Hamburg

Unterhaltsames von Stockhausen

Pierre-Laurent Aimard bringt beim Internationalen Musikfest das Klavierwerk des Komponisten zum Leuchten

Hamburg.  Es hat sich in unserer selbst ernannten Musikstadt offenbar noch nicht herumgesprochen, dass man einen Auftritt des französischen Pianisten Pierre-Laurent Aimard nicht verpassen darf. Der Mann, der Neue Musik so erklären kann, dass ihm das Publikum schier aus der Hand frisst, hat nicht nur mit den französischen Granden der zeitgenössischen Musik Boulez und Messiaen zusammengearbeitet, sondern auch mit Karlheinz Stockhausen, dem das Internationale Musikfest derzeit einen so verdienstvollen wie hochkarätig besetzten Schwerpunkt widmet.

Der denkbar berufenste Interpret für dieses Repertoire trifft auf einen Komponisten, bei dem nahezu jede Aufführung singulären Charakter hat – und trotzdem ist das Konzert im Kleinen Saal der Elbphilharmonie zwar offiziell ausverkauft, dennoch bleiben viele Plätze leer. Ob das Programm den Leuten doch zu fordernd ist?

„Stockhausen: Klavierwerke“ heißt es schlicht. Die ersten knapp eineinhalb Stunden verbringt Aimard mit den „Klavierstücken I – XI“ aus den Jahren 1952 bis 1961 allein auf der Bühne. Stockhau­sensches Frühwerk also. Doch was sich in der Ankündigung so staubtrocken liest, wird unter Aimards Händen zu einer faszinierenden Reise in die Klangwelt des Klaviers, wenn man sie einmal bekannter Parameter wie Melodik, Harmonik oder überbrachter Formensprache entkleidet. Stockhausens Musik folgt ihren eigenen Regeln, aber die braucht der Hörer nicht zu verstehen, um sich davon gefangen nehmen zu lassen, wie Aimard die Musik zu einem sinnlichen Ereignis macht. Aimards Spiel klingt wie spontane Rede, es haut Sätze heraus oder brütet über einzelnen Wörtern, es streitet oder träumt, man braucht sich nur hineinfallen zu lassen. So farbenreich und vielgestaltig klingt der Flügel im Kleinen Saal wahrlich nicht oft. Es raunt und arbeitet in seinem Bauch, jedes Filzhämmerchen scheint seinen eigenen Klang zu haben.

Überlänge hat der Abend? Und wenn schon. Die paar Leute, die eher aus Versehen in das Konzert geraten sind, verlassen in einer Kurzpause diskret den Saal, alle anderen lauschen in seltener Konzentration. Und werden nach der Pause mit „Mantra“ belohnt. Kein Blatt passt zwischen Aimard und seine Duo-Partnerin Tamara Stefanovich, und wenn sie einander die Motive zuwerfen, geht es dabei bisweilen geradezu rheinisch albern zu (Stockhausen kam schließlich aus der Kölner Gegend). Nebenher betätigen die Künstler auch eine Reihe von Glöckchen und Klanghölzern, und der Klangregisseur Marco Stroppa verfremdet einzelne Klaviertöne. Eine Klavierperformance vom Allerfeinsten.