Hamburg

Stellenweise heiter

Jan Philipp Stanges Uraufführung von „Das Wetter“ gerät im Thalia in der Gaußstraße zur humorig mahnenden Klimashow

Hamburg. Das Wetter ist im Norden ja eine eher durchwachsene Angelegenheit. Durchaus überraschend fällt da die Zuschauerumfrage von NDR-Meteorologe Frank Böttcher nach den persönlichen Wettervorlieben im Thalia in der Gaußstraße aus. Die Mehrheit ist Sonnenanbeter, klar. Schneesturmfans gibt es nur eine Handvoll. Aber eine nicht unerhebliche Anzahl der Besucher fühlt sich bei „Sprühregen, drei Grad, bisschen Wind von der Seite“ wohl. Die laut Böttcher menschliche Konditionierung auf 23 Grad Wohlfühltemperatur trifft auf die Nordlichter wohl nicht ganz zu.

Einige Kapriolen schlägt auch die Inszenierung von Jungregisseur Jan Philipp Stange. Für sein Projekt „Das Wetter“ hat ihm Jakob Engel ein naturalistisches Fernsehstudio ins Thalia in der Gaußstraße gebaut. Inklusive Kamera, Bildschirmen, Bluescreen. Eine Technikerin souffliert von der Seite aus. Scheinbar unbeteiligt hockt Ensemble-Neuzugang Bekim Latifi als schweig­samer Mitarbeiter Nils vor einer Bildschirmwand aus Satellitenaufnahmen. In seinem langen Redeschwall reiht Böttcher, ganz TV- und Entertainment-Profi, einen Kalauer an den anderen. „Wenn über Ihnen eine Wolke anfängt zu rotieren, dann machen Sie kein Selfie, dann sehen Sie zu, dass Sie wegkommen!“

Der Hyperrealismus seiner Erklärungen geht in Ordnung, schließlich ist er kein Schauspieler. Als eine Live-TV-Schalte kunstvoll vermieden wird, schlägt das Ganze langsam in inszenierte Wirklichkeit um. Böttcher geht ab, und der theatrale Part beginnt.

Latifi bestreitet ihn mehr oder ­weniger allein, ausgestattet mit tänzerischer Beweglichkeit und irritierend in­trospektiver Präsenz. Mal verbrüht er sich an der Kaffeestation, mal tritt er auf die Studioterrasse und raucht eine E-Zigarette. In diese scheinbar alltägliche Banalität bricht die globale Klimawirklichkeit hinein, wenn in all seiner Schönheit der Erdplanet auf den Bildschirmen langsam einnebelt.

Die virtuelle Realität weitet sich in den Köpfen zu einem Zukunftsszenario, das nicht schön zu nennen ist. Zerstörte ­Natur. Bedrohtes Leben. Stange begeht nicht den Fehler, das mit erhobenem Zeigefinger auszuerzählen. Seine gut platzierten Denkanstöße konterkariert er mit mal mehr, mal weniger gelungener Situationskomik à la Loriot. Wenn Latifis Nils den Sonnenballon vom Studiohimmel herabsinken lässt, streikt natürlich die Batterie, die Bildschirme werden schwarz, und parallel bimmelt das Telefon, weil irgendwo Temperaturen fallen. Das ist schon fast Boulevard. Von der Terrasse her droht neues Ungemach. Eine aufgeweckte Schülerin erkundigt sich nach der Wettershow. Und hat gleich noch neun weitere Mitschüler einer vierten Klasse der Loki-Schmidt-Schule Hamburg mit im Gepäck.

Eher unfreiwillig wird der tänzelnde Computer-Nerd Nils zum Wissenschaftsanimator. Wenn Nils mithilfe einer Maschine den Tornado ­erklärt und sich ein Elefantenrüssel aus Wassernebel in rasender Geschwindigkeit vor aller Augen erhebt, setzt das einen eindrucksvollen Effekt, der nicht nur das Studiopapier durcheinanderwirbelt. Das Tornado-Kreiseln gleitet über in die Kür der Olympiasieger Savchenko/Massot. Anders als sie bewegt sich die Menschheit auf dünnem Eis.

Zwar verliert sich die Inszenierung häufig in mehr gut gemeinten als überragend originellen Erklärungen, die man bei Wikipedia auch ganz gut recherchieren kann. Dramaturgie und Aufbau des Abends haben etwas Spontanes, was aber nicht ohne Charme ist. Ein bisschen wähnt man sich bei der Wissenschaftsshow mit Ranga Yogeshwar. Nur dass Stange um jeden Preis unterhalten will, was ihm vor allem bei den jungen Zuschauern auch gelingt.

Die Qualität der Uraufführung von „Das Wetter“ besteht vor allem darin, dass sie nebenbei in beharrlichen Bildern starke theatrale Momente generiert und dabei Themen wie Klimawandel und Umweltverschmutzung streift. Und weil sie in der Kombination mit den engagiert aufspielenden Kindern, um deren Zukunft es hier insgeheim geht, zu einer Mahnung für die Zuschauer wird.

Jan Philipp Stange wagt ein technisch aufwendiges Bühnenexperiment. Der Verzicht auf jede literarische Vorlage transportiert das Geschehen ganz klar in die hiesige Wetter- und Medienrealität. Informativ und stellenweise amüsant allemal. Schattig bis strichweise heiter sozusagen.

„Das Wetter“ wieder 30.5., 11.6., jew. 20.00, Thalia in der Gaußstraße, Gaußstraße 190, Karten unter T. 32 81 44 44;
www.thalia-theater.de