt, Chinohose, empfängt seine Gäste mit einem freundlichen Lächeln. Und mit einer Frage: „Waren sie schon einmal da?“

Noch nicht. Und ein Blick auf die Seiten des Auswärtigen Amtes verrät, dass sich daran in naher Zukunft wohl nichts ändern wird. Seit einem Unabhängigkeitsreferendum in der kurdischen Autonomieregion im September vergangenen Jahres ist auch die Lage im sonst vergleichsweise sicheren Norden des Landes angespannt. Im gesamten Irak drohen Entführungen, Terroranschläge, offene Gefechte – so die Perspektive des Auswärtigen Amtes.

Chomani ist dort groß geworden. Eine Kindheit in den Wirren des zweiten Golfkriegs. „Ein Kind des Krieges“, sagt er. Als Saddam Hussein 2003 von US-Truppen festgenommen wurden, war er 18 Jahre alt. Drei Jahre später macht er einen College-Abschluss im Fach englische Literatur in Erbil, der Hauptstadt des kurdischen Nordens. Seitdem ist er Journalist.

Die beiden einst verfeindeten Kurdenparteien Patriotische Union Kurdistans (PUK) und die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) hatten sich gerade erst auf eine Zusammenlegung ihrer Verwaltungen geeinigt. Das Ende des langen Weges zu einem eigenen demokratischen und friedlichen Kurdenstaat schien in greifbare Nähe gerückt.

Der Journalist entkam zwei Entführungsversuchen

Chomani und andere junge Kurden von der Universität begleiteten die Ereignisse mit Skepsis. Gemeinsam gründeten sie in Choman – der Stadt, in der Kamal geboren ist – ihre erste eigene Lokalzeitung. „Damals wussten wir fast gar nichts über Journalismus“, sagt er heute. Was sie wussten, war, wofür sie schreiben wollten: Für Meinungsfreiheit, Demokratie und für „eine Zukunft ohne einen zweiten Saddam“.

Sie wollten nicht noch eine korrupte Elite, die Unheil, Gewalt und Krieg über ihr Land bringt, sagt Chomani. Eine solche erkannten die jungen Intellektuellen immer stärker in der kurdischen Autonomieregierung, die vehement für die Unabhängigkeit als Nationalstaat kämpfte. So machte Chomani in den folgenden Jahren als unbequemer politischer Kommentator Karriere. 2009 wurde er zudem für die Organisation Reporter ohne Grenzen aktiv – setzt sich für Menschenrechte und Pressefreiheit ein. „Die Situation für unabhängige Journalisten war schlimm“, sagt Chomani. 2007 wurde ein Kollege erschossen. Hinzu kamen regelmäßige Bestechungsversuche: „Geld, ein Haus, ein Studiengang im Ausland – die Regierungsparteien haben alles versucht“, sagt Chomani, „aber sie sind gescheitert.“ 2009 sei aber auch ein Jahr der Hoffnung gewesen. Die Gorran-Partei wurde als Opposition zur Regierungs-Koalition gegründet. Für den jungen Politikjournalisten ein Hoffnungsschimmer. „Die Bewegung für mehr Freiheit und Demokratie wurde immer stärker.“

Es habe in der Gesellschaft gebrodelt, sagt Chomani. Übergekocht ist es, als sich Anfang 2011 auch der Norden des Iraks vom Arabischen Frühling anstecken ließ. „Am 17. Februar begannen die Protest in Sulaimaniyya“, erinnert sich der Exilant. 56 Tage später waren sie vorbei. „Zehn Demonstranten sind durch die Hand der Kurdischen Demokratische Partei gestorben, 500 wurden verwundet.“ Und die Lage hatte sich dramatisch verschlechtert.

„Sie fingen an, Journalisten zu schlagen, zu kidnappen oder anderweitig einzuschüchtern“, sagt Chomani. Er selbst entkam noch im gleichen Jahr einem Entführungsversuch nur knapp. Er habe keine Angst, für seine Sache zu sterben, sagt er. Aber die Situation wurde nicht besser. „Ich wurde überwacht“, sagt Chomani, „es war schwierig, so weiterzumachen.“ Also ging er für zwei Jahre nach Indien, kam wieder, arbeitete als Korrespondent und Experte für internationale Medien und entkam 2015 einem weiteren Entführungsversuch.

Auslöser für seine Reise nach Hamburg war das Unabhängigkeitsreferendum im September vergangenen Jahres, das Chomani öffentlich kritisierte. „Ich gelte jetzt als Verräter der kurdischen Sache“, sagt der 33-Jährige. Es folgte eine Morddrohung, die er ernst nehmen musste, wie Chomani sagt, „und vor deren Umsetzung in die Tat mich auch meine internationale Bekanntheit nicht mehr schützen konnte.“

Von Hamburg aus will Chomani weiterarbeiten. Ein kritisches Essay ist bereits auf der unabhängigen Internetplattform „The Region“ erschienen, auf der Wissenschaftler, Journalisten und Intellektuelle Hintergründe aus dem Nahen und Mittleren Osten publizieren. Finanziert wird „The Region“ von gemeinnützigen Organisationen. Aber auch in Hamburg will der Journalist Spuren hinterlassen, über die verzweifelte Lage der Kurden informieren. Zum Beispiel Ende Juni im Gespräch mit der Irak-Expertin Birgit Svensson und SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach im KörberForum.

„Kurden unter Beschuss“,
Montag, 25. Juni, 19 Uhr, KörberForum