Hamburg

Die große Party im Großen Saal

Der einst von Stefan Raab entdeckte Max Mutzke trat mit einem Streichquintett in der Elbphilharmonie auf

Hamburg.  Ein braves Publikum möchte Max Mutzke nicht. Auch nicht in der Elbphilharmonie, die mit ihrer Pracht und Größe manchem Zuhörer vielleicht etwas Ehrfurcht einflößt. „Ihr dürft auch aufstehen“, fordert Mutzke das Publikum schon beim dritten Song auf, „die Stühle gehen nicht weg.“ Bereitwillig folgt das 2000-köpfige Auditorium der Aufforderung des Sängers bei „Praise The Day“ und klatscht und singt stehend mit. Sehr schnell schafft Mutzke es, eine lockere Atmosphäre im Großen Saal herzustellen, so wie er es gewohnt ist, wenn er mit seiner Band monoPunk in Clubs oder auf Jazzfestivals spielt.

Da es bereits Mutzkes drittes Konzert in Hamburgs neuem Konzerthaus ist, kennt er die Gegebenheiten auf der Bühne, wandert mit dem Mikro in der Hand herum und holt die Zuhörer so von allen Seiten ab. Neu ist für ihn an diesem Abend, dass er nicht mit seiner Band, sondern mit dem Mikis Takeover! Ensemble auftritt.

Für das Streichquintett aus Düsseldorf um den Gründer und Violinisten Miki Kekenj ist das Konzert eine Hamburg-Premiere. Seit einigen Jahren arbeiten Mutzke und Kekenj bei diesem Seitenprojekt zusammen. Der Ensembleleiter sowie Bassist Max Dommers haben die Arrangements für den Abend geschrieben und Mutzkes Songs ein kammermusikalisches Gewand übergeworfen. „Mir groovt das nicht genug“, murrt eine Zuhörerin in der Pause, die Mehrzahl des Publikums ist jedoch restlos begeistert von dem neuen Look, in dem die Hits und einige Coverversionen präsentiert werden. Mikis Takeover! Ensemble überzeugt mit seinem nuancierten Spiel und liefert dem Vokalisten einen Klangteppich, der die klugen Texte im Wortsinne unterstreicht.

Seit Stefan Raab den aus einem Schwarzwald-Dorf stammenden Mutzke 2004 entdeckt hat und er Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten durfte, hat der Sänger mit der Schiebermütze sich zu einem Gesangskünstler entwickelt, der auch international bestehen kann.

Inzwischen wird Mutzke häufig von Jazzfestivals gebucht, weil er über eine Form von Soul verfügt wie nur wenige. Wenn er zum Beispiel Michael Jacksons „Billie Jean“ in zurückgenommenem Tempo auslotet, ist Gänsehaut ein fast zwangsläufiges Resultat. „Creep“ von Radiohead, das Matthias Wehmer mit einem Cello-Solo eröffnet, entfernt sich gleichermaßen weit vom Original und wird durch Mutzkes Gesang zu einem berührenden Melodram. Seine eigenen Lieder wie „Magisch“, „Telefon“ und „Schwarz auf Weiß“ bieten dem 37-Jährigen ebenfalls genug Möglichkeiten, die Brillanz, die Kraft und die Variabilität seiner Stimme zu zeigen.

Max Mutzke ist mehr als ein versierter Sänger zwischen Pop, Soul und Jazz, er ist auch zu einem selbstbewussten Entertainer herangereift. Mit Kekenj wirft er sich die Bälle zu, die beiden necken sich wie das unter guten Kumpels üblich ist. Mutzke moderiert seine Stücke ausführlich an und erklärt und ihre Entstehung wie etwa bei „Durcheinander“.

Max Mutzke bezieht auch politisch Stellung

Der Song beschreibt die Geschichte zweier Musikerfreunde, die unter Depressionen gelitten haben, sich in Kliniken begeben mussten und von Medikamenten so sediert waren, dass nicht klar war, ob sie je wieder würden spielen können. Auch politisch bezieht er mit „Unsere Nacht“ Stellung: Den Song bezeichnet er als „Plädoyer für ein buntes Deutschland“. Ohne sie zu nennen, watscht er die AfD ab und macht klar, dass deren fast 13 Prozent Wählerstimmen nicht die Mehrheit sind. Und er fragt auch: „Wo sind diese 13 Prozent? Sind sie auch hier im Saal?“ Max Mutzke absolviert das fast drei Stunden lange Konzert mit einer souveränen Lässigkeit. Das Publikum überschüttet ihn für seine charmante Art und seine persönliche Ansprache bereits vor der Pause mit Ovationen, wie sie sonst beim Schlussapplaus üblich sind. Immer wieder verlässt er die Bühnenmitte und wandert herum, um auch die Fans anzusingen, die im Rücken des Ensembles sitzen. Dadurch schafft er in dem Großen Saal der Elphi eine intime Atmosphäre und besondere Nähe, wie sie andere Künstler nicht hinbekommen. Aber Mutzke profitiert nicht nur von seiner Aura, sondern auch von der Qualität seiner Songs. „Magisch“ und „Telefon“ zum Beispiel sind tolle Liebeslieder, die ohne Klischees auskommen, „Charlotte“ ist ein etwas anderes Beziehungslied.

Im Zugabenteil zeigt Mutzke, wo seine Idole herkommen. Er ist ein Fan von großen Sängern wie Marvin Gaye, Al Green und James Brown. Vom „Godfather of Soul“ hat er sich „It’s A Man’s Man’s World“ vorgenommen, einen Texthänger überspielt er charmant. Zum Schluss bei „Can’t Wait Until Tonight“ animiert er das Publikum wieder zum Mitmachen. Das lässt sich nicht lange bitten und befolgt gern jede Aufforderung, die „Aaahs“ und „Uuuhs“ mitzusingen. Stehend natürlich, denn die Stühle verschwinden schließlich nicht.